Vorher-Nachher-Show

Es fällt allgemein schwer, gleich welches Produkt rundweg positiv zu sehen. Erst recht, wenn es um ein modernes Betriebssystem geht, das weit mehr als nur eine klar definierte Funktion zu erfüllen hat. Fehler in Betriebssystemen sind Multiplikatoren im negativsten Sinne, weil man ihnen als Besitzer eines Computers unmöglich entrinnen kann. Kaum ist der Rechner hochgefahren, schon muss sich jeder Anwender auf Gedeih und Verderb mit der im Vordergrund stehenden Software arrangieren. Nicht umsonst benötigen Hersteller oft quälend lang bis in diesem Bereich alles wenigstens einigermaßen rund oder überhaupt läuft, denn es gilt ungemein viele Dinge unter einen für alle passenden Hut zu bringen, der farblich allen gefällt und in allen Ländern unverändert kleidsam ist.
Ein neues Betriebssystem kann Jahre der Einarbeitung benötigen bis es wie im Schlaf bedient werden kann, dessen Ergonomie, Logik und Ästhetik auf ein Mindestmaß an Verständnis stoßen Wirklich alle Anwender werden nie zufrieden sein, zu schnell rast auch die Entwicklung der Hardware am Auffassungsvermögen der Entwickler vorbei. Computer sind im Jahr 2001 unsere technischen Gefährten und Betriebssysteme die zentrale Methode, um mit ihnen zu kommunizieren. Das ist eine völlig andere Ausgangssituation als für den Apple // oder den ersten Macintosh. So erklärt sich auch die Notwendigkeit eines Generationswechsels von Zeit zu Zeit, anders ließen sich die angebotenen Ressourcen nicht ausschöpfen, würde die Hardware von der Software nur noch ausgebremst, würden Innovationen schon im Keim erstickt.

Der zweite Generationswechsel bei Apple heißt Mac OS X. Auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz so gewaltig wie der Schritt von der Kommandozeile des ersten Apple bis zur Schreibtischwelt der Macintoshgeneration, dennoch aber ein Quantensprung. Heute dominieren Internet und Multimedia den Alltag Otto Normalanwenders, zu Einführung des Mac OS waren es gerade einmal simple Text- und Grafikprogramme. Insofern verwundern die ersten unsicheren Gehversuche kaum, der Sprössling lernte schließlich noch. Die Public Beta stand für die Kindheit, 10.0 für die Zeit des Heranwachsens und 10.1 wird als angestoßener Reifeprozess die Richtung auf das weisen, was kommt. Die Symbiose aus NEXTSTEP und Mac OS scheint mit 10.1 erstmals gelungen. Apple hat zugehört, verstanden und gehandelt, keine Frage.

Der geneigte Leser mag es andernorts nachlesen und anschließend jeden einzelnen Kritikpunkt der Version 10.0 mit der nun vorliegenden Version 10.1 abgleichen. Alle Mängel wurden kompromisslos beseitigt, die der grafischen Oberfläche, die der Bedienung, die im Bereich der Geschwindigkeit und die der Ausstattung sowie eine ganze Reihe von Baustellen beendet. Dabei kann von Patchwork keine Rede sein, die Korrekturen sind folgerichtiger Natur, schaffen den idealen Nährboden für weitere Neuerungen. Apple hat sein Ziel erreicht, Mac OS X mindestens so komplett wie Mac OS 9 zu machen und bietet doch so vieles mehr. Währenddessen ergänzt die Apple Expo in Paris die noch fehlende Software, von Photoshop zum Office-Paket, vom Ego-Shooter zur professionellen Animationssoftware. Ganze sechs Monate nach Einführung ist die schwere Erbschaft des Vorgängers nicht nur angetreten, sondern auch abgewickelt. Es bleibt kein übler Nachgeschmack, noch nicht einmal wehmütige Erinnerung, vielleicht gerade einmal ein Hauch Melancholie.

Mac OS X ist eine breite Akzeptanz zu wünschen, denn die Basis ist so gut wie nie. Wer ein paar Wochen mit Mac OS X 10.1 arbeitet, CDs brennt, DVDs schaut, per IrDA und Mobilfunkgerät E-Mails verschickt, per ADSL im Internet surft, mit anderen Rechnerwelten problemlos Daten tauscht oder die Filme seiner Digitalkamera nachbearbeitet, gewöhnt sich schnell daran. Wer dann nochmals die genau gleichen Tätigkeiten unter Mac OS 9 verrichten will, wird die intuitive Unbeschwertheit vermissen, die Eleganz, die Stabilität und die Ausstattung. UNIX und Kompliziertheit gingen seit Dekaden einher wie Christopher Lee und Dracula. Apple hat geschafft, was weder Irix, Linux noch Solaris vermochten, eine technologische Bestie zu zähmen und sie mit den feinsten Manieren auszustatten. Nach einem halben Jahr Feintuning spricht die Bestie sieben Sprachen, reagiert blitzschnell auf Befehl, ist ebenso berechenbar wie unkompliziert, hört immer zu und wird nie müde. Wer könnte mehr verlangen?

David Andel