Promotionale Aufnahme von Neil Hannon für sein jüngstes Album „Rainy Sunday Afternoon“ (Regnerischer Sonntagnachmittag)

Herbstliches Frühlingsfest

The Divine Comedy schreiben unvergessliche Musik und ergänzen dies immer und immer wieder großzügig mit adäquaten Konzerten. Glaubwürdigen Quellen zufolge gibt es ohnehin kaum etwas besseres als Iren in Feierstimmung. Was jedoch passiert, wenn jemand, der ansonsten für seine Pub-kompatiblen freudvollen Hymnen bekannt ist, einmal den Moralischen hat, konnte man an diesem Abend besser verstehen.

Sie sind regelmäßiger Gast in Brüssel, doch war die Pause diesmal besonders lang. Die Tournee von 2022 führte sie leider nur ins nordbelgische Antwerpen und sechseinhalb Jahre sollten vergehen, bis The Divine Comedy wieder im Brüsseler Konzertsaal Cirque Royal zu hören und sehen waren. Einer der Unterschiede war, dass diesmal die Bestuhlung nicht herausgenommen wurde – die oftmals zum Stammpublikum gewordenen Zuschauer altern zwangsläufig mit den Interpreten ihrer Wahl. Wenn dann noch der Wechsel des Lebensabschnitts Einfluss auf die Musik nimmt, könnte die gute Stimmung schlimmstenfalls baden gehen. Entwarnung: dem war ganz und gar nicht nicht so!

Ich kann einfach nicht anders und mag halt eine gute Melodie.

Neil Hannon am 21. März 2024 in einem BBC-Interview über sich selbst

Was war in all den Jahren passiert, in der zwischen dem 27. Oktober 2019 und dem 17. März 2026 in Europas Hauptstadt nicht die kleinste Live-Dosis jener irisch-britischen Droge unnachahmlich fröhlicher, nachdenklicher, zunehmend auch trauriger, grundsätzlich aber fast immer ausgesprochen melodiöser Musik zu sehen war? Nun, einerseits war da die Pandemie, die rund zwei Jahre alles zu lähmen schien und dann noch seitens der Interpreten oftmals dazu führte, dass sie sich hinterfragten, wiederaufbereiteten, geläutert ins Studio zurückkehrten, um nach langer Zeit wieder einmal Neues aufzunehmen. Auch gab es um den Jahreswechsel 2020/2021 eine einzigartige Retrospektive der Band käuflich zu erwerben, die selbst die ersten Schritte Hannons als Kirchenmusiker beinhaltete. Nein, trotz seiner vier Hunde und seiner Leidenschaft für napoleonische Strategiespiele am Computer war Neil Hannon (Titelbild) nicht sonderlich faul.

Neil Hannon auf der Bühne links von zwei Gitarristen, zunächst der Bassist, dann der Lead-Gitarrist, allesamt rot beleuchtet
The Divine Comedy am 17. März 2026 live in Brüssel (v.l.n.r.: Neil Hannon, Simon Little und Tosh Flood)

Dann wären da noch die heimtückischen „démons du midi“ zu erwähnen, wie Frankophone so schön sagen. Jene gefühlten Finsterlinge des lebenszeitlichen Mittags, auf die unweigerlich die des Nachmittags und schließlich des Lebensabends folgen. Diese Zeit ist alles andere als schön und verfehlt ihre negative Wirkung auch dann nicht, wenn man wie Bandleader Hannon gnädig altert. So verließ seine Tochter der ersten Ehe mit Orla Little das heimische Nest und am 10. Januar 2022 verstarb zudem sein Vater Brian Hannon nach langer Alzheimer-Erkrankung. Wie es sich gehört, kümmerte sich Neil um seinen geliebten Papa, von dem er fast in jedem Interview in den höchsten Tönen spricht. Und schon kurz nach dessen Tod war Hannon wieder in Europa unterwegs, ohne aber einen Abstecher in Brüssel zu machen.

Ich wollte schon immer solche Songs schreiben, bei denen man nicht wirklich weiß, woher sie kommen oder ob sie überhaupt von jemandem geschrieben wurden.

Neil Hannon am 19. September 2025 in einem BBC-Interview über seinen Ruhm

Dann folgte der Film Wonka des britischen Regisseurs Paul King, zu dem Hannon gebeten wurde, die Musik beizusteuern. Und solch große Projekte kosten viel Zeit – zwischen Komposition und Aufnahme vergingen knapp zwei Jahre. Die Musik zum Musical ersann Hannon zunächst anhand des Drehbuchs, ohne den Film gesehen zu haben. Anschließend folgte noch eine lange Phase der Anpassung an das Endergebnis. Übrig blieb dabei unter anderem ein nicht verwendeter Song, den er leicht abgewandelt im jüngsten Album der Band verwendete, das schließlich am 19. September vergangenen Jahres erschien. Und dieses Album hat es in sich, denn es ist über weite Strecken besinnlich, gar traurig, zumindest nachdenklich. Erst nach mehrfachem Hören stellt sich ein leichter Effekt der Vertrautheit ein, je nachdem wie gut gerade die Laune des Zuhörers ist.

Neil Hannon in Brüssel am 17. März 2026 auf der Bühne: singend mit Glas Guinness-Bier in der Hand
Neil Hannon: singend mit Glas Guinness

The Divine Comedy ist und war immer schon so eine Band, die Sachen macht, die es sonst nirgends gibt, denkt man alleine an ihren musikalischen Einfluss auf die Fernsehkultserien Father Ted und The IT Crowd – zwei großartige Antidepressiva ohne jede Nebenwirkung. Deren Schöpfer Graham Linehan war ehemals Musikkritiker und besprach das erste Album Liberation von The Divine Comedy. Dessen musikalische Qualität muss Linehan derart beeindruckt haben, dass er Hannons Talente anforderte, um die Musik für seine beiden Serienprodukte zu ergänzen. Der erweiterte Titelsong Songs Of Love von Father Ted aus dem Album Casanova (1996) war live zwar am 28. Februar in Luxemburg, diesmal aber nicht in Brüssel zu hören. Stattdessen gab es zum Saint Patrick’s Day und Geburtstag des Gitarristen Tosh Flood den absurden und ausgesprochen selten vorgetragenen Song My Lovely Horse, der vor allem in den Ohren der Fans von Father Ted haften blieb und deswegen auch nicht in der Setlist von setlist.fm auftaucht.

Immer wieder geht Hannon aufs Ganze: zu sehen ist Hannon in der Pose eines Rockstars, der mit vollem Elan am Bühnenrand singt und fast einen Kampf mit dem Kabel seines Mikrofons austrägt
Immer wieder geht Hannon aufs Ganze

Ansonsten lag der Schwerpunkt des Konzertabends wenig überraschend bei einer Auswahl von Kompositionen aus dem neuesten Album von The Divine Comedy, von denen Achilles, The Last Time I Saw The Old Man, Rainy Sunday Afternoon, Mar-A-Lago By The Sea, The Heart Is A Lonely Hunter, I Want You und Invisible Thread zu hören waren. Das Ganze war untermalt von Hannons leutselig-selbstironischen Kommentaren, die von Ort zu Ort wechseln und fast das Salz in der Suppe all seiner Auftritte sind. Zwischen seinen neuen Kreationen wurde wieder ein willkommenes „Best Of“ aus seinen mittlerweile 13 Alben vorgetragen, nicht jedoch Something For The Weekend. Zum Glück kam das Publikum in den Genuss seiner Hymne National Express für Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel – oder, wer sich an das Video erinnert, die skurrilen Erlebnisse eines Patienten der Psychiatrie, der sich zwar für einen Busfahrer hält, aber keiner ist. Schon aufgrund der einmaligen Melodie und entgegen mancher idiotischer Kritiken wurde aus dem Song ein absoluter, fast anachronistisch anmutender Klassiker, der auch den Verfasser dieser Zeilen locker vom Stuhl reißt.

Was für eine widerwärtige, ekelerregende, abstoßende, zum Kotzen bringende kleine Platte das doch ist! In einem einzigen, absolut krassen, aber dennoch psychologisch äußerst aufschlussreichen Songtext finden wir alle Gründe, die wir jemals brauchen werden, um The Divine Comedy zu hassen. Für immer. Über den Tod hinaus. Über den Untergang unseres Universums hinaus. Über das Ende der Zeit selbst hinaus. Das ist Pseudo-Pop. Das ist das Werk eines „Künstlers“, der sich seiner Kunstform überlegen fühlt und sein Publikum verachtet.

Kritik des 2009 verstorbenen Musikkritikers (und ehemaligen Busfahrers!) Steven Wells zur Veröffentlichung von National Express am 23. Januar 1999
Hannons Sakko war nach dem Konzert voller Spritzer auf der Bühne zubereiteter Cocktails und war bereits davor in keinem sonderlich guten Zustand (auf dem Bild ist eine zerrissene Innentasche zu sehen)
Hannons Sakko musste an jenem Abend etliches ertragen

Besonders große Mühe gibt sich Hannon, um „Mar-A-Lago By The Sea“ aus seinem neuesten Album in Szene zu setzen. Der Song handelt von einer vielleicht nicht ganz so surrealen Zukunft, in der The Divine Comedy zur Hausband auf Donald Trumps gleichnamiger Zuflucht in Florida geworden sind, die für die Rückkehr des bis dahin gebrechlichen Ex-Präsidenten aus dem Gefängnis in permanenter Bereitschaft gehalten wird. Während der rhythmischen Bossa-Nova-Einleitung jenes Titels bereitet Hannon Cocktails und andere Getränke für sämtliche Bandmitglieder zu und unternimmt dabei in aller Ruhe so einiges, damit geöffnete Dosen oder in die jeweiligen Drinks fallende Eiswürfel vom gesamten Publikum bis in die letzten Reihen deutlich hörbar sind. Dass so sein Sakko, dessen Innentasche bereits bei anderer Gelegenheit zerfetzt wurde, am Ende ein Schlachtfeld voller Flecken aller möglichen Drinks ist, nimmt er in dieser fast endzeitlichen Stimmung gerne hin.

Eindeutiger Höhepunkt des Abends war für die Zuschauer der ersten Sitzreihen Hannons spontanes Bad in der Menge. Ein Gast, der das Konzert aus unbekannten Gründen schlagartig verlassen hatte, hinterließ einen freien Platz, den Hannon wenig später von der Bühne herab über die erste Reihe mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten steigend einnahm, um von dort aus seinen hinreißenden Song Our Mutual Friend vorzutragen. Er tat das mit einer fast schon irren Selbstverständlichkeit und traf dabei auch noch auf Fans, die den Songtext kannten und mitsangen. Konnte das alles sein? Anschließend zog es ihn weiter in die Mitte, zum Ausklingen des Songs legte er sich schlussendlich zwischen die Reihen, ganz so, als wolle er sich vom Rausch der musikalischen Gefühle erholen. Ein unvergesslicher Akt der Nähe eines begnadeten Künstlers zu seinem Publikum!

Hannons spontanes Bad in der Menge: zu sehen ist Hannon, wie er einer Zuschauerin der zweiten Reihe ein Ständchen vorzutragen scheint
Hannons spontanes Bad in der Menge

Ich glaube nicht, dass ich eine Kopie von Scott [Walker] bin … Ich wünschte, ich wäre es … Aber ich bemerke eine Art von Stimmmodulation, die ich von ihm gelernt habe und die ich jetzt nicht mehr loswerde.

Neil Hannon am 2. Februar 2022 in einem Interview über seine Einflüsse

Es ist kein Wunder, dass Hannon Melodien liebt, die unverblümte Fröhlichkeit der Musik aus Disneys Dschungelbuch begeisterte ihn als Kind nachhaltig, später beeinflusste ihn die Arbeit unter anderem von Jeff Lynnes Electric Light Orchestra (ELO), dessen euphorischer Song Mr. Blue Sky zusammen vielleicht mit National Express allzu perfekt in die Wiedergabeliste einer besseren Welt passen würde … Zu Beginn seiner Karriere sandte Hannon seine ersten musikalischen Gehversuche noch in der Hoffnung auf irgendwelches Feedback an Scott Walker und Michael Nyman, bis er irgendwann feststellte, dass er alles auch alleine ganz gut zustande bringen würde. Der Rest ist musikalische Geschichte, der im Falle von The Divine Comedy beizuwohnen eine große Ehre für jeden Musikfreund ist.

Ich würde gerne „The Mercy Seat“ [Song von Nick Cave] schreiben, aber das wird nie passieren, weil ich Melodien mag.

Hannon am 29. August 2025 in einem Interview mit Nigel Carr

Und diese Melodien machen den ganzen Unterschied! Die oftmals aufgrund falsch verstandener Rebellion oder mangelndem Talent verkannte Melodie in der populären Musik setzt gerade Hannon wie kein Zweiter ein. Sein Werk ist kein Sammelsurium vertonter Dichtkunst oder spätpubertärer Erguss impotenter Westentaschenrevoluzzer, sondern einfach echte, gute Musik, auf allen Ebenen nachdenklich wie ausgeklügelt. Hannon ist dabei keine Kunstfigur, sein ganzes Schaffen Auszug seines wirklichen Lebens.

Cover von „Rainy Sunday Afternoon“, dem neuesten Album von „The Divine Comedy“. Hannon sitzt in einem Pub mit dem Rücken zum Fenster und trinkt nachdenklich eine Tasse Kaffee.
Veröffentlicht am 19. September 2025: Rainy Sunday Afternoon

Zum Ausklang des Abends sind alle in Brüssel im virtuellen irischen Pub Hannons angelangt, singen seine Hymnen und haben das düstere Tal mittäglicher Dämonen verlassen – der Saal kocht. Der ewig kreative Ire, dessen erster Song Nobody wins – when somebody dies (Keiner gewinnt – wenn jemand stirbt) hieß, kann mit Fug und Recht von sich behaupten, der bei weitem sympathischste Pop-Musiker zu sein. In Interviews spricht er fast grundsätzlich zitatreif, alles ist nachvollziehbar, keinen Fragen geht er aus dem Weg. Und so gilt auch für seine Konzerte, dass man einen gelungenen Abend mit einem charmanten wie intelligenten Musiker verbringt, der zum Musizieren ein paar Freunde mitgebracht hat, um treuen Zuhörern wie Neuankömmlingen etwas vorzutragen. Was will man schon mehr?

David Andel