Schwer erziehbares Programm

Das Kind nervt, die Eltern sind überfordert. Die Rede ist vom Finder und von Cupertino. Gegen antiautoritäre Erziehung im Besonderen ist nichts einzuwenden, gegen schwer erziehbare Programme im Allgemeinen aber schon. Der Finder hat diesbezüglich unter Mac OS X die Führung als „schlimmste Brut“ errungen, er scheint seinen Erzeugern vollends entglitten zu sein.
Spätestens die kostenpflichtigen Upgrades sollten für die Behebung der nervtötentsten aller Fehler zuständig sein, nur sahen die Betreuer des zentralen Dateisuchers dies wohl anders und erweiterten abermals den Leistungsumfang. Mängel wurden mit Features erschlagen, eine Seuche, ja Fluch der IT-Generation. Schön, dann nennt er sich jetzt „User-centric“, der Finder – nur was geschieht mit den „exzentrischen“ Fehlern, dem „Geist in der Maschine“? Offenkundig nichts. Und bis sich wieder etwas wesentliches tut, können Jahre vergehen – so die Erfahrung.

Abermals hat der Finder es in Panther nicht geschafft, die sprachlichen Vorgaben auch im Suffix-Anzeigemodus einzuhalten und bleibt Englisch, während der Rest des Systems unverändert in Deutsch navigiert. So heißt ein und derselbe Ordner mal Applications, mal Programme, mal ist von einem Bildschirmfoto die Rede, mal von einem Grab … Wieder verhält sich der Finder nicht kooperativ in Sachen Merkfähigkeit bei Größe und Position der Fenster oder auch nur der Spaltenbreite. Es wäre schön, ließe sich irgendwo und ein für allemal ein Gardemaß zumindest für das Hauptfenster festlegen. Stattdessen öffnen sich neue Fenster an den unmöglichsten Orten und in den unmöglichsten Größen, teilweise auch außerhalb des Bildschirms. Hinter unserem Rücken, vielleicht gar um Mitternacht, geraten Objekte trotz eindeutig anderslautender Einstellungen in die Seitenleiste oder verschwinden daraus. Und warum? Die Antwort weiß nur der Wind, mein Kind.

Klar erfreut es uns, lassen sich nun Kurzbefehle neu definieren. Wenn TinkerTool es aber besser als das System kann und insbesondere der Finder alles bevorzugt vergisst, wird die unaufhörlich erneute Eingabe umständlicher als der gewonnene Komfort. Eine Menge zusätzlicher Features gepaart mit Vergesslichkeit ergibt ein breites Spektrum an Gedächtnisschwund. Und nein, alle bekannten Tipps und Tricks versagen. Irgendwann, vielleicht nach einem Neustart oder dem Aus- und Einloggen, sind die Fenster wieder größer, kleiner, mehr- oder großspaltiger.

Auch bleibt es das Geheimnis von Apple, wieso es in Mac OS X nicht vorgesehen ist, den Programmordner zu unterteilen. Eine große Zahl von Computerbesitzern sammelt Programme aus Leidenschaft. Diese Menge an Softwarehelfern aller Art in gerade einmal zwei Ordner schmeißen zu müssen, ist Unfug und macht weitere Software erforderlich, dies irgendwie in den Griff zu kriegen. Wer es aber wagt, Ordnung mit Ordnern schaffen zu wollen, wird mit nicht mehr funktionierenden Updates bestraft. Schlimmer noch, denn wer besagte Unterordner in der neuen „User-centric“ Symbolleiste ablegt, wird mit einer Verdopplung aller Anwendungen bei der Auswahl des einem bestimmten Dateityp zugewiesenen Programms überrascht.

Willkommen gewesen wäre vielen von uns ein Modus zur Anzeige der nicht sichtbaren Dateien, zumindest für den Administratoren des Systems. Denn klugerweise geht jetzt keine direkte Pfadeingabe mehr beim Öffnen einer Datei, wodurch der Sucher (Englisch: „Finder“) zum regelrechten Suchspiel gerät. Mit derartigen Patzern verscherzt sich Apple allzu leichtfertig Bonuspunkte bei Unix-Switchern. Die wollen ein durch und durch kontrollierbares System und keinen Schnickschnack fürs Puppenhäuschen, den Setzkasten oder Laufsteg. Esoterische Erklärungsversuche zum wenig reizvollen Finder 10.3, wie jene in Mac Observer, erhellen diesen düsteren Zustand kaum. Sie unterstreichen allenfalls die verkorkste Situation um die komplett aus den Fugen geratene Software. Denn ein durchdachtes, ergonomisches Programm bedarf keiner umständlichen Deutungsmuster oder Erklärungsversuche.

Ebenso wie bei Mail besteht beim Finder die große Gefahr einer Verzettlung bis zur Unbrauchbarkeit. Mit immer neuen Features ist keinem geholfen, solange die bisherigen Ausstattungsmerkmale nicht vollständig funktionstüchtig sind. Ein nicht klingelndes Telefon benötigt keinen zweiten Hörer, ein mit Rechtsdrall fahrendes Auto keine höhere Motorleistung. Und ein nicht ausgereifter Finder bedarf keiner weiteren Symbolleiste, wenn er das, was er hatte, schon zuvor nicht beherrschen konnte.

David Andel