Ku Klux Klan marching down Pennsylvania Avenue in Washington DC on 13th September 1926

Jerry und die Kapuzenmänner

Der Verwertungsoligarch gewordene Stand-up Comedian Jerry Seinfeld zählt heute vor allem sein Geld. Da ihm dabei wohl langweilig wurde, entdeckte er seine Stimme als ein weiteres jüdisches Gewissen der USA. Das überrascht nicht besonders, denn zu gewinnen oder verlieren hat der 71-jährige mittlerweile kaum mehr etwas.

Als Seinfeld vergangenes Jahr wider besseres Können für eine Netflix-Komödie verantwortlich zeichnete, machten sich nur unverbesserliche Optimisten noch Hoffnungen auf ein Comeback oder eine willkommene Überraschung. Alle anderen sahen ihre Erwartungshaltung hingegen bestätigt: Unfrosted (2024) war so selten dämlich wie lachhaft, lustig oder auch nur amüsant aber keinesfalls. Es war für Netflix gewiss verlockend, den klangvollen Namen der Neunziger in sein zunehmend abgemagertes Repertoire aufzunehmen, die Hoffnung starb dann zuletzt. Der Konkurrenzdruck unter den Streaming-Angeboten ist groß, auch geschrumpfte Talente finden da noch ein Plätzchen auf den Bildschirmen einer immer zahlungsschwächeren Kundschaft.

Schon als Seinfeld am 30. September 2017 auf dem Fernsehschirm vor einem landesweiten US-Publikum nicht verstand, weshalb man den als Serienvergewaltiger verurteilten Komiker Bill Cosby nun nicht mehr lustig finden solle, waren erste Zweifel an seinem Urteilsvermögen angebracht. Umso überraschender daher Seinfelds plötzlicher Auftritt auf der großen jüdischen Leidensbühne. Mitten im grausamen israelischen Massenmord der palästinensischen Bewohner des Gasastreifens entdeckte Seinfeld sein geplagtes Gewissen und sah Gemeinsamkeiten zwischen Ku-Klux-Klan (Titelbild) und propalästinensischen Aktivisten. Der Ku-Klux-Klan wohlgemerkt! Diese durchgeknallte US-amerikanische Sekte schottischen Ursprungs mit den Kapuzen, die ihre meist afroamerikanischen Opfer einfach so gekidnappt und aufgehängt, pardon, „gelyncht“ hat.

Wenn man „Freies Palästina“ sagt, gibt man nicht zu, was man wirklich denkt. Im Vergleich zum Ku-Klux-Klan finde ich den Klan eigentlich etwas besser, weil sie offen sagen können: „Wir mögen keine Schwarzen, wir mögen keine Juden.“ Okay, das ist ehrlich.

Jerry Seinfeld am 9. September 2025 über seine Opferrolle

Aha, wer sich für ein freies Palästina einsetzt, gehört also besser in den Ku-Klux-Klan, weil dieser ehrlicher im Kampf gegen Juden und Schwarze ist. Ungelenk abgelenkt werden soll mit dieser extremen Form der Dummheit natürlich vom Dauersterben der Palästinenser durch den Hungerterror, Bomben- und Kugelhagel des Judenstaates Israel, mit dem auch Jerry überfordert zu sein scheint. Dumm nur, dass Schuldumkehr dabei ein längst abgeschnittener ganz alter Hasbara-Zopf ist. Klar, nicht der von Israel orchestrierte Hungertod und die ohne Unterlass mit allerlei Mordwerkzeugen hingerichteten und verstümmelten palästinensischen Zivilisten sorgen Seinfeld zufolge für Angst und Schrecken, sondern propalästinensische Demonstranten!

Er ist einer von denen, die alles auf Antisemitismus schieben, wenn etwas schief geht. Verstehst du, was ich meine? Die Spaghetti sind nicht al dente? Koch, Antisemit. Genau so ist es. Eine Pferdewette verloren? Sogar das Pferd … Sogar das Tier. Die Hohen Feiertage im Tempel? Rabbi, Antisemit.

Jerry Seinfeld in der Serie „Seinfeld“ (Episode The Shower Head vom 15. Februar 1996)

Vor vierzig Jahren war Seinfeld noch Paradebeispiel des auf der Bühne stehenden Alleinunterhalters, einer unermüdlichen Witzmaschine mit der immer gleichen Masche: „Wussten Sie …“ dies und das – das Publikum nahm es dankbar auf, zahlreiche Kopisten auf der ganzen Welt folgten. So stahl unter anderem der Franzose und Sohn marokkanischer Juden Gad Elmaleh ganz unverhohlen die Witze seines berühmten Kollegen und erzählte diese seinem frankophonen Publikum einfach erneut.

Als Seinfeld Ende der Achtziger auf das begnadete Stehaufmännchen unter den Fernsehautoren Larry David traf, ergab sich die geradezu perfekte Zusammenarbeit zweier Juden aus Brooklyn, die höchst erfolgreich in der von 1989 bis 1998 in über neun Staffeln laufenden Serie „über nichts“ namens „Seinfeld“ fruchtete. Seinfeld machte Seinfeld reich, was einerseits mit der besonderen Art der Ausstrahlung in den USA und andererseits damit zu tun hat, dass er wie manch andere Branchengrößen gegen Ende der Serie die famose US-Dollarmillion Honorar pro Episode erhielt.

Offiziell bezeichneten ihn die beiden US-Medien Bloomberg und Forbes vergangenes Jahr erstmals als Milliardär. Besonders geschickt waren Larry David und Jerry Seinfeld mit der Aushandlung ihrer Verträge, beide erhielten zunächst jeweils 7,5%, später gar 15% der Einnahmen aus der Verwertung der Serie. Die regionalen Verwertungsverträge der US-Sendeanstalten allein sollen Seinfeld 465 Millionen US-Dollar in die Kasse gespült haben, weitere 94 Millionen US-Dollar erhielt er von Seiten der Streaminganbieter. Seine Bühnenauftritte seit den Achtzigern hätten ihm etwa 100 Millionen US-Dollar beschert. Um das Ganze abzurunden, soll er bis heute jährliche Tantiemen zwischen 40 und 50 Millionen US-Dollar für die endlose Wiederholung seiner Fernsehserie erzielen.

Die Frage stellt sich also, wovor Seinfeld konkret überhaupt Angst hat? Die Zerstörung einer seiner zahlreichen unnahbaren Immobilien durch Bomben wird es kaum sein. Eine Hungersnot etwa? Schwer vorstellbar. Was er mit seinem ganzen Geld macht, wäre an sich nicht weiter von Interesse, gäbe es da nicht seine übergroße Leidenschaft für ausgerechnet deutsche Automobile, wobei sein besonderes Augenmerk den berüchtigten Herstellern Mercedes-Benz und Porsche gilt – beides Unternehmen mit beträchtlicher NS-Vergangenheit, was für Jerry aber kein allzu großes Problem darstellt, da sich diese nicht als Reinkarnation des Ku-Klux-Klans für ein freies Palästina einsetzen. Und außerdem: Angst vor Nazis ist doch sowas von gestern …

Mercedes-Fan Adolf Hitler
Mercedes-Fan Adolf Hitler

Donald Trumps Meister des Absurden heißt fortan Jerry Seinfeld und treibt mit dem Entsetzen Scherz. Die lustige Seinfeldblase wäre somit geplatzt, der freiwillige Humor raus und das Lachen über seine Witze schnell vergangen. Dieser neuerliche, sehr transparente und vor allem billige Versuch eines Milliardärs, von den Schandtaten Israels ablenken zu wollen, mag vielleicht bei rassistischen Existenzen wie Musk, ewig gestrigen AIPAC-Mitgliedern oder Trumps evangelikalen Betbrüdern auf offene Ohren stoßen, wird angesichts der extremen Brutalität des Netanjahu-Regimes aber nur dabei helfen, die schon beendete Karriere eines abgehalfterten Komikers nun endgültig zu den Akten zu legen.

David Andel