Erstausgabe von „The European“

Was bleibt

Vom europäischen Einigungsgedanken ist nicht mehr viel übrig, von der Europäischen Union der Bürger, des Miteinanders und des Friedens noch viel weniger. Was von der EU heute bleibt, ist kaum mehr als ein neoliberales Zwangssystem, das zudem bemüht ist, zur europäischen Ersatz-NATO werden zu wollen. Das alles hat mit dem Anliegen seiner Bürger, geeint mit anderen Europäern friedlich unter einem Dach leben zu wollen, nichts mehr zu tun.

Der jahrzehntelange transatlantische Fetisch hat die Union Europas zum Erliegen gebracht, als ob es von Anfang geplant gewesen wäre. Als Donald Rumsfeld am 22. Januar 2003 vom „alten Europa“ sprach, hätten bereits die Alarmglocken läuten müssen, nur war den Transatlantikern die unterwürfige und wirtschaftlich ergiebige „Freundschaft“ zu den USA weit wichtiger, als irgendwann einmal eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Nun findet sich Europa in der Situation eines unsinnigen Krieges wieder, der neoliberalen Kräften der USA zuliebe begann und wider besseres Wissen auf dem Rücken der Bürger Europas bis zum bitteren Ende ausgetragen werden soll. Die Aussichten sind düster, denn das Ziel des Ganzen völlig unverständlich.

Nun, Sie denken bei Europa an Deutschland und Frankreich. Ich nicht. Ich denke, das ist das alte Europa. Wenn man sich das gesamte NATO-Europa von heute ansieht, verlagert sich der Schwerpunkt nach Osten. Und es gibt viele neue Mitglieder. Und wenn man sich nur die Liste aller NATO-Mitglieder und all derjenigen ansieht, die kürzlich aufgenommen wurden – wie viele sind es? Sechsundzwanzig, so ungefähr? – dann haben Sie Recht. Deutschland war ein Problem, und Frankreich war ein Problem.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld am 22. Januar 2003

Das wollten Deutschland und Frankreich nicht auf sich sitzen lassen und ließen sich unter intensiver Nutzung der Scheuklappen geopolitischer Blindheit vor den zwanghaft nach Osten stoßenden Konfrontationskarren US-amerikanischer Neocons spannen. Die traditionell nationalradikale Ukraine wurde mit beispielloser Besessenheit bis an die Zähne bewaffnet, während gleichzeitig neue Mitglieder zum transatlantischen Kriegsbündnis hinzustießen. Und was für welche! Kleine und irrelevante Staaten wie jene der baltischen Region mit ihrem bemerkenswerten Hass auf Russland. Aber auch stockkonservative Staaten wie Polen, die jahrzehntelang als Niedriglohnland der EU fungierten und heute als treibende Kraft zur Ausgrenzung Russlands gelten – das infernale Duo um Applebaum und Sikorski hatte ganze Arbeit geleistet.

Britanniens Brexit wie der antirussische Bellizismus sollten schließlich den Anfang vom Ende der Europäischen Union einleiten, eine Union, die es streng genommen niemals gab. Europa spricht keine gemeinsame kulturelle, ökonomische oder auch nur politische Sprache. Die Kommissionspräsidentin hat keinen direkten Auftrag vom europäischen Volk, das europäische Parlament bestenfalls ein Mandat des Desinteresses. Die Briten bleiben selbst nach dem Brexit Bestandteil der nun E-3 genannten ehemaligen EU-3, was für sich genommen ein Zeichen für die antidemokratische Entwicklung des Staatenbündnisses ist. Ausgerechnet Macron, Merz und Starmer beschlossen als Vertreter denkbar schwacher Regierungen zusammen die schärfsten kriegerischen Maßnahmen im Ukrainekonflikt.

Als Robert Maxwell im Juni 1988 seinen abenteuerlichen Plan zur Gründung einer englischsprachigen Zeitung für ganz Europa vorstellte, schien das nur schwer vorstellbar, doch am 11. Mai 1990 lag die erste Ausgabe von The European vor. Maxwell, der 1923 als Sohn eines Viehhändlers in der Tschechoslowakei geboren wurde, galt in den Achtzigern als einer der Wenigen mit der Fähigkeit zur Umsetzung verlegerischer Utopien. Als direkter Konkurrent wie vor allem politischer Opponent des stockkonservativen Rupert Murdoch war er zudem jemand, dessen Träume Europäer mitträumen konnten. Zu den Träumern gehörte auch der Weltbürger Peter (Alexander Freiherr von) Ustinov, der zu den herausragenden Kolumnisten des European zählte. Der 1921 in London geborene Autor, Schauspieler und Regisseur hatte neben deutschen, polnischen und russischen Wurzeln auch noch äthiopische und jüdische. Sein Großvater, der in Moskau geborene Hotelier Plato Grigorjewitsch Ustinow, eröffnete 1902 in Jerusalem das American Colony Hotel. Zeit seines Lebens war Ustinov überzeugter Kämpfer für die Rechte der Palästinenser.

Ende 1991 verschwand Verleger Maxwell bei Teneriffa von seiner Yacht Lady Ghislaine, die nach seinem neunten Kind benannt war. Sein verlegerisches Imperium brach wie ein Kartenhaus zusammen, der vermeintliche Anti-Murdoch hatte seine Bilanzen gefälscht und Gelder aus dem Pensionsfonds seiner Mitarbeiter veruntreut, was zu Schulden von rund drei Milliarden Pfund führte. The European erschien nach einer verlegerischen Übernahme im Januar 1992 Mitte Dezember 1998 zum letzten Mal, der damalige Aufmacher lautete: „Startschuss: Europa will zur Supermacht des 21. Jahrhunderts werden.“

Europa wurde nie zur Supermacht des 21. Jahrhunderts, sondern zum Wurmfortsatz der USA. In einer besonders schmerzvollen Operation wird dieser gerade entfernt. Als der europäische Gedanke es noch wert war, gedacht zu werden und keine antirussische Propaganda darstellte, war es leicht, mit Leidenschaft dabei zu sein. Beethovens Ode an die Freude aus seiner neunten Sinfonie als europäische Hymne und die blaue Flagge mit den goldenen Sternen aller Mitgliedsstaaten – das alles schien ein kultivierter Gegensatz zum US-amerikanischen Trivialpatriotismus zu sein.

Noch nicht einmal die einzigartige deutsch-französische Freundschaft hat allerdings überlebt, jeder Staat kocht fortan wieder sein eigenes nationales Süppchen, rechtsnationale Parteien sprießen wie Giftpilze aus dem Bodensatz gescheiterter Europapolitik. Mehrsprachige Weltbürger wie Ustinov gelten wieder als Exoten, immer neue Grenzen werden gezogen. Was bleibt, ist eine mit staatlicher Gewalt eingebleute antirussische wie proisraelische Stimmung, mit der sich kaum noch jemand arrangieren kann und die so weit wie nur irgend vorstellbar vom Miteinander aller Völker entfernt ist. Der Konfrontationswille ersetzt den der Kooperation, eine Zukunft von irgendwem aus einem Land mit irgendwem aus einem anderen Land ist wieder unvorstellbar. Wenn heute noch jemand von Robert Maxwell spricht, dann in Bezug auf seine Tochter Ghislaine, die als Zuhälterin Jeffrey Epsteins traurige Berühmtheit erlangte. Der Fall des Hauses Maxwell nahm den der Einheit Europas letztlich vorweg.

David Andel