Kann denn Tauschen Sünde sein?

Allmählich wird deutlich, wie sehr Musik ein Wegwerfartikel geworden ist. Nur sammelwürdige Werke lohnen sich noch in Form eines Tonträgers. Und wenn dieser in einer adäquaten Hülle zu haben ist, umso besser. Die überwiegende Massenware aber ist wertlos, Klingklangtrallala-Dreck ohne Konzept und musikalische Innovation – Wiederholung des ewig selben, Fast-Food-Musik. Spätestens wenn Chartbreaker des vorigen Jahres re-remastered, re-gesampelt und re-released werden, um dann nächste Saison wiederum re-re-released zu werden, wird das unlustig. Nur der Rhythmus wechselt noch marginal, nur die Tonhöhe schwankt mal leicht zur Abwechslung.
Die Methoden zur Verbreitung solcher Machwerke sind klassisch niederträchtig. Ist ein Interpret irgendwie und meist rein zufällig erfolgreich, setzt sofort eine virenartige Vermehrung ein. Es tauchen sowohl neue Alben des erfolgreichen Interpreten auf wie auch Klone, die sich der gleichen oder ähnlichen musikalischen und optischen Basis bedienen. Obwohl im Ergebnis allenfalls Monokultur entsteht, ist die finanzielle Erwartungshaltung seitens der Produzenten unangemessen hoch. Wir denken uns mal nichts dabei, wenn Fräulein Spears und Herr Bobo mit Mittelmaß reich werden und deren Rechteverwerter sofort wehklagen, fließt statt der prognostizierten multiplen Million ein Zehntel weniger in die Kassen. Es irritiert allenfalls, wenn überaus gierige Tantiemen-Verwalter ihre maximalen Ansprüche alleine auf den Umsatz von Datenträgern beziehen, in der Presse über riesige Einnahmen jubeln und diese – abzüglich des Eigenanteils versteht sich – an die ohnehin schon zu den Großverdienern zählende Klientel ausschütten. Als Nebenwirkung wirkt sich jeder Sieg der Rechtelobby zudem als Schlag gegen die Hardwareindustrie aus. Werden Rohlinge und ihre Beschreiber weiterhin verteuert, lohnt sich deren Kauf nicht mehr – dadurch starben schon Formate wie DAT. Regine Stachelhaus von HP Deutschland malt zurecht schwarz, wenn sie meint, Musik-CDs könnten bald kostenlos verteilt und ganz über Geräteabgaben finanziert werden.

Kein Verbraucher will mehr hohe Summen für etwas bezahlen, dessen Halbwertzeit sich alljährlich derart verringert. Zwei CDs kosten nicht weniger als ein Live-Konzert des gleichen Interpreten und die Beteuerungen der Industrie in den frühen Achtzigern, die Preise fielen nach Amortisierung der Investitionen in das neue Medium, waren eine glatte Lüge. Endgültig vergeht die Lust am Konsum in Folge der schier unbegrenzt feindseligen Anschuldigungen einer auffällig konzeptionslosen Industrie, die sich von ihrem Dukatenesel betrogen glaubt und auch noch so bigott ist, ihre „Künster“ bei den eiligst überteuert aufgezogenen eigenen Diensten nicht entlohnen zu wollen. Nicht nur dem US-Abgeordneten Rick Boucher schwant Übles. Die ersten Versuche der Industrie namens PressPlay und MusicNet (BMG, EMI, Sony, Time Warner Music und Vivendi Universal) sehen verdächtig nach der Bildung eines Kartells, bestehend aus Herstellung und Direktvertrieb, aus. Auf diese Weise können hohe Preise und willenloser Kunde auch weiterhin gepflegt werden.

Dinosaurier sind wie Dampflokomotiven, hohe Hüte und Hochräder ausgestorben, Betamax wurde von VHS überrollt und mächtige Königshäuser wurden zu volkstümlichen Theaterveranstaltungen. Der Lauf der Zeit lässt Üblichkeiten zu Vergänglichkeiten werden, just wie den Handelsboom mit der bespielten Compact Disc. Was auf individuelle Klagen gegen jeden einzelnen Filesharer hinausläuft, womöglich dem Versuch der Sperrung aller relevanten Ports im Internet, wird als Lawine des Grauens für die Music Majors enden. Die Informationsgesellschaft von unten ist so gar nicht wirtschaftlich lenkbar. Die Musikindustrie hat sich seit dem Ende von Napster und Audiogalaxy als hervorragender Killer von Innovationen bewährt, wird auch das Internetradio vernichten wollen. Der Anwender moderner Technik erhält im Gegenzug absolut nichts – was zuvor vorhanden war, ist jetzt weg.

Seit der Revolution in Sachen P2P (Peer-To-Peer) richtet sich das industrielle Konzept von Geld für Müll gegen dessen bisherige Günstlinge. Einer Vervielfältigung des ewig selben folgt lediglich eine weitere Dimension der Vervielfältigung. Dabei wendet P2P eine Variante perfekter Globalisierung an, nämlich maximale Rationalisierung auf Kosten teurer Zwischenstufen – über alle Ländergrenzen hinweg. Der kapitalistische Druck, Musik gut finden zu müssen, nur weil sie käuflich erworben wurde, besteht nicht mehr. So stellt sich heraus, wie bedeutungslos Musik als Ware geworden ist. Fraglich, ob der moderne Mensch jemals wieder etwas dafür bezahlen wird, die Chancen für spürbare Preissenkungen oder ein schneller, einfacher und kostengünstiger Tauschdienst als einzig wirksame Gegenmaßnahmen sind jedenfalls vertan.

David Andel