Tick, tick, tick …

Es gibt die Tage in zahlreichen Haushalten dieser Welt die eine oder andere Auspackzeremonie zu vollziehen: neue MacBooks, neue iMacs, allesamt auf Intel-Prozessoren basierend. Eine weitere Auspackzeremonie jedoch steht Cupertino ins Haus – die einer Dose. Gemeint ist damit nicht etwa der verballhornte Name des Disk Operating Systems, sondern die Büchse der Pandora. Die griechische Mythologie lehrt uns, dass nach deren Öffnung alles Schlechte über die Welt hereinbrach.
Apples Büchse der Pandora ist die uns wohl bekannte Tatsache, dass kein Kopierschutz ewig währt, egal wie illegal, gleichgültig wie endgültig vom Konzept her. Und so öffnet sich am Tag der offiziellen Vermarktung von Apples „intelisierter“ Version von Mac OS X eben das eine oder andere ungewollte Marktsegment, nämlich das der P2P-Netze, der Tipps und Tricks von Hackern und Crackern sowie neuer Diskussionsplattformen zur Endlos-Diskussion über die Anpassung an diese oder jene nicht unterstützte Hardware.

Analog zum steten Zweikampf Fairplay-Playfair und sämtlichen Hymnen darauf wird es ganze Heere von Bastlern Monate beschäftigen, Apple eben doch besiegt und Mac OS X trotz aller Widrigkeiten auf Aldi-, Lidl-, Media-Markt-, Plus- oder Tchibo-PCs installiert zu haben. Und selbst wenn es laufende Anpassungsschwierigkeiten geben sollte, Software stets aufs Neue abstürzt, der Systemkern sich mit immer neuen Panikattacken rächt und der Zeitaufwand in Arbeitsstunden den Kaufpreis eines Apple-Rechners längst ums Doppelte übertroffen haben wird – Mac OS X wird niemals mehr ein exklusives Privileg des Macintosh sein.

Aber muss uns das Sorgenfalten auf die Stirn treiben, schlaflose Nächte oder nervöse Schweißausbrüche bescheren? Wohl kaum, denn Apples Hardware wird durch das integrierte Intel-Know-How weit konkurrenzfähiger sein als bisher, auch im Preis. So mag das Quentchen mehr Design zwar noch das Quentchen mehr Preis ausmachen – alles in allem jedoch wird eine attraktive Baureihe neuer Computer entstehen, die eher Käuferschichten aus der PC-Domäne abziehen dürfte, als ein Erdrutsch weg vom Mac zu erwarten wäre.

Was kann schon groß passieren? Szenario 1: Jeder klaut Mac OS X, keiner kauft mehr Macs – in Kreisen großer Experimentierlust und geringer Kaufkraft durchaus plausibel (Schüler, Studenten usw.), breite Käuferschichten wird dies aber wegen der zu erwartenden fortwährend großen Umstände nicht betreffen. Szenario 2: Alle kaufen Macs, nur um dann Windows darauf zu installieren – vorstellbar bei einem kleinen Kreis unflexibler Anwender, die Mehrzahl der Windows-Anwender wird aber mancher Anwendungen wegen schlimmstenfalls zweigleisig fahren, da Mac OS X sonst einfach besser ist. Szenario 3: Cracker geben sich geschlagen, Mac OS X bleibt Mac-exklusiv – glaubt niemand, kompliziert und nervend bliebe der Softwareklau trotzdem, denn schon jetzt ist die permanente Aktualisierung der Systemsoftware eher anstrengend. Szenario 4: Niemand weiß jetzt mehr, wozu es Windows gibt, Apple übernimmt das OS-Monopol – genau, ein feuchter Traum von Steve Jobs, nichts weiter, oder doch nicht?

So tickt der Countdown zwar unweigerlich bis zur Öffnung der Büchse der Pandora, der Inhalt besagter Dose des Verderbens wird jedoch für Apple weit weniger schädlich als erwartet ausfallen. Augenringe, nervöse Schlafstörungen und laufende Wutausbrüche aber werden nur jene heimsuchen, die Release auf Release von Tiger und Folgekatzen zahllose Nächte vor dem Rechner verbringen und Unmengen von Zeit auf der Suche nach der Umgehung von Apples Schutzmechanismen totschlagen. Wer darin noch einen Vorteil sieht, muss es dann wohl Leopold von Sacher-Masoch gleichtun und seine beträchtlichen Leiden einfach als Lust interpretieren. Mag sein, dass dann auch irgendwann ein Kult daraus hervorgeht, Mac OS X möglichst kompliziert und unbequem zu nutzen – im Set mit Elektroschock-Maus und Arbeitsstuhl mit Netzanschluss vielleicht auch eine Marktlücke für die Fetischszene.

David Andel