Was kriegstüchtig heißt, lässt sich vorzüglich dem Beispiel Israel entnehmen. Binjamin Netanjahu ist für Frieden nicht hinreichend qualifiziert. Mit Bibis Bande des Schreckens sind nur kalte, heiße und lauwarme Dauerkriege oder wirtschaftliche Zwangsehen zu erwarten.
Auch die Bevölkerung Israels ist kaum noch zu Frieden imstande, die verbliebene politische Opposition wirkt homöopathisch, Glaube herrscht, Logik fehlt, Hoffnung stirbt. Eine Zukunft sieht anders aus, jahrzehntelang wuchernde Propaganda trägt faule Früchte und der Dauerkrieg verbleibt als einzige Option. Es wird nicht mehr gelebt, es wird gebetet, gekämpft, gestorben. Alle Visionen eines glaubens- und völkerübergreifenden brüderlich wie schwesterlich erlebten Palästinas sind finsterem Chaos gewichen. Was noch träumen, was noch denken, was noch tun? In einem Leserbrief in einer überregionalen israelischen Tageszeitung wurde unlängst das belgische Modell als Lösungsweg vorgeschlagen und hoch gelobt. Es kann nur der Vorschlag eines Nichtbelgiers gewesen sein.
In Europa gibt es etliche Staaten mit sprachlichen Minderheiten, extremer als in Belgien kann es aber kaum werden. Dort gibt es bei zwölf Millionen Einwohnern nicht nur eine Vielzahl unterschiedlicher Sprachen, sondern auch sehr von einander abweichende Mentalitäten. Rein theoretisch spricht man im Norden des Landes (13.624 km²) zwar überwiegend Niederländisch, jedoch nirgends dasselbe. In kaum einer Region, in der eine bestimmte Niederländischvariante des Flämischen gesprochen wird, kann man davon ausgehen, dass dies noch im nächsten Ort der Fall ist.
Im überwiegend frankophonen Süden (16.901 km²) sowie der Hauptstadtregion Brüssel spricht man zwar mehrheitlich Französisch, doch gibt es zahlreiche sprachliche Minderheiten. In Teilen der an Luxemburg angrenzenden belgischen Region gleichen Namens wurde einst Lëtzebuergesch gesprochen, so wie offiziell im Großherzogtum immer noch der Fall. In Wallonien sprach man ansonsten Wallonisch, wovon es wie im Niederländischen Nordbelgiens für jede Region eine Variante gab. Lëtzebuergesch in Belgien ist zwischenzeitlich ausgestorben. Wallonisch ist derweil selten geworden und wurde vom Französischen mit dekorativen Belgizismen verdrängt.
Dann wären da noch die beiden Sonderfälle der deutschsprachigen Gemeinde Belgiens (854 km²) sowie der Hauptstadtregion Brüssel (162 km²). In der deutschsprachigen Gemeinde spricht man erwartungsgemäß Deutsch, was den Steuerflüchtlingen des Nachbarlandes genehm ist. Auch im Deutsch Belgiens haben sich etliche Belgizismen breit gemacht, allerdings weniger als etwa im belgischen Französisch oder Niederländisch.
Die Region Brüssel-Hauptstadt ist mit keiner der anderen Regionen zu vergleichen. Die Hauptstadt Europas mit ihren zahlreichen internationalen Institutionen ist nach Dubai die multikulturellste Stadt der Welt, allerdings um Dimensionen tiefgründiger als die künstliche Wüstenmetropole, deren Vielvölkerstatus wirtschaftlich bedingt ist. Jerusalem war auch mal so ein Ort, aber das ist lange her. In Brüssel sprach man ehemals einen eigenen Dialekt namens Brusseleir, der zwischenzeitlich weitgehend vergessen ist. Längst ist Brüssel eine französischsprachige Stadt, was nur in Flandern nicht begriffen wird.
Übertrüge man das Beispiel Belgien auf Palästina, so ergäbe dies rein flächenmäßig keinen Sinn. Das westasiatische Israel belegt heute eine Fläche von über 20.000 km², wohingegen Restpalästina noch über 6.000 km² groß ist – von einem gleichberechtigt geteilten Land kann keine Rede mehr sein. Zudem arbeitet die religiös-zionistische Siedlermiliz an der kontinuierlichen Landnahme dessen, was vom arabischen Palästina noch übrig ist. Letztlich betreibt Israel eine gewalttätige Überfremdung, die auf historischen Wurzeln fußen soll, die nicht mehr als ewig gestrig, sondern ewig absurd bezeichnet werden müssen.
Eine solche Situation besteht im westeuropäischen Belgien nicht, doch fühlt sich der mehrheitlich politisch rechtsextrem wählende Norden Belgiens unablässig vom frankophonen Süden bedroht. Es gibt zwar mehr Niederländisch (über sechs Millionen) als Französisch (über vier Millionen) sprechende Belgier, doch jahrzehntelange politische Auseinandersetzungen haben dem Norden des Landes den Eindruck vermittelt, um sein Überleben kämpfen zu müssen. In der Tat erinnert dies an die Situation, die heute Israel vorgibt. Dort fühlen sich etwa 7,5 Millionen Juden von etwa zwei Millionen Arabern auf israelischem Staatsgebiet und 5,5 Millionen verbliebenen Arabern auf palästinensischem Restgebiet bedroht, womit wieder ähnliche Verhältnisse wie in Belgien vorlägen.
Da Israel sich mehr oder weniger von allen islamisch dominierten Staaten, arabischen Staaten und auch dem Iran bedroht sieht und es daher selbst auch bedroht, lässt sich hier kaum mehr etwas miteinander vergleichen. Allenfalls der über die vergangenen Jahrzehnte politisch sorgfältig gepflegte Eindruck der nordbelgischen Region Flandern, von frankophonen Europäern auch aus Frankreich überrannt zu werden, erinnert etwas an die in Israel zelebrierte Politik leidenschaftlicher Konfrontation. Nur Israelis verstehen, warum sie inmitten Arabiens verweilen und alle Araber vertreiben wollen. Auch dem nordbelgischen Flandern kommen immer wieder die tollsten Ideen, seine zu vernachlässigende kulturelle Bedeutung mit politischer Gewalt bis zum Platzen aufzublähen.
Das rechtsextreme nordbelgische Flandern schwärmt seit Jahrzehnten von einem unabhängigen eigenen Staat, in welchem nur noch heterogenes niederländisches Kauderwelsch gesprochen würde. Allerdings verlöre es dann einen Teil seines Staatsgebiets, da die mehrheitlich frankophone Hauptstadtregion Brüssel nicht direkt an den frankophonen Süden angrenzt. In gewissem Sinne ist Brüssel daher der belgische Gasastreifen. Nur gar zu gern würde sich Flandern Brüssel einverleiben und sich dann vom Rest des Landes abnabeln. Dummerweise verließe es damit gleichzeitig die EU und müsste nach der Separation erneut einen Mitgliedsantrag stellen, so es überhaupt gewillt wäre, EU-Mitglied zu bleiben. Die Kosten der ganzen Aktion wären beträchtlich und der größte Störfaktor Brüssel zudem ungelöst. Es ist ausgesprochen unwahrscheinlich, dass das multikulturelle Brüssel sich der aggressiven flämischen Monokultur anzuschließen bereit wäre.
Und obgleich die beiden größten belgischen Parteien nun am flämischen rechten Rand zu verorten sind, die rechtsextreme N-VA zudem den Premierminister stellt, gibt es unter anderem wegen der störrischen Hauptstadtregion Brüssel und seiner Institutionen immer noch kein unabhängiges Flandern. Es wäre kaum auszumalen, dass ausgerechnet der Hauptsitz der EU und NATO aus dem von dort aus vorgegebenen Rahmen fiele. Bislang hat Flandern Brüssel wie auch die wallonische Region trotz aller Gegensätze nicht bombardiert, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass man sich die gleiche Armee teilt. Was jedoch unaufhörlich stattfindet, sind Sachbeschädigungen flämischer Kleingeister, sobald an der sprachlichen Grenze irgendetwas Französisches zu sehen ist. Auch fallen Horden volltrunkener Flamen immer wieder in alle möglichen Brüsseler Ladenflächen ein, so diese nur französische Etiketten und Werbungen verwenden. Das sogenannte Taal Aktie Komitee (Sprachaktionskommitee) kann neben den in Brüssel randalierenden flämischen Fußballfans als extremstes kriegerisches Beispiel Flanderns gesehen werden, vermittelt aber einen Vorgeschmack darauf, wohin politisch stimulierter Hass führt.


Wie das Leben so spielt gibt es in Antwerpen, der größten Stadt Flanderns, eine beträchtliche jüdisch-orthodoxe Gemeinde. Im Jahr 2018 lebten dort rund 20.000 ultraorthodoxe Juden (davon etwa 10.000 chassidische), das sind fast doppelt so viele wie im ultraorthodoxen Stadtteil Mea Schearim von Jerusalem. Nein, auch in Belgien müssen sie nicht zur Armee, haben aber starke Geldnöte, da der Diamantenhandel Antwerpens zunehmend in indischer Hand ist. Obgleich sich die heutigen flämischen Rechten unverändert schwer damit tun, ihrer NS-Vergangenheit zu entsagen, ist die N-VA-Hochburg Antwerpen gleichzeitig ausgesprochen israelfreundlich. Seit 1995 besteht eine Städtepartnerschaft zu Haifa, das ironischerweise wiederum eine Hochburg der ehemaligen Arbeiterpartei Israels war.
Und dann dieser Anschlusswahn, den man in Israel so nicht kennt. Gewiss, irgendwie ist Israel Teil der USA oder Teil eines Teiles der USA, des jüdischen Teiles, von New York City vielleicht oder Brooklyn zumindest, ein Außenposten davon womöglich. Oder umgekehrt. Der derzeitige Premierminister Belgiens ist der flämische Rechtsextreme Bart De Wever. Dem wäre es am liebsten, Flandern würde Teil der Niederlande. Die Niederlande aber sind mehrheitlich protestantisch und Flandern katholisch und können daher nicht miteinander. Das erkennt man unter anderem daran, dass in Flandern die Vorhänge aller Häuser geschlossen und in den Niederlanden offen sind. In Flandern stehen außerdem in jedem Winkel Marienstatuen herum, man glaubt an den lieben Gott und daran, jeder müsse dies wissen. Das hat was von einer Kippa, die für manche Juden unbedingt sein muss und zumindest angesichts des Ozonlochs praktischer als eine Marienstatue ist.
Auch im frankophonen Belgien gibt es Sehnsüchte nach Größerem, allerdings hundertmal seltener als in Flandern. Es soll Frankophone geben, die rechtsextreme Parteien Flanderns wählen, um den Separatismus allgemein zu verstärken und dann an Frankreich angeschlossen werden zu können. Keiner weiß so genau, warum, erst recht nicht mehr seit Emmanuel Macron. Das Essen ist in beiden Regionen zumindest von gleicher Qualität, die Portionen in Belgien allerdings üppiger. Da wäre man doch verrückt!
Alles in allem kann das belgische Modell Palästina nicht dienlich sein. Zu sehr setzt auch dort nur ein Landesteil den anderen unter Druck, ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Happy End, insgesamt freudlos. Zu wenig funktioniert auch das belgische Modell dauerhaft friedlich und für alle Beteiligten profitabel. Das auserwählte Volk Israels steht ohnedies weit über jedem weltweitem Beispiel. Der hochnäsigste aller Kleinstaaten hat militärisches Oberwasser und ließe sich bestenfalls dazu herab, als Vorbild für die Ukraine dienlich zu sein.
Belgien ist zwar wie Israel ein sinnloser, gescheiterter Staat. Als jedoch am 13. Dezember 2006 mit der satirischen Fernsehsendung Bye Bye Belgium auch nur so getan wurde, als wäre das Land im Zerfall begriffen, brachen weite Teile der Bevölkerung in Panik aus – Orson Welles ließ grüßen. So weit sollte es dann doch nicht kommen, im Hass aufeinander war man trotzalledem irgendwie geeint. Kann Belgien also für irgendetwas Vorbild sein? Gewiss, es ist eines der merkwürdigsten Länder der Welt.
David Andel
