Altalena (1948)

Hasbara hinkt

Ein biblisches Land, in dem Milch und Honig fließen, bewohnt von einem auserwählt-leidgeprüften Volk, das tut, was recht ist, unschuldig vor sich hin wächst, mehr Platz zum Leben braucht und sein Recht auf Selbstverteidigung einfordert, um die Drecksarbeit für andere zu machen. Wer das nicht versteht, dem wird erklärt und alle Missverständnisse vergehen. Hässliche Worte ob diesem Märchen kann, darf es nicht geben.

Wer im heutigen Israel das Wort Altalena erwähnt, muss zumindest alt und gehässig sein, vermutlich beides. Wenn der Judenstaat immer öfter und länger in den Krieg zieht, dann hat er seine Lehre aus der Vergangenheit gezogen und erwartet bedingungslose Gefolgschaft. Kein Entrinnen mehr vor patriotischer Gleichschaltung, der Suff der Unbesiegbarkeit weitet die Pupillen, die Armee ist das Leben, das gelobte Land Paradies auf Erden, kein Preis dafür zu hoch, kein Weg dorthin zu lang. Als Strenggläubige hausgemachter Propaganda und Sklaven expansionistischer Triebe folgen sie jedem Ruf Bibis, der die Bruderschaft der Gerechten die Botschaft verkünden lässt: nie wieder Masada, alle sind Feinde, und allen Feinden den Tod! In dieser Massenhysterie wird sich keiner gegen die israelische Armee oder deren Handlungen stellen, denn sie ist die gerechteste, die beste der Welt. Sie kann niemals irren, sie kann kein Unrecht tun.

Soviel zur Theorie. Die Altalena (ein Pseudonym des zionistischen Führers Wladimir Jabotinsky) war ein Schiff voller Waffen und Flugzeuge aus Frankreich für den frisch entstandenen Problemstaat. Im Juni 1948 sollte die tödliche Ladung einer israelischen Armee dienen, die als Sammelbecken der terroristischen Vereinigungen Hagana (Verteidigung), Irgun (Nationale Militärorganisation) und Lechi (Kämpfer der Freiheit Israels) respektive Stern Gang (benannt nach ihrem Gründer Avraham Stern) gedacht war. Vor allem Irgun und Lechi/Stern waren Ben-Gurion ein Dorn im Auge, da diese nicht seinen Vorgaben folgen wollten. Es durfte nur einen nationalen Strang geben, an dem alle ziehen und nur eine Armee, in der alle Juden für ihre Heimat kämpfen würden.

Das war aber nicht so, denn es gab verschiedene Ziele, manche davon sehr extrem. Der 2018 verstorbene israelische Journalist Uri Avnery verglich Irgun mit dem militärischen Flügel der Hamas und stellte bei den Sternisten Ähnlichkeiten zum Islamischen Dschihad fest. Aus der trauten Einigkeit wurde daher nichts und als das schwimmende Waffenlager auch noch an falscher Stelle im Staat der zerstrittenen Zionisten anlegte, brach ein skurriler Verteilungskampf aus:

Ben-Gurion verlangte, dass ihm alle Waffen ausgehändigt werden, was Begin ablehnte. Das Feuer wurde auf das Schiff eröffnet, das den Strand von Tel-Aviv erreicht hatte. Jitzchak Rabin befehligte den Angriff. Menachem Begin, der sich an Bord des Schiffes befand, wurde von seinen Männern ins Meer gestoßen und entkam. Einige der Irgun-Männer wurden getötet, das Schiff sank mit allen Waffen im Laderaum. Ben-Gurion lobte öffentlich die „heilige Kanone“, die das Schiff versenkte.

Uri Avnery am 2. Juni 2003 über die Altalena-Affäre

Obgleich alle Zeichen auf Bürgerkrieg standen, konnte dieser abgewendet werden. Bis zum heutigen Tag hüllt man sich aus Scham über die Angelegenheit der Ungelegenheit gern in Schweigen, was Gedanken an Basil Fawltys „Don’t mention the war!“ aufkommen lässt. Israel riss sich preußisch zusammen, war fortan bei allen Waffengängen nur noch einer Meinung. Und es gab zahlreiche Kriege. Und es gab immer mehr Feinde. Und es gab immer weniger Meinungsverschiedenheiten.

Karikatur (1949), in der Ben-Gurion zur heiligen Kanone betet, die gegen die Altalena eingesetzt wurde
Karikatur (1949), in der Ben-Gurion zur heiligen Kanone betet, die gegen die Altalena eingesetzt wurde

Was Israel nicht schadet, muss für die ganze Welt eine Wohltat sein. Mittels einer Propagandamaschine namens Hasbara wurde etwas erreicht, was noch keinem anderen Staat gelang, auch nicht den USA: sämtliche Waffengänge der Israeli Defense Forces (Israelische Verteidigungskräfte, IDF) gelten als segensreich für den gesammelten Wertewesten. Kein westlicher Staatschef wagt es mehr, die ultrarechten Zionisten für ihre Handlungen zu kritisieren. Die Polit-Zampanos des kapitalistischen Fundamentalismus ziehen allesamt ihren Schwanz ein, wenn Bibi sie vor vollendete Tatsachen stellt. Und die vorgeblich vierte Gewalt im NATO-Staate frohlockt dazu noch schönere Lieder der Bewunderung, als der Völkische Beobachter es seinerzeit je zustande gebracht hätte.

Umso überraschender daher der Schock, als der stramm konservative britische Fernsehjournalist Piers Morgan sich dazu entschloss, wiederholt Vertreter jenes glorreichen Israels zu kritisieren, das doch grundsätzlich über allen irdischen Dingen steht: über der Internationalen Atomenergie-Organisation, über dem Internationalen Strafgerichtshof, über der Genfer Konvention, über der Haager Konvention, über dem Völkerrecht und über den gesamten Vereinten Nationen. Die Netanjahu-Clique war Fürsprache und Lob besonders aus rechten Kreisen gewohnt, schließlich verfolgte man gemeinsame Ziele, schützte die Menschheit vor heimtückischen Arabern, verteidigte das westliche Herrenvolk direkt an der Front der tiefen orientalischen Wildnis und machte die „Drecksarbeit“ für einen westlichen Hegemon, dessen moralische Überlegenheit erst gefunden werden kann, wenn alles in Schutt und Asche liegt.

Die erste Konfrontation Morgans mit dem bibifizierten Israel fand am 28. Mai statt. Sein Opfer war Tzipi Hotovely, israelische Botschafterin auf der britischen Insel. Erstaunlich schnell wurde klar, dass Hasbara nichts weiter als eine Worthülsenkataphasie ist: Antisemitismus, Hamas, Moral, Selbstverteidigung, Terrorismus usw. usf. Hotovely glaubte sich bequem im Strom rechtsnationaler Gemeinplätze schwimmend, versagte aber auf ganzer Linie, drehte sich argumentativ im Kreis, sofern von Argumenten überhaupt noch die Rede sein konnte.

Tzipi Hotovely, israelische Botschafterin auf der britischen Insel
Tzipi Hotovely, israelische Botschafterin auf der britischen Insel

Schon Morgans Einleitung gab den Ton an. Der Mann, der einst als Freund Donald Trumps und Feind der Araber galt, hatte zu seinen rebellischen irischen Wurzeln zurückgefunden und äußerte sich so ganz und gar nicht mehr britisch-staatstragend, wie von ihm erwartet. Mit ihm war etwas geschehen, was heute niemals mehr geschieht, was sich nicht gehört. Er trat aus dem finsteren Schatten der Hasbara heraus, dachte, was immer mehr Menschen denken und sagte, was gesagt werden muss.

Aber ich habe auch immer wieder die Frage gestellt: Was ist eine verhältnismäßige Reaktion? Und ich muss Ihnen sagen, dass ich in den letzten Wochen die Strategie der israelischen Regierung im Gasastreifen als völlig unverhältnismäßig empfunden habe. Und ich werde Ihnen erklären, warum. Wenn man eine fast dreimonatige Blockade über eine Bevölkerung verhängt, die bereits einen Großteil ihres Besitzes, ihres Landes, ihrer Gebäude und ihrer Häuser durch ein Bombardement nach dem anderen verloren hat. Wenn Sie sagen, dass Sie eine Blockade von Hilfsgütern und Nahrungsmitteln für eine Bevölkerung, in der 50% unter 18 Jahre alt sind, einführen werden, dann verfolgen Sie, wie Ehud Olmert sagte, eine Politik des Aushungerns gegenüber einer Bevölkerung, in der es offensichtlich viele Kinder gibt, und das ist ein Kriegsverbrechen. Ich meine, wie soll man es sonst nennen?

Piers Morgans Einleitung zu seiner Talkshow am 28. Mai 2025

Eine Antwort erhielt Morgan in keinem Fall. Hotovelys Worthülsen klangen wie eine aufgeputschte Miss Othmar, jene Lehrerin aus den Peanuts, der keiner mehr zuhört und deren Trickfilmstimme eine Trompete mit Schalldämpfer ist. Sie wiederholte die offizielle Propaganda, dass angeblich 30 LKW mit 25.000 Kartons voller Hilfsgüter nach Gasa gelassen worden wären, es also keine Hungerblockade wäre. Man habe Muhammad Sinwar unter dem europäischen Krankenhaus gefunden, da er sich dort versteckt gehalten habe. Israel habe genau gewusst, wie die Welt reagieren würde, wenn Israel Krankenhäuser angreife. Die Hamas jedoch würden Unschuldige als menschliche Schutzschilde nutzen und Terroristen wären überall. Morgan konnte all das nicht mehr hören und entpuppte sich als ausgezeichneter Journalist.

Das Problem ist, dass, während Sie all das sagen und versuchen, es zu rechtfertigen, Leute wie Smotrich auftauchen und absolut kristallklar machen, was der wirkliche Plan ist, nämlich den Gasastreifen komplett von allen Palästinensern zu säubern und sie in „ein Drittland“ zu bringen. Das ist eine Form von Völkermord. Sei es die gezielte Auswahl von Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, die Vertreibung aus ihren Häusern oder die Ermordung vieler von ihnen in diesem Prozess. Ich weiß nicht, wie Sie es sonst nennen würden. Ich habe mich dagegen gesträubt, das Wort Völkermord dafür zu verwenden. Aber wenn ich mir ansehe, was Herr Smotrich gesagt hat und seine genauen Worte analysiere, fällt es sehr schwer, zu einem anderen Schluss zu kommen als dem, dass er eine Strategie des Völkermords verfolgt und den gesamten Gasastreifen von allen Palästinensern säubern möchte, wie er es ausdrückte. Man kann also versuchen, die über drei Monate anhaltende Blockade zu beschönigen, während der wir die verhungernden Kinder gesehen haben, um die Sie sich angeblich sorgen. Aber Sie haben Smotrich, der den wahren Plan offenlegt, nämlich alle Palästinenser aus dem Gasastreifen zu vertreiben. Und das ist eine Form von Völkermord, nicht wahr? Wie würden Sie es sonst nennen?

Piers Morgans Fragen an Tzipi Hotovely am 28. Mai 2025

Strategiewechsel: Hotovely versucht es diesmal mit einer wenig glaubwürdigen Distanzierung gegenüber den Äußerungen Smotrichs. Dieser wäre schließlich nicht Premierminister des Landes, so wie britische Medien dies immer wieder darstellten, sondern nur ein Minister von vielen und dabei nur für die Finanzen zuständig. Auf Morgans Frage, ob Smotrich also ein Lügner wäre, gab Hotovely wenig überraschend keine Antwort. Morgan erhöhte zunächst den Druck und nahm dann volle Fahrt auf.

Ihr tötet täglich eine Menge Kinder. Das ist unbestreitbar. Meine interessante Frage an Sie ist, wie es kommt, dass Sie genau wissen, wie viele Hamas-Terroristen Sie getötet haben, aber Sie haben keine Ahnung, wie viele Kinder Sie getötet haben.

Piers Morgans Frage an Tzipi Hotovely am 28. Mai 2025

Hotovely tappte mit weit offenen Augen in Morgans Falle und meinte, sie wisse sehr genau über alle Zahlen Bescheid. So wären mittlerweile 30.000 Hamas-Kämpfer getötet worden, aktuellere Zahlen lägen aber noch nicht vor. Dennoch war sie trotz wiederholter Fragen Morgans nicht dazu in der Lage, über die Zahl toter Kinder Auskunft zu erteilen, woraufhin der zunehmend ungeduldige Journalist schließlich auf die von Israel verhängte Nachrichtensperre hinwies, aufgrund derer unabhängige Berichterstattung nicht mehr möglich wäre.

Warum lassen Sie internationale Journalisten nicht nach Gasa, damit sie fair und frei berichten können, ohne von den IDF herumgeführt zu werden? Sie lassen keine Journalisten rein, weil Sie sie verboten haben. Und der einzige Grund, warum ihr internationalen Journalisten weiterhin verbietet, dort hineinzugehen ist nicht wegen unserer Sicherheit, wie ihr alle so verwunderlich sagt. Es ist, weil Sie nicht wollen, dass westliche Journalisten dort hingehen und sehen, was wirklich passiert. Nur Sie wissen, warum. Nur die israelische Regierung weiß, warum Sie Journalisten internationaler Medienorganisationen weiterhin verbieten wollen, nach eigener Risikoeinschätzung hinzugehen und tatsächlich herauszufinden, ob das, was Sie sagen, wahr ist oder nicht. Und wenn Sie internationale Journalisten hereinlassen, dann würden sie vielleicht nicht nur die Zahl der getöteten Terroristen zählen. Sie wären auch in der Lage zu erfassen, wie viele Kinder getötet wurden, denn es erscheint mir völlig außergewöhnlich, dass Sie als Botschafter meines Landes mit völliger Klarheit und Gewissheit sagen können, dass 30.000 Hamas getötet wurden, aber Sie absolut keine Ahnung zu haben scheinen, wie viele Kinder dabei gestorben sind. Sie haben keine Ahnung oder kein Interesse. Ich weiß nicht, was von beidem zutrifft.

Piers Morgans Frage an Tzipi Hotovely am 28. Mai 2025

Hotovely verliert sich weiter in Worthülsen und scheint nur noch darum bemüht zu sein, davon abzulenken, dass die Zahl unschuldiger Opfer extrem hoch ist, um immer wieder zu behaupten, alles wäre allein die Schuld der Hamas. Morgan verliert angesichts der Hasbara-Endlosschleife die Lust auf weitere Nachfragen und beendet das Gespräch mit einer bitteren Bilanz.

Mir macht das alles keinen Spaß, Frau Botschafterin. Ich genieße nichts von alledem. Ich denke, dieser Krieg sollte jetzt beendet werden. Ich denke, Ihre Strategie versagt und sollte jetzt beendet werden. Sie brauchen eine bessere Strategie. Sie brauchen einen Plan, der funktionieren kann. Sie brauchen einen Plan für die Zeit nach dem Krieg. Die Überzeugung wächst, dass Ihr Premierminister Netanjahu keinen Anreiz hat, diesen Krieg zu beenden. In dem Moment, in dem er es tut, machen ihn 70% der Israelis für das verantwortlich, was am 7. Oktober überhaupt erst passiert ist. Er wird also seinen Job verlieren. Dann wird er wegen Korruption angeklagt. Er wird in einem Gerichtssaal sitzen, von wo aus er ins Gefängnis gehen könnte. Wo ist der Anreiz für diesen Führer, diesen Krieg zu beenden? Es gibt keinen. Deshalb sind wir da, wo wir jetzt sind. Und das ist die kalte, harte Realität, in der wir uns befinden. Und das ist der Grund, warum Ihre eigenen ehemaligen Premierminister sich gegen diese Strategie und diese Regierung und ihre Politik wenden. Und Sie wissen es und ich weiß es.

Piers Morgans Frage an Tzipi Hotovely am 28. Mai 2025

Am 23. Juni folgte schon das nächste peinliche Kapitel für Israel. Ganz so, als wären die staatlichen Akteure des Bibi-Regimes mit ihren eigenen Handlungen überfordert, tappte ein weiterer israelischer Regierungssimpel in Morgans Falle. Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Angelegenheiten, war dem Briten alles andere als gewachsen, wirkte wie ein gereizter Halbstarker auf der Schulbank und flüchtete schließlich in den Antisemitismusgraben, was den Moderatoren nur noch mehr in Rage versetzte. Angesichts des Meinungswandels von Piers Morgan hatte Chikli schon im Vorfeld den Fehler begangen, den britischen Moderator als Antisemiten zu bezeichnen.

Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Angelegenheiten
Amichai Chikli, Minister für Diaspora-Angelegenheiten

Die Anschuldigungen, ich wäre antisemitisch, begannen erst, als ich mich entschloss, meine Kritik an den Maßnahmen Ihrer Regierung im Gasastreifen schärfer zu formulieren, eine Kritik, die übrigens von vielen Verbündeten Israels geteilt wird, von mindestens zwei Ihrer ehemaligen Premierminister. Mit dieser Kritik stehe ich also nicht alleine da. Viele Menschen denken, dass das, was Sie in den letzten Monaten in Gasa getan haben, Kriegsverbrechen darstellt. Und wir haben von einem Ihrer Kollegen, dem Finanzminister Smotrich, gehört, dass der große Plan, soweit es ihn betrifft, nicht darin besteht, die Geiseln zurückzubekommen oder die Hamas zu besiegen, sondern alle Palästinenser aus dem Gasastreifen zu vertreiben. Ich bin neugierig, warum Kritik an Ihrer Regierung für solche Dinge und für das, was Leute wie Smotrich sagen, Antisemitismus sein soll.

Piers Morgan zu Chikli am 23. Juni 2025

Wie ein beim Naschen erwischtes Kind stritt Chikli wenig glaubwürdig ab, überhaupt jemals behauptet zu haben, Morgan wäre Antisemit und verfiel nach der unvermeidlichen Konfrontation mit den Tatsachen in die völlige Unfähigkeit, Morgan Antisemitismus nachzuweisen, behauptete schließlich aber, dessen Sendung wäre eine antisemitische Medienplattform. Nach einem immer lauter werdenden Wortwechsel folgte erneut die unbewiesene Darstellung, alle Krankenhäuser Gasas wären Niederlassungen der Hamas. Sonach stellte Morgan entnervt die Frage, wie viele Krankenhäuser Gasas Israel insgesamt zerstört hätte und wie viele davon Hamas-Zentralen gewesen wären. Chikli meinte ausweichend, es habe 240 Verhaftungen gegeben, konnte aber keine weiteren Details nennen, was Morgan in nicht geringem Maße verärgerte.

Wie kann ich Ihnen glauben? Sie tun das, was viele der Minister in den letzten Monaten getan haben. Sie stellen im Grunde genommen alles in Frage, was die Kriegsstrategie der israelischen Regierung in Zweifel zieht. Darauf sage ich, dass es einen sehr einfachen Weg gibt, wie Sie eine unabhängige Überprüfung all der Dinge bekommen können, die Sie sagen – dass alle Krankenhäuser Terrorlager der Hamas waren, dass jede Story, die man liest, Fehler der IDF sind, Menschen zu töten, wo sie es nicht hätten tun sollen und der Rest davon, dass all das anscheinend alles nur schreckliche Fehler sind, richtig? Warum lassen Sie nicht internationale Journalisten von außen kommen und ihre Arbeit machen, dann können diese alles, was Sie sagen, überprüfen? Es gibt einen Grund, warum sich die israelische Regierung weiterhin weigert, Journalisten in den Gasastreifen zu lassen. Es geht nicht um ihre Sicherheit. Ihnen ist die Sicherheit von Journalisten egal, weil fast 200 palästinensische Journalisten getötet wurden. Ich weiß, was Sie jetzt sagen werden. Die sind alle von der Hamas. Okay, das ist in Ordnung. Eine weitere Behauptung, die nicht überprüft werden kann, weil Sie keine unabhängigen Journalisten zur Überprüfung zulassen.

Piers Morgan zu Chikli am 23. Juni 2025

Chikli zieht sich dann tatsächlich auf die gerade von Morgan erwähnte Behauptung zurück, dass viele der Journalisten in Gasa Hamas-Aktivisten gewesen wären. Da dies angesichts deren oftmaliger Ermordung nicht mehr nachgewiesen werden kann und Israel konsequent jegliche unabhängige Berichterstattung verhindert, ist Morgan angesichts der unablässigen Wiederholung der gleichen Parolen nicht mehr zu halten.

Sie sehen, was Sie wieder tun, richtig? Sie unterstellen, dass alle zur Hamas gehören. Alle Krankenhäuser sind von der Hamas. Alle Journalisten sind von der Hamas. Alles ist Hamas. Jeder Todesfall ist die Schuld der Hamas. Jedes Kind, das verhungert, ist die Schuld der Hamas. Jeder, der bei den Schießereien um Lebensmittel erschossen wird, die wir in den letzten Wochen gesehen haben, was schockierend zu beobachten ist. Jeder einzelne davon ist die Schuld der Hamas. Alles ist die Schuld der Hamas. Die IDF macht nichts falsch. Die israelische Regierung tut nichts Falsches. Und es gibt einen Grund, warum Sie das alles sagen können. Es gibt einen Grund, warum Sie sich zurücklehnen und das alles sagen können. Sie lassen keine Journalisten zu, die ihre Arbeit machen, um zu überprüfen, was Sie sagen. Damit Sie sagen können, was Sie wollen, und wir es alle einfach akzeptieren müssen. Verstehen Sie das Problem?

Piers Morgan zu Chikli am 23. Juni 2025

Es folgt das i-Tüpfelchen aller Antworten: Chikli weist schüchtern auf die eingebetteten 135 Journalisten aus 80 Ländern hin, die von der israelischen Armee wie durch einen völlig zerstörten Zoo geführt wurden, was zu kaum einer journalistischen Ausbeute geführt hat. Da diese Diskussion zu nichts weiter führt, stellt Morgan erneut die Frage nach konkreten antisemitischen Dingen, die er gesagt hätte, worauf Chikli ausweichend meint, er wäre beim aktuellen Gespräch davon ausgegangen, dass über den Iran hätte geredet werden sollen, woraufhin Morgan antwortete, er redete nun lieber über Chiklis Antisemitismus-Vorwürfe. Chikli wiederholte müde blinzelnd, Morgan habe Holocaust-Verleugner eingeladen und Morgan konterte, dass dies der Fall gewesen wäre, um deren Position zu hinterfragen, woraufhin Chikli die Auffassung vertrat, dafür wäre er zu höflich gewesen. Morgan stellte nüchtern fest, Chikli habe seine Sendung offenkundig noch nie gesehen. Schließlich ging Chikli zum Angriff über und hielt Morgan vor, dieser habe die britische Anwältin und Israel-Lobbyistin Natasha Hausdorff schikaniert, was sich auf eine andere Sendung bezog. Hausdorff verbreitete darin wie unter Drogen stehend proisraelische Propaganda mit der Geschwindigkeit von Maschinengewehrsalven. Der weitere Verlauf des Gesprächs glitt in eine Farce ab, in der Morgan letztmalig auf gegen die ihn erfolgten Antisemitismus-Vorwürfe einging.

Komischerweise haben Sie das nicht getan, als ich gegen Leute vorgegangen bin, die die Hamas nicht verurteilen wollten. Da habt ihr mich alle angefeuert, nicht wahr? Das war dann kein Schikane. Als ich die unterbrochen habe und auf sie losgegangen bin, habt ihr das für großartigen Verhörjournalismus gehalten. Aber in dem Moment, in dem ich auf euch losgehe und die unvertretbaren Aktionen kritisiere, die ihr jetzt in Gasa durchführt, bin ich plötzlich ein Tyrann. Seht ihr, wie erbärmlich das klingt? […] Wissen Sie, was mich zum Lachen bringt? Sie haben Tausende von Menschen in den sozialen Medien dazu inspiriert, mich als Judenhasser zu bezeichnen, und Sie haben die Frechheit zu behaupten, ich würde Sie schikanieren. Ehrlich gesagt, lassen Sie sich ein paar Eier wachsen. Das ist erbärmlich.

Piers Morgan zu Chikli am 23. Juni 2025

Die bislang dritte für Israel unangenehme Morgan-Show folgte bereits am 2. Juli. Diesmal war das Opfer May Golan, ihres Zeichens israelische Ministerin für soziale Gerechtigkeit. Auch hier immer wieder die bohrende Frage nach der Zahl ziviler Opfer, auf die die durch und durch bibifzierte Golan keine Antwort vorzuweisen hatte.

May Golan, israelische Ministerin für soziale Gerechtigkeit
May Golan, israelische Ministerin für soziale Gerechtigkeit

Ich habe das Recht Israels auf Selbstverteidigung verteidigt. Aber dieses Recht auf Selbstverteidigung wurde jetzt von hochrangigen Mitgliedern Ihrer Regierung, Ihren Kollegen, Smotrich, Ben-Gvir und anderen, rechtsextremen Mitgliedern dieser Regierung, verwirkt, die jetzt sehr dreist und sehr offen darüber sprechen, was sie wirklich wollen, nämlich die Säuberung des Gasastreifens von allen Palästinensern, wie sie sagen. Das ist eine ethnische Säuberung. Das ist ein Kriegsverbrechen. Sie werden das vielleicht nicht sagen, aber Ihre Kollegen sagen es, und sie wollen den Gasastreifen von allen Palästinensern säubern, wie sie es nennen. Das ist keine Selbstverteidigung. Das ist ethnische Säuberung. Sie können also das moralische Argument über den 7. Oktober gegen mich ins Feld führen, aber es ist sinnlos.

Piers Morgan zu May Golan am 2. Juli 2025

Golan, die bereits während des Auftritts ihres Vorredners beeindruckende Grimassen zog, versuchte Morgan vergeblich, unter einem Wortschwall zu begraben. Ihre mathematischen Fähigkeiten erinnerten an jene Baerbocks, als sie von „einer Million Prozent“ sprach, was die völlig unschuldigen Absichten der israelischen Verteidigungskräfte anbelangte und damit wiederum zur Hasbara-Sprechpuppe wurde. Sie meinte, Morgan wäre einfach fehlgeleitet, man habe ihn falsch informiert. Die ehemaligen Premierminister Israels, mit denen Morgan gesprochen habe, wären verbittert, weil man sie nicht mehr wählen würde und die Aussagen Smotrichs oder Ben-Gvirs fußten auf einem Vorhaben Donald Trumps für Gasa und keiner israelischen Idee. Morgan ließ sich davon nicht beeindrucken und wies Golan auf ihre eigenen Aussagen hin.

Lassen Sie mich Sie an einige Dinge erinnern, die Sie selbst gesagt haben. Während einer Kundgebung am 24. Oktober zur Unterstützung der jüdischen Siedlungen in Gasa sagten Sie, dass es eine weitere Nakba geben sollte, und bezogen sich dabei auf die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern im Jahr 1948. Sie sagten auch: „Ich bin persönlich stolz auf die Ruinen von Gasa und darauf, dass jedes Kind noch in 80 Jahren seinen Enkeln erzählen wird, was die Juden getan haben“. Das war im Februar. Sie haben dies gesagt. Sie forderten explizit Gewalt gegen die Hamas und die Palästinenser im Februar 2024. […] Im Dezember 2023 sagten Sie: „Gasa ist mir egal. Es ist mir buchstäblich völlig egal.Sie sagten, Smotrich und Ben-Gvir seien Rechtsextremisten. Sie selbst klangen aber auch ziemlich rechts.

Piers Morgan zu May Golan am 2. Juli 2025

Golan bestätigte kurzerhand, auch rechts zu sein. Eine Rechtfertigung angesichts ihrer drastischen Aussagen war von ihr nicht mehr zu vernehmen. Im weiteren Verlauf der Diskussion mit Golan kam Morgan erneut auf die Frage nach der Pressezensur zu sprechen, worauf er wie schon in sämtlichen Fällen zuvor keine sinnvollen Antworten erhielt.

Wissen Sie was, Frau Minister? [Die israelische Armee] ist nicht sehr gut damit, unschuldige Menschen zu meiden.

Piers Morgans Reaktion auf die Behauptung von May Golan am 2. Juli 2025, die israelische Armee trete für eine größtmögliche Vermeidung von Opfern unter der Zivilbevölkerung ein

Am gleichen Tag setzte der halbprivate und in der Vergangenheit oftmals rebellische britische TV-Sender Channel 4 noch eins drauf und strahlte während der Primetime den ursprünglich vom öffentlich-rechtlichen Konkurrenten BBC in Auftrag gegebenen, dann aber aufgrund interner Machtspiele wieder fallen gelassenen Dokumentarfilm Gaza – Doctors Under Attack aus, über den der britische Guardian meinte, dass dies „die Art von Fernsehen, die einen nicht mehr loslässt“ wäre und zu einer internationalen Reaktion führen werde. Dem vorausgegangen war eine unsägliche Diskussion über die vermeintlich fehlende „Objektivität“ der Produktion, da just aufgrund der Nachrichtensperre Israels sowie der zahlreichen IDF-Anschläge auf Journalisten in Gasa schließlich nur Palästinenser beteiligt gewesen sein konnten.

Nach dem zuvor ausgestrahlten, später aber wieder zurückgezogenen BBC-Beitrag Gaza: How to Survive a Warzone war dies ein weiterer Schlag ins Gesicht derjenigen Kräfte, die die Gasa-Berichterstattung unter allen Umständen zu verhindern suchen. Derartiger Journalismus ist in Deutschland undenkbar, da das Land in offenkundiger Wahrung lieb gewonnener Traditionen bevorzugt auf Seiten des Stärkeren steht. Wenn auch nicht in Deutschland, so fängt nach vielen Jahren der Narrenfreiheit Israels Hasbara deutlich an zu hinken, woran auch die zahlreichen restriktiven Maßnahmen gegen die Meinungsfreiheit nichts ändern werden. Wenn der Westen der Werte blind jene des Pariastaates Israel vertritt, stellt sich die Frage, wogegen er kämpft? Gegen die Freiheit, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit aller Völker?

David Andel