Schön war die Zeit

Es war einmal vor langer langer Zeit, da blieb der hochwertige Genuss konservierter Musik echten Männern vorbehalten, während Frauen sich gefälligst mit dem Kofferradio zu begnügen hatten. Man nannte das damals „High Fidelity“ (sinngemäß übersetzt: Hohe Klangtreue), kürzte es später mit HiFi ab und schuf sogar eine Industrienorm speziell für diesen Anlass. Nur was DIN 45500 (DIN: Deutsches Institut für Normung) entsprach, das war auch HiFi.
Und es waren keine kleinen weißen Wunderschächtelchen mit Ohrhörern, die man zum digitalen Musikgenuss heranzog, nein, es waren echte Apparate, für echte Männer eben. Schweres Gerät aus Eisen und Blech, das im Einzelfall auch mal 20 oder 30 Kilo wog. Vorne dran gab es Unmengen kleiner Regler und Schalter, ergänzt von allerlei Lämpchen und Anzeigeinstrumenten. Exoten, wie die 1978 von Technics hergestellte Verstärkerkombination SE-A1/SU-A2 für bescheidene 19000 Euro sind heute unvorstellbar (ein Kleinwagen aus Wolfsburg mit 75 PS war zu der Zeit für weniger als 5000 Euro zu haben). Laut dem Sammler Dieter Schaub verließen lediglich zehn Stück dieser „HiFi-Extremisten“ das Werk Osaka, sieben davon waren auch im Einsatz. Technics war einer jener Markennamen, die eine ganze Generation Männerherzen höher schlagen ließ. Wuchtige Boxen mit riesigen Hornlautsprechern waren eines der vielen Erkennungsmerkmale von Technics. In den frühen Achtzigern dann kam die Wabenscheiben-Flachmembran und führte HiFi-Fans erstmals vor Augen, dass vorzüglich klingende Lautsprecher nicht zwangsläufig herkömmlichen Bauarten entsprechen müssen. Technics war auch weltberühmt für seine Plattenspieler mit Direktantrieb und stand damit in steter Konkurrenz zum Schweizer Hersteller Thorens, der ausschließlich Riemenantriebe in seine Geräte einbaute – die beiden Fanlager waren bis aufs Blut zerstritten.

Wer etwas auf sich hielt, der verwendete einen Plattenspieler mit MC-Abtaster, einen dazu passenden Vorvorverstärker, einen Vorverstärker, einen Endverstärker sowie ein Radio namens Tuner, eine Bandmaschine (Technics und Revox bauten die besten) oder ab Ende der Siebziger ein Tape Deck und allerlei sonstige exotische Ausrüstung, etwa ein externes Gerät zur Rauschunterdrückung von Bandaufnahmen, wie das zu Unrecht von dbx und Dolby C verdrängte HighCom des 1985 mehr oder weniger verblichenen deutschen Herstellers Telefunken. Aber das alles ist Schnee von gestern. Keine Racks mit undurchschaubaren Kabelsträngen, keine herausfliegenden Sicherungen beim Einschalten der Endstufe und keine Direktschnitt-Schallplatten von Charlie Antolini mehr.

Wer heute www.technics.com in die Adresszeile seines Browsers eintippt, der scheitert kläglich, wohingegen er mit www.technics.de bei Panasonic Deutschland landet, zur Technics-Hochphase war Panasonic der Markenname für meist banale Unterhaltungselektronik-Massenware des japanischen Mutterkonzerns Matsushita. Was nun von Technics übrig geblieben ist, steht für das Ende einer ganzen Industrie, die nur den einen Zweck verfolgte, Musik möglichst umständlich wiederzugeben.

Im Jahr 2007 gibt es sie zwar noch, die extrem teuren Einzelkomponenten für Klangbesessene. Doch geht dies meist einher mit esoterischen Wahnvorstellungen vom „Lufttuning“ und der „Stromreinigung“ und hat mit Spaß an der Technik kaum noch etwas zu tun. High Fidelity ist tot – es lebe der Macintosh. Dieses eine Gerät ist in der Lage zahllose andere zu ersetzen und tut dies um so vieles komfortabler. Auch Frauen kommen nun zu ihrem Recht und können ohne ewiges Suchen nach dem richtigen Schalter ganz einfach Musik genießen. Alte HiFi-Hasen hingegen denken mit Wehmut an das zurück, was einmal war …

David Andel