Cal Tjader

Alter Latino-Schwede

Vor hundert Jahren erblickte ein Mann das Licht der Welt, der so viele Gegensätze in sich vereinte, dass er ein ausgezeichneter Künstler werden musste. Er spielte eines der schwersten Instrumente des Jazz derart elegant, dass es wie eine musikalische Feder durch die unterschiedlichsten Rhythmen wirbelte und bewies lange vor ABBA, dass man selbst mit nordischen Wurzeln die heißeste Musik spielen kann.

Wer zu groß spielt, den bestraft das Leben – Vibrafon ist ein wenig cooles Mittel zum Zweck, meinen manche Musiker. Das 1916 entstandene Instrument ist klobig und schwer, muss auf Rollen auf die Bühne gekarrt werden und passt zu keinem Musiker, der gerne eine Schau aus sich macht, verdeckt sein Arbeitsmittel ihn schließlich zur Hälfte. Insgesamt scheint das musikalische Monstrum mit dem ätherischen Klang nur zur Begleitung von anderen Interpreten geeignet zu sein, die größere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wer Vibrafon spielt, ist grundsätzlich zur Nebenrolle, so ehrenwert sie auch sein mag, verdammt.

Obgleich, so ganz ist das nicht richtig. Es gab eine ganze Reihe ausgezeichneter Vibrafonisten, von Lionel Hampton über Bobby Hutcherson bis hin zu Milt Jackson. Kaum jemand brachte jedoch dem Jazzinstrument Vibrafon derart lateinamerikanische Klänge bei wie Callen Radcliffe Tjader jr. oder kurz Cal Tjader, dem am 16. Juli 1925 in Saint Louis (Missouri) geborenen Kind schwedischer Vaudeville-Artisten. Als der kleine Cal seine Karriere im Alter von nur vier Jahren als Stepptanzwunderkind „Tjader Junior“ begann, hätte sich niemand ausmalen können, dass er eines Tages mal 75 Jazzalben aufnehmen würde. Zudem hatte er sich das Spielen selbst beigebracht, als er sich am Anfang seiner Karriere stehend noch nicht zwischen Schlagzeug und Vibrafon entscheiden konnte.

Schweden und Vaudeville klingen wie eine außergewöhnliche Kombination, doch die später so erfolgreich unter dem Namen Abba musizierenden Skandinavier Agnetha, Björn, Benny und Anna-Frid in ihren abenteuerlich verkorksten Kostümen bestätigen letztlich das Bild um die Welt tingelnder Varietékünstler aus dem hohen Norden. Aus heutiger Sicht verwundert es daher weniger, dass ein in Saint Louis geborenes Kind solcher Schweden zu musikalisch völlig neuen Ufern aufbricht. Da kommen zu viele merkwürdige Faktoren zusammen, da mussten sich Symbiosen ergeben, die zumindest inspirierende Auswirkungen haben würden.

Cal Tjader war Ergebnis einer solch ungewöhnlichen Inspiration. Kein Jazzmusiker vor ihm hatte es geschafft, die Musik, die er machte, mal derart cool und mal derart heiß klingen zu lassen, sodass man sein Werk in der unterkühlten Atmosphäre der Cocktailbar eines Luxushotels ebenso erfreut hören konnte wie in der gänzlich verkorksten Verfilmung Ralph Bakshis von Fritz The Cat, jenes Untergrundklassikers über einen sexbesessenen Kater, basierend auf den Comics des nicht minder verkorksten Robert Crumb. Wie kann es sein, dass nur ein einziger Musiker in völliger Natürlichkeit über eine derartige Bandbreite verfügt?

Fritz The Cat (1972)
Leider verkorkst: für Fritz The Cat (1972) stellte Cal Tjader seinen Mamblues zur Verfügung

Als er 1947 am San Francisco State College studierte und nach seinem Abschluss dort auch unterrichten wollte, nutzte Tjader eines Abends die Gelegenheit mit seinem Idol Lionel Hampton zu spielen. Hampton erkannte Tjaders Talent und bat den erst 22-jährigen daraufhin, sich seinem Orchester anzuschließen. Dieser jedoch zog es vor, mit Dave Brubeck in seinem Trio und danach auch im Oktett zu spielen, wo er zudem Paul Desmond und dem Belgier Toots Thielemans begegnete. Als Tjader 1953 in das Quintett von George Shearing eintrat und mit seinem Bassisten Al McKibbon zusammenarbeitete, wurde Cal Tjader dann erstmals mit Latin Jazz konfrontiert: „Als wir in New York waren, nahm er mich mit in Clubs wie das Palladium, wo Tito Puente, Machito oder Tito Rodriguez auftraten.“ (Interview im Jazz Magazine Nr. 165). Der Grundstein seiner großen Liebe für südliche Rhythmen war gelegt.

Ich kenne keinen Vibrafonisten, der nicht von Milt Jackson beeinflusst worden wäre! Vor ihm war es Lionel Hampton, der mich überhaupt dazu gebracht hatte, Vibrafon zu spielen. Aber Milt gab dem Instrument eine andere Dimension, er hat uns Vibrafonisten gezeigt, dass es damit möglich ist, wie mit einem Blasinstrument zu phrasieren. Gary Burton ist ein Phänomen wie Art Tatum am Klavier. Seine Steuerung des Instruments ist fantastisch. Ich mag Roy Ayers sehr und denke auch, Bobby Hutcherson ist ausgezeichnet. Er ist in gewisser Weise die Fortsetzung von Milt Jackson. Dave Pike mag ich wirklich ebenso, aber mein Favorit bleibt Milt. Er erzwingt nie etwas.

Cal Tjader in einem Interview im Jazz Magazine Nr. 165

Die besten seiner Titel sind wie alle Klassiker einfach viel zu kurz. Man möchte sie immer wieder spielen und die besten Glücksmomente damit erleben. Tjader lässt sich ebenso ekstatisch-laut wie lässig im Hintergrund genießen, vor allem, wenn man sein Werk ausreichend kennt und es entsprechend zusammenstellt. Hi-Fi-Fans bereuen vermutlich, nicht auf Abruf über eine große Bandbreite unterschiedlichster Lautsprecher zum Abspielen Tjaders bester Stücke zu verfügen. Tjader klingt zwar irgendwie immer gut und faszinierend – ein legendäres Klipschorn von 1946 würde einer weitgehend spaßlosen IT-verseuchten Generation vermutlich aber gerade im Zusammenspiel mit Tjader ganz neue Dimensionen des Musikhörens vermitteln. In einer idealen Welt wäre ein solcher Lautsprecher natürlich sehr viel billiger, stünde in jedem Haushalt und ließe somit Tjader ewig fortleben.

Aber lassen wir mal unserer Fantasie freien Lauf: wie und wo wollen wir wohnen? Worin soll unser Leben stattfinden und womit? Was soll uns umgeben, wer uns begleiten? Wer sich da ein futuristisches Haus der architektonischen Moderne vorstellt, das aus einem Bildband von Julius Schulman stammen könnte und ausnahmsweise mal nicht abgebrannt ist, der läge mit einem Titel wie Leyte völlig richtig, um das Ganze abzurunden. Dem Verfasser dieses Beitrags laufen in dieser ganz speziellen Version aus dem Album Breeze From The East Schauer des Glücks über den Rücken. Etwas, was ansonsten allenfalls noch Henry Mancinis Lujon fertigbrächte (von dem der Musikhistoriker Max Salazar in einem Interview gar glaubte, es wäre auch von Tjader), beispielsweise im neu aufgelegten Arrangement von Dan Fontaine – eine Ehre, die schnellstens auch Cal Tjader erwiesen werden sollte. Zur kurzzeitigen asiatischen Phase der beiden Alben Several Shades Of Jade und Breeze From The East wurde Tjader vom berühmten Musikverleger Creed Taylor überredet, worüber der Vibrafonist allerdings nicht wirklich glücklich war.

Klipschorn
Statt Kriegsertüchtigung: ein Klipschorn und Cal Tjader in jedes Haus!

Ein Titel wie das über elf Minuten lange live gespielte Stück Guarabe auf Cuban Fantasy erinnert an Maurice Ravels endlos scheinende Steigerung im Boléro, beinhaltet allerdings weit mehr Spaß, Stimmung sowie Energie auf dem Weg dorthin. Was spielen Tjader und seine Leute da, wo will er damit hin, was kann das bedeuten? Und vor allem: woran erinnert das, ja, woran? Wer will, kann dazu tanzen, wird aber irgendwann unweigerlich im selbst gemachten Ausdruckstanz oder der Ekstase landen, ist anschließend schweißgebadet und sehr sehr müde. Und trotzdem: noch länger wäre besser gewesen – Musik, die jeden Menschen, in dem ein musikalisches Herz schlägt, immer weiter zu neuen Höhen führt, immer weiter fort von allem Irdischen oder gerade dorthin, in den Kern von allem vielleicht, immer gefühlvoller, immer intensiver, mal leiser, lauter – kurz: unfassbar gut.

Cal Tjader (1958)
Cal Tjader (1958)

Es ist eine unverzeihliche Sünde der Musikindustrie, dass es selbst zum hundertsten Geburtstag dieses einzigartigen Vibrafonisten keine opulente Sammelbox zumindest der essentiellsten Werke Cal Tjaders in hochwertigen Paper Sleeves gibt. Aber es kommt noch schlimmer: bis zum heutigen Tage gibt es noch nicht einmal eine CD-Edition von Warm Wave, arrangiert vom deutschen Meister des orchestralen Jazz Claus Ogerman. So ist der geneigte Tjader-Fan auch weiterhin dazu gezwungen, sich die noch vorhandenen digitalen Tonträger aus allen möglichen Quellen zusammenzusammeln, lehnt er die passive Streamingvermarktung ab, die leider alles auf ein tieferes Konsumniveau herabsenkt.

Er war so produktiv wie eine ganze Musikfabrik und tingelte unaufhörlich durch die berühmtesten Jazzclubs der Welt, wobei er stets einer der größten Publikumsmagneten war. In einem Interview aus dem Jahr 1965 sah man ihn beiläufig erklären, dass er gerade zwei Alben in zwei Tagen aufgenommen habe. Er sprach über den sehr populären Trend der Bossa Nova und eine Vorliebe für „the latin stuff“ (das Latinozeug), was er alles aus der leichten Hand zu schütteln vermochte. Seine Energie schien grenzenlos, doch verstarb Tjader am 5. Mai 1982 während einer Tournee auf einer Straße in Manila (Philippinen). Es sollte sein dritter und letzter Herzinfarkt sein. Dass der Mann, der derart viel Talent in nur einer Person vereinte, gerade mal 56 Jahre alt wurde, ist ein unfassbares Drama. Angesichts dessen, was er in all den Jahren so spielte, wäre zumindest ein aufsehenerregender Tod vor dem Atomium, unter dem Eiffelturm oder zwischen den Pyramiden zu erwarten gewesen, um anschließend direkt ins Paradies der Musiker entschwinden zu können. Aber das Ableben solch großartiger Talente ist leider selten Gegenstand gründlicher Vorbereitungen. Seine letzte Ruhe fand Tjader in Colma, San Mateo County, in einem Grab mit der Aufschrift Bandettini, dem Familiennamen seiner Frau.

David Andel