Von der Wiege bis zur Bahre

Wer liebt das nicht? Auf einer WWW-Seite findet sich der Verweis zu einem womöglich interessanten Artikel. Allein die Schlagzeile ist verheißungsvoll, das Thema verfolgt uns schon die ganze Zeit. Doch ein Mausklick führt uns nicht etwa zum spannenden Info-Schmankerl, sondern zum schlimmsten Schrecken des Internets, Alptraum eines jeden Datenreisenden, Coitus Interruptus des Lustwandlers in der Informationsgesellschaft – einem ganz miesen kleinen dreckigen Formular. Voller Hinterlist und Tücke stellt es sich wie ein wuchtiger Tür steher aus dem Rotlichtmilieu mitten in den Weg zur Information: Wer bist Du überhaupt, was willst Du hier, zeig mir erst mal Deinen Ausweis!
Man stelle sich vor, dieser Wissensdurst existierte andernorts. In keinem realen Kiosk auf der Welt wird schließlich nach dem Einkommen unseres Haushaltes gefragt oder für den Fall einer Rückkehr darum gebeten, uns einen noch nicht vergebenen Kosenamen auszusuchen. Selbiges gilt ebenso wenig für die Nutzung des öffentlichen WCs oder den Besuch der Kneipe an der Ecke. Im Internet aber müssen wir uns immer öfter irgendwie anmelden, sei es im Forum dieses Nachrichtendienstes oder jener Zeitschrift, sei es zum Einkaufen hier oder Versteigern dort, sei es zum Beanspruchen von Hilfe bezüglich eines erworbenen Produktes oder auch nur zum Lesen der Kommentare (!) von Nutzern einer Filmdatenbank.

Der Anmeldewahn im Internet nimmt spätestens seit der nicht besonders erfolgreichen Kommerzialisierung überhand, kein Kauf im virtuellen Laden mehr ohne Kundenkonto oder das Hinterlassen viel zu vieler Spuren. Vielleicht will ich ja nur ein einziges Mal in einem bestimmten Online-Shop etwas bestellen, werde aber gezwungen, fast mein ganzes Privatleben preiszugeben. Das geschieht natürlich nicht offensichtlich, sondern verdeckt. Denn einem Kauf folgt meist eine Nachfrage bei den Datensammlern der Auskunfteien, den Scoringinstituten (wehe dem, der in der falschen Gegend wohnt!) sowie etwaigen anderen Unternehmen des Anbieters. Hinzu kommt eine viel zu sorglos hinterlassene Datenspur aus Cookie-, HTTP_REFERER-, Kreditkarten-, IP- und Domaindaten. Jedes Detail für sich alleine wäre noch kein Weltuntergang, in der Verkettung aber ergeben sich daraus umfassende Personenprofi le, deren Anfertigung sich auch noch perfekt automatisieren lässt. Jammernde E-Mails der Art „Was haben wir falschgemacht?“, wird mangels Notwendigkeit einmal ein Jahr lang nichts mehr gekauft, nerven ungemein und zeigen vorbildlich, wie absurd es ist, zwangsweise überall Stammkunde sein zu müssen. Auf Seiten der Surfer wirkt sich zudem fatal aus, dass sich nach und nach derart viele Zugangsdaten ansammeln, dass ein einziger Fauxpas in der bei Privatanwendern oft nicht vorhandenen Sicherheitsstrategie ein virtuelles Dasein regelrecht auslöscht.

Wozu die leichtfertige Vergabe von Daten alles führt, zeigte vor einigen Jahren exemplarisch der Fall der fatalerweise in Pakistan geborenen Deutschen Beate Killguss, die ihren Verlobten Trevor Hughes in Atlanta besuchen wollte, was ihr jedoch standhaft verweigert wurde. Denn die sechs Stunden Verhör und anschließende Abführung in Handschellen begründete der US-Grenzbeamte u. a. lapidar mit „Ich habe mal bei Amazon.com nachgesehen, Sie mögen anscheinend Bücher über Zweitsprachen“ …

Weil Datensammeln vor allem Planungssicherheit verspricht, dürfte ohne gesetzliches Verbot kaum ein Unternehmen oder eine Organisation mehr darauf verzichten wollen. Wer dies darf, wird seine Anwender und Kunden ganz genau kennen lernen wollen. Und so wird es auch künftig immer wieder heißen: „Von der Wiege bis zur Bahre, Formulare, Formulare …“

David Andel