Technologischer Vaterlandsverrat

Es bedarf schon einer gehörigen Portion Verfolgungswahns, um die Keynote von Steve Jobs zur WWDC politisch zu verstehen. Da sich allerdings in den USA ein bestimmtes Maß an Paranoia zur Erzeugung von Stimmungen etabliert hat, sind auch diesbezügliche Kommentare publizistischer Helfershelfer kaum überraschend. Wenn Harvard-Politologe Marvin Kalb jene degenerierte Form der Darstellung so empfindet „als wenn Kühe wiederkäuen“, weil sich neben der Gesellschaft auch die Presse gleichschaltet, dann passen die Worte des Polemikers Rush Limbaugh über Apple wie eine Faust aufs Auge.
Die überwiegende Zahl der Radiokommentatoren im Land des Sternenbanners sind dem rechtskonservativen Lager zuzuordnen. Limbaugh tritt da nicht aus der Reihe und so passt ihm Al Gore als Mitglied vom Apple-Vorstand nicht, weil (so wörtlich) „Where Steve Jobs Lives: It's Called Algore Paradise“ (Dort wo Steve Jobs lebt ist vom Algore-Paradies die Rede). In einer Radiosendung unter dem Titel „Why Does Apple Put Politics First?“ (Warum stellt Apple Politik in den Vordergrund?) gipfelt Limbaugh mit Erkenntnissen der Art, Apple enthalte aufgrund seines elitären Charakters dem amerikanischen Volk überlegene Technik vor. Was sich liest und anhört wie die wirren Irrungen Lieschen Müllers, meint Limbaugh bierernst und schiebt nach, „Apple ist offenkundig eine Firma, die von den politischen Ansichten ihres Vorstandes, der jetzt Al Gore einschließt, derart unter Zwang steht, dass sogar niedrigere Umsätze in Kauf genommen werden. Welch eine Schande!“

Wahrlich, Schande – blankes Entsetzen! Dem Vernehmen nach soll Imperator Bush höchstselbst einen Macintosh einsetzen. Das kann er aber nicht mehr tun, wenn es sich dabei um volkszersetzende Technik handelt. Spontan fällt einem Asterix ein: „Wir befinden uns im Jahre 2003 n. Chr. Die gesamten USA sind von den Republikanern besetzt… Die ganzen USA? Nein! Ein von unbeugsamen Vorständen beherrschtes Unternehmen hört nicht auf, George W. Bush Widerstand zu leisten.“

Eine Parodie von Usama Bin Ladin aus der Tonight Show tanzte gleich zu Beginn der WWDC für den iTunes Music Store, und die erste öffentliche internationale Video-Kommunikation über iChat 2.0 erfolgte nicht etwa politisch korrekt mit einem „neuen“ Europäer aus Polen oder Bulgarien, sondern mit einem Franzosen, dem seit NeXT-Tagen hinlänglich vertrauten Jean-Marie Hullot. Der witzelte gar darüber, jetzt erst später in die USA zu müssen. Die Kommunikation mit Al Gore war mehr politischer Affront, denn werbewirksames Geplänkel. Immerhin ist Gore nicht nur ehemaliger Vize-Präsident der USA, er wagte auch noch einen lästigen Wahlkampf gegen George W. Bush.

Rush Limbaugh hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Wessen Verstand von den „Neo-Cons“ (den Neu-Konservativen) noch unbeeinflusst ist, der wird sich an frühere Kooperationen von Steve Jobs erinnern – die waren weder „liberal“ noch „links“. Für 20 Millionen US-Dollar erwarb der stets militärisch kurz geschorene Haudegen Ross Perot vor 16 Jahren 16 Prozent der Firma NeXT von Steve Jobs und bereute das später mit den Worten „One of the biggest mistakes I ever made was to give those young people all that money“ (Einer meiner größten Fehler war es, diesen jungen Leuten all das Geld zu geben). Das mutmaßliche Vorbild von Charles Montgomery Burns aus den Simpsons hatte es Jahre zuvor versäumt, Microsoft zu kaufen und hoffte später vergeblich, dies mit NeXT nachholen zu können.

Ross Perot hat den Verkaufszahlen von NeXT nicht geholfen – eine größere Nähe zur jetzigen US-Regierung wäre kaum effektiver, nicht zuletzt ist deren Vorgehensweisen noch Gegenstand einer länger anhaltenden Bewährungsprobe. Trotz oder gerade wegen Al Gore ist Apple ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen. Der Gore-Faktor dürfte nicht minder wirtschaftliches Kalkül sein als der TV-Werbeverzicht von American Express während des angelsächsischen Irak-Angriffs. Cupertino wird sich über seine Zielgruppe und deren Erwartungshaltung genauestens im Klaren sein. Und diese Zielgruppe dürfte eine andere sein, als jene, die sich gerade wie eine Gruppe wild um sich schießender Cowboys aufführt.

David Andel