Nachruf auf einen Undefinierbaren

Es war am 24. Juni 1983. Die vier jungen Leute hatten ihre Fahrt zum Open-Air-Konzert im Bieberer Berg Stadion in Offenbach fast militärisch vorbereitet. Zwei davon hatten das Konzert der „Serious Moonlight“-Tournee bereits am 20. Mai in der Frankfurter Festhalle gesehen und für gut befunden. Die anderen beiden sollten erst an diesem Abend auf ihre Kosten kommen. Zuvor jedoch wollte der elterliche Fiat nicht so recht, ganz so, als habe er sich gegen David Bowie entschieden. Das Fahrzeug quälte sich nur mühsam über die Autobahn, es stank verdammt nach verbranntem Gummi und die erwartete Hochstimmung blieb zunächst völlig aus …


Bild: Archiv
Das Geheimnis wurde nach allerlei hitzigen Diskussionen letztlich im Ausschlussverfahren gelüftet: es war die angezogene Handbremse, die die hochmotivierte Gruppe nur mit starker Verzögerung vorankommen ließ. Als diese nun als Ursache des Bowie-Hemmnisses ausgemacht war, ging es voller Elan die restliche Hälfte der Strecke gen Offenbach weiter. Doch je mehr sich der fortan entfesselte Wagen dem Ziel näherte, desto zähflüssiger wurde der Verkehr. Von der militärischen Vorbereitung war mittlerweile alles verflogen, die Gruppe hing im Stau fest und leichte Unruhe kam auf. Der Stau allerdings hatte es in sich und konnte sich sehen lassen. Im ansonsten so beschaulichen Offenbach waren nicht nur Fahrzeuge aus aller Herren Länder angekommen, sondern auch Außerirdische – ja tatsächlich, Wesen aus einer anderen Welt.

„Ich bin ein Schauspieler. Mein ganzes berufliches Leben ist ein Auftritt. Ich gleite ganz einfach von einer Gestalt in eine andere.“ – David Bowie über seine künstlerische Identität

Jene exotischen Gestalten sahen allesamt aus wie Weggefährten Bowies. Stark geschminkte Fußgänger in glitzernden Kostümen, die mit Blockabsätzen ulkige Schritte taten, paarweise tretende Männer in Hotpants und Ringelsocken, die per Tandem zum Ort des Geschehens radelten oder auch solche im metallicfarbenen Faschingsoverall eines vorgespiegelten Raumfahrers, allerdings nicht in einer Rakete, sondern auf einer Vespa sitzend – alles schien auf den letzten verbliebenen Kilometern bis hin zum Stadion möglich zu sein. Und der Ort, an dem sich dann während einiger Stunden, davon alleine zwei zum Zwecke des Abwartens und Platzfindens,
das kulturelle Ereignis jenes Sommers vor nun fast 33 Jahren zutragen sollte, war bei weitem voller besetzt als jemals hätte erwartet werden können – zum Offenbacher Halt der Serious Moonlight Tour kamen über 70.000 Menschen zusammen und selbst die betuliche Hessenschau berichtete.


Bild: Jones/Tintoretto Entertainment

Das Wetter war traumhaft – ein sonnig-warmer Tag, der zu Konzertbeginn allmählich in eine melancholisch-wehmütige Sonnenuntergangsstimmung überging. Alle großen Erfolge schienen auf Bowies Setlist zu stehen – von Heroes (gleichnamiges Album, auf dem Offenbacher Konzert jedoch nicht in Deutsch vorgetragen) über Fashion (Scary Monsters), Let’s Dance (gleichnamiges Album), Life On Mars? (Hunky Dory), Putting Out Fire (Let’s Dance/Cat People) bis hin zu Ashes To Ashes (Scary Monsters), Young Americans und Fame (beide aus dem Album Young Americans) – irgendwann flog auch mal eine gigantische aufgeblasene Weltkugel über die Köpfe der Zuschauer – aber die waren schon längst und (nicht immer ausschließlich) von der Musik berauscht andernorts. Die zahlreichen Musiker, unter ihnen altbekannte Gesichter wie Carlos Alomar und Earl Slick, waren in Bestform, lieferten eine fehlerfreie Spitzenleistung und der dünne weiße Herzog sang wie ein vorübergehend zur Erde herabgestiegener Gott in Leinenanzug und Hosenträgern.


Bild: Sony Music

Die Lautstärke überschritt heute erlaubte Maximalwerte vermutlich deutlich, sodass während der gesamten Rückfahrt laut schreiend rekapituliert wurde. Der während der Tournee erst 36-jährige Bowie erschien den aus Wiesbaden angereisten Fans übrigens nicht zuletzt seiner schillernden Vergangenheit wegen schon ein klein wenig alt und sogar die Frage nach dessen Ruhestand kam irgendwann auf – aber das alles ist heute natürlich kaum mehr verständlich.


Bild: Laurence Geyduschek

Doch tatsächlich sollte es nicht nur das erste, sondern auch das letzte Konzert Bowies sein, das der Verfasser dieser Zeilen damals sah. Was anschließend von jenem David Bowie folgte, der gerade erst die Hälfte seines Lebens hinter sich hatte, war oft unerwartet kraftlos und nicht selten auch enttäuschend. Mal sang er auf Italienisch
Volare im jazzig antretenden Julien-Temple-Kitschmusical Absolute Beginners, mal befand er sich auf einem Fantasy-Trip in Labyrinth (Die Reise ins Labyrinth). Zuguterletzt gab ein Midlife-Crisis-Bowie in einer abseits der bisherigen Karriere wirkenden Band Tin Machine zwischen 1989 und 1992 den nicht mehr ganz so jugendlichen Rocker. Die Jahre vergingen und Bowie geriet bei etlichen seiner Fans allmählich aber sicher in Vergessenheit.

„People have their fingers broken. To be insulted by these fascists is so degrading and it's no game. Documentaries on refugees, couples 'gainst the target. Throw a rock against the road and it breaks into pieces. Draw the blinds on yesterday and it's all so much scarier. Put a bullet in my brain and it makes all the papers and it's no game“ – Auszug aus It’s No Game (1980)

Dann kehrte Bowie zwar mit größeren Erfolgen und neuen Tourneen wieder zurück, doch sollte bis zu seinem Herzinfarkt inmitten des Hurricane-Festivals bei Scheeßel am 25. Juni 2004 keine allzu lange Zeit vergehen und aus der einstigen „Bête de Scène“ ein reiner Studiomusiker mit gelegentlichen Ausflügen in die Welt des Films sowie anderen Formen der Veröffentlichung da und dort werden. Ganz klar, Bowie hatte sich zur Ruhe gesetzt, daran änderten auch vereinzelte Auftritte zu besonderen Gelegenheiten kaum mehr etwas. Wer ab diesem Zeitpunkt noch zu seiner regelmäßigen Bowie-Dosis kommen wollte, der konnte je nach Wohnort und Leidenschaft entweder Bowies sehr konsumorientierten Newsletter abonnieren, gleich seine ganze Internet-Kommunikation über das BowieNet abwickeln oder aber die ihm gewidmete Ausstellung besuchen. Durch die jahrelange Publikumsabstinenz des Universal-Jean-Genies wurden Fans auch allzu leicht Opfer seines durchaus irritierende Größenordnungen erreichenden Vermarktungsgeschicks mit fast fortwährenden Neuveröffentlichungen schon bekannter Alben in immer neuen Umverpackungen, die als geeignetes Lockmittel vor allem für besessene Sammler stets ein paar zusätzliche Bestandteile von mehr oder weniger großem Wert enthielten, um den zwischenzeitlich überdimensionalen Bowie-Schrein in der Anliegerwohnung zu vervollständigen.

„Viele Jahre lang wirkte Berlin auf mich wie eine Art Zufluchtsort. Ich war nah an der Pleite und es war ein billiger Ort zum Leben. Aus irgendeinem Grund schien Berliner das nicht weiter zu kümmern. Nun, jedenfalls nicht was einen englischen Rocksänger anging.“ – der Wahlberliner David Bowie über seine Zeit in der deutschen Hauptstadt

Das war’s fast nach all den Jahren des Ausnahmemusikers David Bowie, der einst derart prägnant für das ehemals so verkommene Berlin der Christiane F. stand, da er in der „Welthauptstadt des Heroins“ tatsächlich mal in einer Siebenzimmer-Altbauwohnung in der Hauptstraße 155 im Stadtteil Schöneberg lebte und dort die
Berlin-Trilogie, bestehend aus den Alben Low (1977), Heroes (1977) und Lodger (1979) veröffentlichte. Neben Bowie weilte dort zuweilen noch Iggy Pop, der seinerzeit das Album „The Idiot“ vollendete. Der zeitgenössische US-Komponist Philip Glass sollte Bowies Berlin-Trilogie später als „reichlich komplexe Musikstücke, die Einfachheit vorspiegeln“ bezeichnen und als Basis zweier seiner Symphonien verwenden.


Bild: David Andel

Mister Jones (so Bowies bürgerlicher Name) war zwischen 2003 und 2013 eher ein stiller und zurückgezogener Ehemann und Vater, der im luxuriös umsorgten New Yorker Umfeld samt einem auf 900 Millionen US-Dollar geschätzten Vermögen keine Lust und/oder Eile auf Neues hatte. Umso verwunderlicher kam dann vor knapp drei Jahren das Album
The Next Day, das wie eine Abrechnung mit jenen schien, die ihn bereits für tot erklärt hatten. Weit besser als seine Kritiken enthielt es viel von der Energie des alten Bowie, beunruhigte jedoch auch gleichzeitig, da es wie ein letztes Aufbäumen des Universalkünstlers hätte aufgefasst werden können. Diese Rolle jedoch fällt nun eindeutig dem erst am Freitag erschienenen Album Blackstar zu, das mit seinen sieben Titeln kaum für gute Stimmung sorgen konnte. Ein düsteres, grimmiges, reumütiges und fast depressives Werk, das nun nicht nur sein abschließendes ist, sondern auch noch seinen Tod chartgerecht untermalt.


Bild: Sony Music

Die fünf Jahrzehnte des kulturellen Schaffens von David Bowie waren in vielerlei Hinsicht großartig und ausgesprochen abwechslungsreich – sein Name steht für 35 Alben und 422 Musiktitel sowie unter anderem auch 40 Filme, in denen er als Darsteller
mitwirkte – ein Luxus, der ihn gar in David Hemmings Schöner Gigolo, armer Gigolo zum letzten Filmpartner Marlene Dietrichs werden ließ, die sich ihrerseits die kurzzeitige Rückkehr aus dem Ruhestand mit 250.000 US-Dollar für zwei Drehtage vergolden ließ. Wer nun glaubt, dass soviel Talent zu allgemeiner Beliebtheit führt, der irrt, denn Frank Sinatra bezeichnete Bowie einst als „englische Schwuchtel“ und Jacques Brel weigerte sich gar, Bowie auch nur die Hand zu schütteln.

David Bowie hat die populäre Kultur geprägt, fortwährend verändert und zudem perfekt dargestellt. Insbesondere seine unnachahmliche und daher unverwechselbare Stimme wird auch kommenden Generationen noch endlose Vorgaben liefern – ein halbes Jahrhundert lang hat er die Menschheit musikalisch untermalt, ihre Hochs und Tiefs begleitet und damit deren Erinnerungen mit einem passenden Rahmen versehen. Es scheint unvermeidlich, dass nun ebenso wie schon beim sehr viel belangloseren Apple-Diktator Steve Jobs der Fall Bowie-Filmprojekte aller Art auf der Tagesordnung der Studios stehen. Wer Bowie (immer noch) nicht mag, dem sei vielleicht an dieser Stelle sein allererstes Soloalbum aus dem Jahre 1967 anempfohlen (es trägt den Namen seines Interpreten), einer Arbeit, die so völlig aus der Reihe seines Lebenswerkes tanzt und eigentümlich antiquierte, fast folkloristisch anmutende Titel enthält. Auch sehr gelungen ist der Ausflug des Brasilianers Seu Jorge in Bowies Welt mit dem Album
The Life Aquatic Studio Sessions. Fans wiederum sollten sich spätestens jetzt zur Vervollständigung der Sammlung auf die Suche nach Bowies nie veröffentlichtem Album Toy begeben oder zumindest Bowies BBC-Auftritt als Vertreter der Society For The Prevention Of Cruelty To Long-Haired Men (Gesellschaft zur Vermeidung von Gewalt gegen langhaarige Männer) vom November 1964 ansehen …

Am 10. Januar verstarb der Ausnahmekünstler für sein Publikum völlig unerwartet an den Folgen einer Leberkrebs-Erkrankung, die im Mai 2014 bei ihm diagnostiziert wurde und gegen die er laut dem belgischen Regisseur Ivo van Hove wie ein Löwe kämpfte. Am 8. Januar wurde zu Bowies 69. Geburtstag sein letztes Album veröffentlicht und noch vor einem Monat sah man ihn in scheinbar bester Gesundheit zur Premiere seines Musicals Lazarus in New York. Es passte zu Bowie – die Show ging weiter, bis der letzte Vorhang fiel.

David Andel