Die Software-Falle

Es könnte ja gerade der eine Fehler behoben sein, der einen schon seit Wochen verrückt macht. Fenster bleiben nicht da wo sie sollen, Dateien werden nicht korrekt gehandhabt, Voreinstellungen werden vergessen, die Hardware wird nicht vollständig unterstützt oder Anwender und Rechner landen bei bestimmten Optionen in einer Endlosschleife. Und wie steht es mit den seit Monaten versprochenen, seit der letzten Version aber immer noch nicht umgesetzten Fähigkeiten? In diesen und ähnlichen Fällen führt der Weg fast automatisch zu Versiontracker, trotz zunehmender Kommerzialisierung noch immer ein Mekka an Informationen. Ab und zu begegnet der Datenwanderer dort zwar einem Orakel und außer „Miscellaneous Bug Fixes“ (verschiedene Fehler beseitigt) findet sich nichts in der Beschreibung, meist jedoch „werden Sie geholfen“.
Wirklich Süchtige hält nichts davon ab, jede Alpha, Beta oder ver(schlimm)besserte Version einer niemals fertigen Software zu laden. Und es gibt eine ganze Reihe von Anwendungen, die viel öfter aktualisiert werden, als dass ein genauer Grund dafür bekannt würde. In solchen Fällen ist sich die Szene dann keineswegs einig, wie oft etwas publik gemacht werden sollte und weshalb. Die aus Hardwarezwängen fast notorisch veränderte Scanner-Software VueScan führte denn auch zu über 1000 Kommentaren seitens der Anwenderschaft. Die einen freuen sich über die ständige Pflege, während andere nur genervt sind. Wer eine schnelle Leitung sein eigen nennt, wird laden, weil es geht. Bei Inhabern eher langsamer Zugänge entsteht hingegen Frust, wenn sich kaum etwas geändert hat oder gar neue Fehler eingeführt wurden. Performance-Freaks werden nach etlichen Downloads ihre Festplatte defragmentieren und ein so genanntes Prebinding durchführen (der Vorgang, der nach jedem Update von Mac OS X aufs Neue für die Illusion sorgt, alles wäre ein wenig schneller geworden). In jedem Fall kostet Software-Pflege ordentlich Zeit.

Während das Ausprobieren von Alpha- und Beta-Vorversionen von Freeware-Projekten willkommene Möglichkeit für einen breiten Anwenderkreis ist, auf die Qualität des Endproduktes einzuwirken, erscheinen Feldversuche kommerzieller Unternehmen vor allem dann verwerflich, wenn emsige Betatester nicht zumindest mit Preisnachlässen entlohnt werden. Schließlich dürfte es keine gründlichere Qualitätskontrolle geben, als die Mithilfe der weltweiten Anwenderschaft. Wird diese Möglichkeit des Internet in die Entwicklung eingeplant, erscheinen die nicht selten mit Tücken behafteten Schlachtschiffe großer Software-Häuser unverständlich. Immer wieder kommt nach viel zu langer und viel zu kommentarloser Wartezeit dann ein viel zu unfertiges, öfters auch unangemessen teures Produkt auf den Markt, das sofort verärgert, um wenige Tage oder Wochen in einem zweiten Versuch erneut lanciert zu werden. In solchen Fällen kann bei Versiontracker dann eine virtuelle Lynchjustiz beobachtet werden, wie zuletzt bei FaxSTF X der Fall. Fatal sind Verurteilungen natürlich dann, wenn jemand das Produkt einfach nicht versteht oder Freeware mit 1000-Euro-Software verglichen wird.

Versiontracker ist auch Einstiegsdroge für die von der Industrie mit Argwohn beobachtete Warez-Untergrundszene, die den „Wohlstand teilt“ (STW steht dabei für „Share The Wealth“ ebenso wie „SofTWare“) und das unentgeltliche Sammeln und Verwenden entgeltpflichtiger Software als Leidenschaft entdeckt hat. Laut einer jüngst veröffentlichten Meldung zahlen 57 Prozent aller Internet-Nutzer selten oder nie für herunter geladene urheberrechtlich geschützte Software. Wenig verwunderlich, denn wer der Neuigkeiten nicht genug kriegen kann und immer mehr will, wird irgendwann mit seinem begrenzten Budget konfrontiert. Über Carracho, Gnutella, Hotline, KDX & Co. finden sich Mittel und Wege, des ersehnten Produktes irgendwie habhaft zu werden. In außergewöhnlich stark frequentierten Diskussionsforen zum Thema Warez und Serialisierung wird dann fortgesetzt, was in Versiontracker seinen Anfang nahm. Von „Serial Junkies“ ist dort unter gleichzeitiger Nutzung des einschlägigen Kiffer-Jargons die Rede.

Ist Software-Sammeln also eine Sucht, die in die Software-Falle führt? Jein, denn lebensgefährlich ist der legale wie illegale Software-Konsum nicht. Allerdings wird sich mit der Zeit der Abstand der virtuellen zur realen Welt vergrößern, denn Hobbys wie Süchte haben es an sich, intensiv gepflegt werden zu wollen. Wer an sich erste Symptome einer Suchterkrankung feststellt (etwa Gereiztheit bei tagelangem Versiontracker-Entzug), sollte die Kiste schleunigst abschalten, das PowerBook wegschließen und einen Langzeiturlaub antreten – ohne die alte Sucht durch eine neue Sucht abzulösen, versteht sich.

David Andel