Herrchen gesucht

Abgehalfterte politische Bordsteinschwalben wie Berlusconi, Sarkozy oder Blair kehren selbst im postsexuellen Alter noch wie flügellahme Motten zum Gaslicht am Regierungsstrich zurück, sofern es die Dummgeilheit des Wählers nur erlaubt. Irgendwann aber ist das Verfallsdatum der machtverzweifelten Satyre so deutlich überschritten, dass als letzte sinnvolle Instanz nurmehr der Vorsteher des Kaffeekränzchenplanungskomitees im Seniorenheim offen steht. Auch Pudel Blair hat das nicht begriffen und streunt pinkelnd von einer Ecke zur nächsten. Herrchen ist längst weg, sein britischer Köter aber bellt verzweifelt immer noch den schimmernden Medienmond an. Wer mag ihm wohl zuhören?
 
Fast alle seiner Auftritte sind dynamisch-inhaltsleere Predigten, die vornehmlich die Einfältigsten unter uns in Entzückung versetzen. Seine Rolle ist die des aalglatten Investment-Entertainers, der Schandtaten segnet, Unrecht weiht und Vergessen als Lebenseinstellung heilig spricht, ganz besonders in Geldfragen. Er ist ein Aufputsch-Cocktail aus einem Drittel Scientology-Führer, einem Drittel Motivationstrainer, einem Drittel Selbstfindungsguru und einem Schuss Sportlehrer. Da er immer grinst, driften seine nicht ganz PR-gerechten Zähne manchmal zwar vom Sunnyboy in Richtung zähnefletschender Köter – ansonsten aber sitzt jede Bewegung, trifft jede Worthülse. Und wer ihn in die Ecke zu drängen sucht, erhält bestenfalls Schweigen zur Antwort – zumindest das wirkt dann ehrlich. Abermals hat er seine Kritiker gegen die Wand fahren lassen und gegen ihn geführte Prozesse juristisch erfolgreich überstanden, sodass der Blair’sche Wanderzirkus mit seinen welken Attraktionen und faden Possenspielchen weiter wirken kann.

„Blairforce One“ ist der einzige britische Ex-Premier, der sich ohne ständigen Personenschutz nirgends mehr blicken lassen kann, erst recht nicht im eigenen Land, wo er zusammen mit seiner Frau 27 Wohnungen und zehn Häuser besitzt und damit ganze Hundertschaften der Polizei beschäftigt. Er jettet regelmäßig durch 20 Länder, wo er sich vor allem mit Diktatoren trifft, Geschäfte mit ihnen macht und Kontakte aus seinem vermeintlich kostbaren Adressbuch vermittelt. Die Sofapolitik des „Teflon-Tony“, an dem außer Geld nichts haften bleibt, scheint endlos effizient, was angesichts millionenschwerer Honorare von JP Morgan auch nicht überrascht. Der von David Davies als „Einflussagent“ bezeichnete Blair teilt medial gern aus, muss argumentativ aber leere Taschen haben, da er nie etwas einsteckt, erst recht nicht die Argumente seiner beeindruckend zahlreichen Gegner. Dennoch scheint Blair, der zu bemerkenswerten publikumsfinanzierten Dokumentationen wie
The Killing$ Of Tony Blair anregte, es stets nochmals wissen zu wollen – fragt sich nur was.

Natürlich muss es einem passionierten Hinterzimmerverschwörer wie Blair schwer fallen, zwar noch exklusiven Zugang zu zahlreichen Hinterzimmern zu haben, nicht jedoch mehr zu jenen der Macht und erst recht nicht denen des Parlaments. Er kann vielleicht immer noch wie ein Puppenspieler überall Fäden ziehen, der Vorhang zur Aufführung seines auf Dauertournee befindlichen Machttheaters wird sich jedoch nicht mehr öffnen. Und so beschränkt sich Blair denn auf das Veröffentlichen von Kommentaren, ganz so, als wäre er das Ein-Mann-Schattenkabinett schlechthin, Moralapostel, Seher und Thronanwärter. Befremdlich dabei ist nur, dass ihm noch nicht einmal mehr die eigene Partei zuhört und Leserbriefe auf seine Kommentare hin angeekelt, belustigt, verärgert oder hämisch sind, fast immer aber herabwürdigend. Den Nagel auf den Kopf getroffen hat hierbei die Aktion der beiden Komiker Jolyon Rubinstein und Heydon Prowse in der BBC-Serie Revolting, in der Rubinstein als Blair-Fan Blair-Gegner unbedingt davon überzeugen will, Blair doch bitteschön wieder sympathisch zu finden, was meist zu Reaktionen wie Desinteresse, manchmal aber auch heftigen Wutausbrüchen führt.

First VIP, then RIP – die Reihen um den grinsenden Zampano lichten sich. Es bleiben ihm aber immer noch jene sich zunehmend geschwächter aufbäumenden Kräfte, die die Labour-Party gerne wieder auf die marktradikale Linie getrimmt sähen und für die die Ära Corbyn etwas wie eine schwere Grippe ist, die unter allen Umständen ausgemerzt werden muss. Jedoch haben diese eindeutig in der falschen Partei agierenden Kräfte bislang alle Labour-Machtspielchen und auch ihre Posten verloren und müssten schon eine eigenständige Partei gründen, um überhaupt noch gehört zu werden. Dort könnten sie dann auch wieder mit Blair zusammenkommen. Allerdings ist die Blair-Anhängerschaft bei weitem zu klein und unbeliebt, um noch einmal nach dem Machtzepter greifen zu können, was Blair auch immer schon gewusst zu haben schien, weshalb er es auch von Anfang an vorzog, eher eine vorhandene Partei zu kastrieren als eine neue zu gründen. Es überrascht da nicht sonderlich, wenn er mitten im Trump-getränkten Sommerloch behauptet, einst Trotzkist gewesen zu sein, allerdings nur ein Jahr und bis ihn seine künftige Frau Cherie Booth (die schon für 10£ Blair-Autogramme bei eBay verkaufte) davon abgebracht habe. Noch will er Labour nicht aufgeben.
Und obgleich ich mit der Zeit offenkundig diese Seite der Politik hinter mir gelassen habe, blieb mir doch die Grundnote, ein Anliegen zu haben, welches größer als man selbst und seine eigenen Ambitionen ist – und ich denke, dass das wahrscheinlich mit meinem Weg zum religiösen Glauben einherging – was mein Leben zu dieser Zeit änderte.
Blairs vor allen Karrierestürmen schützende Murdoch-Hundehütte scheint verloren, konnte der Pate einer der Murdoch/Deng-Töchter doch der Versuchung nicht widerstehen, mit Murdochs Ex-Furie Wendi Deng ein Techtelmechtel anzufangen, was denn prompt auch zur Scheidung führte. Scheinbar ist diesem betenden politischen Etwas nichts heilig – das nächste Blair-Shit-Projekt scheint nach all den Reinfällen immerhin fraglich. Merkwürdig bleibt, weshalb er sich nicht einfach von der Öffentlichkeit fernzuhalten bereitfindet. Trotz aller Anstrengungen ist Labour nun linker denn je und der Nahe Osten versinkt im Blut seiner Menschen.

Dass der religiös verblendete Kriegsherr Blair nach seiner Rolle als britischer Premier ausgerechnet zum unbezahlten (!) Nahost-Gesandten des so genannten und vor allem sinnlosen Nahost-Quartetts erklärt wurde, bleibt ein Skandal gewaltigen Ausmaßes. Blairs Schreckensbilanz in der Region ist unerreicht und basiert auf eiskalten Terrorismus- und Massenvernichtungswaffenlügen. Die Zahl irakischer Todesopfer infolge des illegal geführten Krieges liegt mittlerweile bei einer Million Menschen. Es war der Irak und dessen Bewohner, die vom US-britischen Terror massenhaft ermordet wurden und nicht umgekehrt und es war auch die Geburtsstunde jenes Terrors, von dem heute alle westlichen Staaten betroffen sind. Mutmaßlich versprach man sich von Blair völlige Untätigkeit in Sachen Völkerverständigung und gab sich daher in Sachen Blairscher Geschäftstüchtigkeit blind und taub.

Seine selbstgesetzten Ziele als Gesandter konnte Blair nicht verwirklichen, dazu gehörte unter anderem die dringend nötige Abwasserklärung des Gaza-Streifens. Was er allerdings tat, das war seinen Partnern von JP Morgan zu einem milliardenschweren Telekom-Abschluss mit Wataniya Mobile zu verhelfen. Ansonsten ließ er sich in Palästina kaum blicken, so führten ihn seine über hundert Nahostreisen nur dreimal nach Gaza. Dafür wiederum erhielt Blair von Kuwait ein Beraterhonorar von 27 Millionen US-Dollar. Wir erinnern uns, im März 2004 besuchte der damalige Noch-Premier Blair Qaddhafi und sorgte dafür, dass Libyen trotz Lockerbie wieder salonfähig wurde, schon im Oktober des gleichen Jahres folgte ihm auch sein Plagiat Schröder. Wenig überraschend daher, wenn nach Qaddhafis Sturz abermals eine halbe Milliarde US-Dollar bei JP Morgan landeten und Blairs Betbruder Bush Junior ein Gesetz zur Nichtverfolgung von Qaddhafis Kriegsverbrechen unterzeichnete. Blairs Aktivitäten als Gesandter wurden zunehmend unhaltbar. Erst massive Proteste seitens mehrerer Diplomaten und Angriffe mit Eiern und Schuhen auf Blair während seiner Autogrammstunden jedoch vermochten seine obskure Rolle als Geschäftsreisender im Deckmäntelchen des Quartett-Entsandten beenden.
 
Blairs Erdrutschsieg in den Neunzigern bleibt in den Köpfen seiner einstigen Anhänger bis zum heutigen Tage hängen, seine Niederlagen und erbärmlichen Rechtfertigungen nicht. Und davon abgesehen war des Pudels Erdrutsch auch kleiner als jener seines späteren Erzfeindes Corbyn, nur will er das natürlich nicht wahrhaben. Die Überraschung war gelungen, konnte doch Corbyn der britischen „Mutti“ Theresa (die aber wie Merkel keine ist) eine schallende Wahlohrfeige geben. Und obgleich Brexit-Gegner Blair der Brexit-Exekutionsbevollmächtigten May gegenüber zumindest über diese eine unterschiedliche Sichtweise verfügt, ist der britische EU-Austritt per Volksentscheid beschlossene Sache, sodass der Tanz ums goldene EU-Ei trotz aller Nachwehen wesentlich als Schattenboxen zu sehen ist.

In Deutschland ist der Groschen der Anhänger des Blair-Plagiats Schröder leider noch nicht gefallen. Dort versucht eine kaum noch bedeutende SPD immer noch mit wirtschaftsoptimierten Neusprech so zu tun, als hätte sie irgendeine soziale Triebfeder, die über billige Kosmetik hinausginge. Heutige Sozialdemokraten wollen eigentlich gar keine mehr sein und das Wort „sozial“ beruhigt im Rahmen der Kanzlermehrheitsbeschaffung allenfalls das eigene Gewissen. Ähnliches gilt für die „neuen“ Arbeiter in New Labour, die Blair erfolgreich den UKIP-Rattenfängern zum Fraß vorgeworfen hatte. Jene wenigen verbliebenen Wähler aus dem Arbeitermilieu der britischen Insel würde man schon seit Thatcher am liebsten gleich ins Meer schmeißen – da sind sich Blair und die britischen Konservativen gewiss einig. Hier verwundert es kaum, wenn die eiserne Oma Margaret den seelenverwandten Blair als ihre größte Errungenschaft sah und nicht nur Eric Hobsbawm ihn als „Thatcher in Hosen“ erkannt hatte.

Historisch gesehen wurde ein Phänomen wie Blair nur durch den fundamentalen gesellschaftlichen Wandel der Siebziger möglich, in deren Verlauf bisherige Lebensgrundlagen aufgrund von Automatisierung und Marktliberalisierung wegfielen. Jene von asiatischen Billigimporten am Boden zerstörte Gesellschaft war leichtes Opfer aller Arten falscher weißer und andersfarbiger Ritter. Konservative Parteien führten die ehemaligen kleinen Leute in eine knallharte wirtschaftliche Hörigkeit, die unzählige vernichtete Existenzen zur Folge hatte, von denen sich nicht nur Britannien bis heute nicht erholen konnte. Handwerk wurde billiger in entfernten Ländern ausgeführt oder durch Maschinen ersetzt, Industrieprodukte wie Kraftfahrzeuge, Unterhaltungselektronik, optische Geräte und vieles andere mehr überforderten britisches Know How bei weitem und wurden fortan in Ländern mit entrechteten Arbeitern gefertigt, mit denen preislich kaum ein europäischer Staat mehr konkurrieren konnte. Diejenigen, die überleben wollten, mussten in Billiglohnländer umziehen – es war die erste Etappe der ursprünglich als Hilfe zur Selbsthilfe für Schwellenländer angetretenen Globalisierungsphantasie.

Die nächste Etappe steht schon an, denn Roboter werden vom Paketboten bis zum Feuerwehrmann auch die letzten physischen Dienstleistungen ersetzen, autonome Piloten alles vom Taxifahrer bis zum Flugzeugführer für obsolet erklären und künstliche Intelligenz zudem jene beiseite wischen, die sich noch in akademischer Sicherheit wiegen. Dieser unausweichliche Prozess wird von politischen Crétins aller Couleur so auffällig ignoriert, dass sich die Bedrohlichkeit nur verstärkt. Mit Stichworten wie Vollbeschäftigung wird ein Zug verpasst, der uns alle später überrollen dürfte. Das „New“ in „New Labour“ sollte darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ganz alten Kapitalismus handelte, der die Bevölkerungen Europas aber immer noch in seinem Würgegriff hält.
Es ist besser als gut, es ist billig!
Zitat aus Jetson's: The Movie (1990)
Arbeiter wurden überflüssig und sollten sich Anpassungsprozessen wie Umschulungen und Fortbildungen unterwerfen. London wurde zum Dienstleistungsmekka und Geldumschlagplatz umfunktioniert, das aus zahlreichen Kriminalromanen berühmte Hafenviertel wich weltweit austauschbaren Konsumtempeln und Luxusapartments. Ehemalige Mieter heruntergekommener Reihenhäuser für Arbeiter wandelte Thatcher mittels billiger Kredite in Eigentümer neuer Reihenhäuser um und machte sie somit zu leichten Opfern billiger Angst-Slogans. Der privatisierende und Geschäfte machende wie ermöglichende Thatcher im Blairmantel wollte ausschließlich Geld, seine Rolle war die eines Trittbrettfahrers, der dazu das ausrangierte Labour-Vehikel nutzte. Das halbwegs einige Europa und auch das abtrünnige Britannien brauchen jedoch neue Perspektiven und Initiativen und keine politischen Zombies wie „Tony" Charles Lynton Blair, die schon zuvor nichts anderes im Sinn hatte als ihren eigenen Vorteil.

David Andel
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