Héctor Germán Oesterheld

My Country, Right Or Wrong!

Im April 1816, nach seiner Mission zur Unterzeichnung des Friedensvertrags mit Algerien, wurde der US-amerikanische Marineoffizier Stephan Decatur in seiner Heimat wie ein Held empfangen. Während eines Banketts ihm zu Ehren in Norfolk, Virginia erhob er das Glas und sagte: „Unser Land! Möge es in seinem Verkehr mit fremden Nationen immer im Recht sein – unser Land, ob richtig oder falsch!“

Ob diese Anekdote exakt den Tatsachen entspricht oder nicht, sei dahingestellt. Was haften blieb, ist das Ende der Ansprache, gilt es doch als patriotische Aussage schlechthin. Man hörte die Worte in zahlreichen Varianten seither immer wieder, so auch im Fernsehmehrteiler Tadellöser & Wolff (1975) über eine deutsche Mitläuferfamilie des NS-Unrechtsregimes, basierend auf der autobiografischen Romanreihe Walter Kempowskis. Vater Karl Kempowski spricht darin vor der Rückkehr ins Kriegsgeschehen unerwartet herablassend über sein Land und erstaunt so den anwesenden dänischen Gast Sven Sörensen:

Und dann wurde dem Dänen der Unterschied zwischen »Deutscher« und »Nazi« erklärt. »Allright«, das verstehe er jetzt: Right or wrong: my country.

Aus Tadellöser & Wolff von Walter Kempowski, Seite 231 (Erstauflage von 1971)

Nationalstolz ist der Stolz desjenigen, der außer seinem Land, dessen Zugehörigkeit ihm wie ein Stempel aufgedrückt wurde, nichts weiter hat. Es ist ein seltsamer Stolz, denkt man unter anderem daran, was das Land für seine Staatsbürger tut. Eine gewinnträchtige Situation ist es selten, wenn für gezahlte Steuern irgendwelche Leistungen erbracht werden, auf die im großen Ganzen niemand mehr Einfluss zu haben scheint. Im Prinzip lohnt sich die Angelegenheit nur für Besitzer großer Geldvermögen, deren Freiheiten ebenso beträchtlich wie ihre Abgaben ans Finanzamt gering sind. Jene Günstlinge aber opfern sich höchst ungern für ihr Land, verlassen es zudem zu jeder nur möglichen Gelegenheit.

Besonders im Fall des weltkriegserfahrenen Deutschland oder anderer kriegstüchtiger Staaten wie Israel und den USA scheint es für Bürger besser zu sein, das Weite zu suchen, da diejenigen, die Kriege anzetteln, sie niemals führen werden. Und mittlerweile sind weit mehr Menschen als nur Historiker mit den Umständen vertraut, unter denen die vergangenen Kriege entstanden. Die Bilanz ist düster und kann kaum davon überzeugen, für irgendwas sein Leben in einem Krieg zu opfern.

Kriegsdienst im Kriegsfall bleibt eines der wenigen todsicheren Rechte der Unterschichten dieser Welt. Wenn die politische Kaste vom Volk den Einsatz des Lebens verlangt, dann ist dies nicht minder größenwahnsinnig als ein einzelner Bürger, der sich mit einem ganzen Land identifiziert, das er meist weder kennt noch versteht. In der argentinischen Netflix-Serie El Eternauta, die einen Angriff Außerirdischer und die Reaktion einer Gruppe alter Freunde darauf schildert, war jener eigenartige Satz aus dem Mund eines militärischen Befehlshabers zu hören:

Was, wenn ich Ihnen sage, dass Sie Ihrem Land jetzt dienen können?

Aus El Eternauta, Folge Jugo de tomate frio, ab 06:43

Wie kann ein Mensch einem Land dienen, das sich aus unterschiedlichen Personen mit verschiedenen Zielen zusammensetzt? Wessen Interessen werden dann konkret vertreten? Die einer Region, einer Partei, einer Gewerkschaft, einer Kirche, des Militärs oder die einer vorübergehenden Regierung? Wie kann ein einzelner Soldat kulturelle und politische Vielfalt verteidigen, wenn Bestandteil jener Vielfalt die Meinung Andersdenkender ist, die keinen Krieg führen wollen? Was genau würde da verteidigt werden? Ein Durchschnitt, die Gleichschaltung aller Meinungen, Ergebnisse von Meinungsumfragen, Launen oder Stimmungen? Mehr als eine Sichtweise aus einer kurzzeitig gültigen Perspektive heraus, die auf beeinflussbaren, unvollständigen Informationen beruhen muss, kann es nicht sein. Das Ganze ergibt keinen Sinn.

Die Serie El Eternauta basiert auf einem Comic des deutschstämmigen Héctor Germán Oesterheld (Titelbild), den die argentinische Militärjunta unter General Jorge Rafael Videla 1976 verhaftete und dann verschwinden ließ. Soviel zum besonderen Vertrag zwischen Staat und Bürger. Das erinnert an die endlosen Schicksale perfekt in die deutsche Gesellschaft integrierter Juden wie etwa den Berliner Polizeivizepräsidenten Bernhard Weiß. Dieser trat 1904 als Freiwilliger ins Erste Chevaulegers-Regiment der bayerischen Armee ein, erhielt das Reserveoffizierpatent und wurde 1908 zum Leutnant befördert. Er konnte sich absolut nicht vorstellen, dass ausgerechnet jenes Land ihn in Gefahr bringen würde, das er mit derart großer Leidenschaft vertrat.

Als die NSDAP am 30. Januar 1933 die Macht übernahm, verweilte Weiß noch einige Wochen bis zum Erlass eines Haftbefehls und der Aussetzung eines Kopfgelds auf ihn in Berlin. Nicht vor der Stürmung und Plünderung seiner Wohnung ergriff er im letzten Moment die Flucht durch den Hinterausgang. Nach einer Zwischenstation in Prag und seiner Ausreise nach London im Folgejahr fand er am 29. Juli 1951 den Krebstod. Sein sehnlichster Wunsch zu Lebzeiten war es, nach Berlin zurückzukehren. Eine Lehre aus den Geschehnissen der letzten Jahre hatte er offenkundig nicht gezogen.

Bernhard Weiß (1930)
Bernhard Weiß (1930)

Der deutsch-jüdische Autor Maxim Biller unterlag dieser Tage einem ähnlichen Missverständnis und ging davon aus, die von Bibi eingeforderte, der deutschen Regierung als „Staatsräson“ deklarierte und insgesamt als Narrenfreiheit missverstandene „Sicherheit Israels“ besäße Allgemeingültigkeit, zumindest für Leser des Wochenblattes Zeit. Er meinte, die „unmenschliche Hungerblockade“ von Gasa wäre eine „strategisch richtige“ und schwafelte davon, beim jüngsten nicht erklärten Krieg Israels handele es sich um eine „rein defensive Iran-Kampagne“.

Als Kind habe ich den Prager Frühling mitbekommen, ich habe Panzer im Park gesehen, das war hundert Meter von unserem Haus entfernt. Das ist meine Ur-Erfahrung, meine Kindheitssuppe, in der ich immer noch schwimme. Darum macht mich jede Art von kollektiver Vergewaltigung eines Individuums rasend.

Maxim Biller am 10. Dezember 2009 über eine Ur-Erfahrung, die er Palästinensern nicht zugesteht

Die Sinnlosigkeit von Kriegen wird bestätigt, wenn unmenschliche Handlungen von Staaten als strategisch richtig empfunden werden. Kriege sind keine defensiven Kampagnen und der Iran das, was er heute ist, Folge des ersten britisch-amerikanischen Regimewechsels 1953 und französischen Exils Ruhollah Musawi Chomeinis. Zwischen diesen beiden Ereignissen profitierte das gelobte Land fürstlich vom Polizeistaat Mohammad Reza Pahlavis und findet heute nichts dabei, den gesamten Nahen Osten an die Wand zu klatschen, damit das auserwählt-siedelnd-stehlende Unschuldsvolk mithilfe evangelikaler Spinner seine 613 Mitzwot einhalten und von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt oder „from the river to the sea“ expandieren kann. My country, right or wrong!

Als Bürger in einen Staat zu investieren, ist eine verlustreiche Affäre – Nationalstreber werden mit dem Tod belohnt. Endlos aneinandergereihte uniforme Gräber, hinter denen sich dramatische Schicksale verbergen, zeugen davon, dass der Einzelne nichts wert ist. Auch Israel ist kein Staat, der seine Bürger und erst recht nicht alle Juden dieser Welt verteidigt. Wer dies glaubt, muss Biller sein und hat aus der Geschichte nichts gelernt. Alleine der 7. Oktober 2023 war deutlicher Hinweis darauf, zumal dem ein Kriegsakt sondergleichen folgte, der die Sicherheit Israels bis ans Ende aller Tage untergraben wird. Stolz auf 85.000 Tonnen Bomben und mehr als 179.411 tote wie verletzte Palästinenser? Wenn überhaupt, dann ist Israel nur für einen sicher: Binjamin Netanjahu. Mit ihm jedoch ist kein Staat zu machen, auch nicht Israel.

David Andel