Wo bleiben die Ideen?

Fernsehen ist eine feine Sache. Ohne die heimischen vier Wände verlassen zu müssen, können wir uns ein Bild der Welt machen, uns unterhalten und verärgern, verzaubern oder gar in Trauer versetzen lassen. Alle deutschsprachigen digitalen Angebote zusammengezählt, eifern mittlerweile an die hundert Kanäle um unsere Gunst, ein Großteil davon zwangsweise gegen Geld. Aber was hat sich in den letzten Jahren noch inhaltlich wie technologisch auf diesem Gebiet getan? Gab es Innovationen, Provokationen oder Experimente von Belang? Nein, das Medium fährt schon konzeptionell Slalom zwischen mehr Dummheit, mehr Geldgier, mehr Unverstand oder mehr Überheblichkeit und schleppt sich infolgedessen auch technisch nur um Nuancen in die Zukunft. Wo bleibt die zündende Idee?
Zum Glück erfreut uns der Computer. Die Informationsgesellschaft lässt uns gewaltige Wissenskontingente effizient und papierlos verwalten. Wir können uns in virtuelle Welten versetzen und unseren Aggressionen wie Phantasien freien Lauf lassen. Wir können musizieren, ohne jemals ein Musikinstrument erlernt und malen, ohne jemals eine Maltechnik beherrscht zu haben. Und doch nimmt die Papierflut ebenso zu wie die Gefahr, jederzeit das Wissen von Jahren verlieren zu können. Wir können theoretisch unsere Kreativität entfalten, leiden praktisch aber unter Einfallslosigkeit. Wir haben theoretisch die Crème de la Crème der Technologie, kämpfen praktisch aber tagtäglich mit der Tücke des Objekts oder wissen erst gar nicht, was wir damit wollen und sollen. Die Mehrzahl der Computer kann viel, tut in den Haushalten der Anwender aber kaum etwas. Wo bleibt die zündende Idee?

Immerhin gibt es das Internet. Vor über zehn Jahren trat es auch hierzulande seinen Siegeszug an. Was einmal mit bloßem Textaustausch per UUCP begann, wurde später um das WWW und um subversive P2P-Übertragungsverfahren ergänzt. Wer von Anfang an dabei war, dürfte zwischenzeitlich an multimedialer Information wie Unterhaltung ziemlich fettgefressen sein, iTunes Music Store hin oder her. Nur was hat sich die letzten Jahre neben der Zunahme von Angeboten und Zugangsgeschwindigkeit noch getan? Vorbei die Zeit, in der das Internet eine nichtkommerzielle und basisdemokratische Informationszone, ja Gemeinde oder Kommune war. Seit Regierungen und Unternehmen das Netz der Netze dominieren, ist es gefährlich, überfrachtet, überreguliert und teuer geworden. Wo bleibt die zündende Idee?

Mobilfunk befreit uns von den Tücken der Ortsgebundenheit. Wir können zu jeder Zeit von jedem Ort aus kommunizieren. Telefonzellen, Telegrammboten und Telexgeräte sind Schnee von gestern. Wir gehen kein Risiko mehr ein, wenn wir in fremde Länder reisen, denn wir haben unsere Notrufsäule immer dabei. Und doch leiden wir. Unter den enormen Kosten der Auslandsgespräche, unter der stets zu geringen Kapazität der Energiezellen, unter dem immer noch zu großen Gewicht der Telefone, dem ewigen Druck stets das Neueste besitzen zu müssen und insbesondere dann, wenn uns der Vibrationsalarm gerade einen gehörigen Schreck versetzt. Manchmal fällt uns auch nicht mehr ein, wozu das alles überhaupt gut war. Was wurde aus der Euphorie um UMTS, wodurch sich neue Horizonte eröffnen sollten? Wieso gibt es ISDN oder das analoge Festnetz überhaupt noch? Wo bleibt die zündende Idee?

Viele Medien und Technologien stagnieren, während Apple die Welt außerhalb iTunes zunehmend aus den Augen verliert. Genau das könnte sich zu einer leichtfertig übersehenen Marktlücke entwickeln. Was fehlt, ist die Integration weiterer Inhalte und Technologien, spätestens seit dem G5-Prozessor gibt es für fast alle denkbaren Anwendungen genügend Rechenleistung. Es wäre an der Zeit, käme uns Cupertino mit seinem Ideenpotential abermals zu Hilfe. Vielleicht mit einem revolutionären Hardware-Konzept, das nicht nur ein anderes Material oder andere Gehäuseabmessungen bringt. Oder mit einer Software, die uns spontan den Sinn hinter allem erkennen lässt. Der moderne Mensch braucht dringend Hilfe, denn die Lösung scheint zum Greifen nah und nur die treibende Kraft fehlt. Wo bleibt die zündende Idee?

David Andel