Zu wenig, zu spät?

Es sieht nicht so aus, als wäre der unlängst eingeführte Musikdienst von Apple ein Misserfolg. Schon in den ersten Tagen nach Einführung sprachen Anwender im Forum des Gerüchtedienstes Spymac davon, der iTunes Music Store mache „süchtig wie Crack“ – die Dollars flössen nur so dahin. Das ließ erahnen, was wenig später Cupertino höchstselbst bestätigte. Jede Sekunde wurden zwei Titel verkauft, über eine Million US-Dollar Umsatz in der ersten Woche, der NASDAQ-Wert AAPL stieg branchenunüblich.
Unken werden rufen, die fortgefallene Infrastruktur der Distribution hätte den Preis noch mehr drücken müssen. Der Einheitstarif von knapp einem US-Dollar (umgerechnet derzeit 88 Eurocent) wird nicht wirklich jedem Titel gerecht. So kosten beispielsweise die aufwändig gestalteten und neu gemasterten „96 kHz, 24-bit digital transfer“-Jazzalben von Verve Music kaum acht Euro. Weder bieten AAC noch MP3 die volle Klangqualität einer ordentlich produzierten CD noch bleibt es dem Käufer des virtuellen Guts erspart, für ein Backup zu sorgen und die flüchtige Ware vor allerlei technischen Tücken zu schützen. Auf ein liebevoll gestaltetes Cover oder die Chance einer Wertsteigerung bei vergriffener Auflage muss der Musikfreund wie bei Kazaa & Co. ebenfalls verzichten. Ob sich die auf diese Weise erworbene „Ware“ überhaupt jemals weiterverkaufen lässt, bleibt ungewiss. Und schließlich besteht keine Möglichkeit des Preisvergleichs mehr, denn der Titel kostet, was der Titel kostet.

Die Vorteile sprechen für sich. Die Auswahl wird leicht gemacht, denn im Gegensatz zu manchen Versandhändeln bietet Apple schon die Hörproben im AAC-Format. Nach Bezahlung im virtuellen Musikladen kann der Titel beliebig oft gehört werden und ist auf bis zu drei Macintosh-Rechnern im heimischen Netz spielbar, alles darüber hinaus verbietet Apples friedliche Interpretation eines DRM (Digitales Rechte-Management). Nichtsdestotrotz lässt sich der mit dem Segen des Musikverlages erworbene Titel auch auf CD brennen. Ein derart entstandener Tonträger kann dann beliebig oft kopiert und weiter verarbeitet werden. Ob es hinsichtlich der Klanggüte noch einen Sinn ergibt, die im AAC-Format erworbenen Titel nach dem Brennen auf eine CD wieder nach AAC oder gar MP3 zu wandeln, sei dahingestellt. Ohne jeden Zweifel praktiziert Apple auf diesem Gebiet ein Maximum an Fairness, die Anwenderschaft sollte dies anerkennend aufnehmen.

Die Konkurrenz des iTunes Music Store ist bis dato weniger attraktiv, schläft aber nicht vollends. Ebenfalls nicht hierzulande bietet EMusic aus dem Hause Universal für Jazzfreunde eine lohnenswerte Alternative. Für ganze zehn US-Dollar monatlich können sogar Macintosh-Anwender beliebig viele Titel laden, derzeit allerdings mit einer Einschränkung von 45 Stück pro Sitzung. Die MP3-Dateien in variabler Bitrate sind nicht DRM-beeinträchtigt, können auf CD gebrannt werden. Nachteil von EMusic im Vergleich zu Apples Dienst ist die Beschränkung auf ein minder populäres, älteres Musikrepertoire. Deutschen Musikfreunden blüht im Gegensatz zu solchen Lösungen erst einmal nur Unfug à la Popfile – DRM und Software von Microsoft sind zwingend. Da verzichten wir dankend und hoffen erwartungsvoll auf die Internationalisierung von Apples freundlichem Musikladen.

Klassische P2P-Ansätze tat Jobs kurzerhand ab. Langsame Datenübertragung, kein vorheriges Reinhören und eine mangelhafte Kodierung seien wenig reizvoll. Mit „I forgot, that steeling Music is illegal“ wies der iCEO beiläufig auf die von der Industrie gepflegte Diebstahllegende hin. Zwar wurde Musik auf Schulhöfen schon Jahrzehnte vor der digitalen Revolution in Form von Musikkassetten auf Teufel komm raus getauscht, der so titulierte „Diebstahl“ samt erträumter Milliardenverluste fiel den Verlegern aber erst nach der digitalen Organisation des Vorgangs auf. Apples in iTunes perfekt integrierter Musikdienst ist jetzt genau das, was vor über drei Jahren seitens der Musikverlage aus eigener intellektueller Anstrengung heraus hätte entstehen sollen, durch Napster jedoch vorweg genommen wurde. Nun ist der iTunes Music Store vor allem deswegen nicht zu wenig und zu spät, weil es für den Macintosh kein Kazaa gibt – niemand sollte sich da Illusionen machen. Besser spät als nie.

David Andel