Musicus Pomo

Seit langem ist der Macintosh mit seinen Fähigkeiten im Bereich der Hardware und dem Angebot spezialisierter Software nicht nur für DTP-Anwender, sondern auch für Musiker eine bevorzugte Plattform. Wir sprachen mit dem Filmmusik-Komponisten Jochen Schmidt-Hambrock über seine Arbeit und die Rolle, die PowerBook und PowerMac dabei spielen.
David Andel: Was bewog Sie zu der Entscheidung für den Macintosh?

Jochen Schmidt-Hambrock: Ich habe Anfang der Neunziger Jahre die übliche Musiker-Route vom Atari zum Mac genommen weil es damals in der PC-Welt nichts annähernd gleichwertiges an Musiksoftware gab. Seitdem hat sich das zwar geändert, jedoch waren die Vorteile der PCs nicht attraktiv genug für einen Systemwechsel. Tonstudios sind für Computer eine nicht gerade triviale Arbeitsumgebung mit vielen Fehlerquellen. Mein sauer erworbenes Expertenwissen zu Gunsten von ein paar Prozent Performancegewinn über Bord zu schmeissen wäre nicht so schlau gewesen. Glücklicherweise hat sich das mit dem G5 ja auch erledigt.

Vor einigen Jahren war ich jedoch schwer beeindruckt vom „Gigasampler“ (Anm. d. Red.: www.nemesysmusic.com) und hätte mir deswegen fast einen PC ins Studio gestellt. Dann aber fiel mir bei einem Zahnarztbesuch eine „PC Tips und Tricks“ in die Hand – in Ärzte-Wartezimmern liest man ja die seltsamsten Zeitschriften. Das hat mich gründlich abgeschreckt.

David Andel: Welche Macs setzen Sie ein?

Jochen Schmidt-Hambrock: An Computern sind in meinem Studio zur Zeit in Betrieb: Ein DP1000 mit ProTools, ein G4 733MHz für OS9 Software, ein TiBook für zusätzliche Softsynths und ein Pismo PowerBook für mobiles Recording. Sobald der 2-Giga-G5 hier ist, wird er den DP1000 ablösen.

David Andel: Hätten Sie einen besonderen Wunsch an Apple oder liefert Ihnen Cupertino genau die Hardware und Software, die Sie brauchen?

Jochen Schmidt-Hambrock: Apple liegt mit Altivec, Firewire, etc. schon sehr richtig. Kleinere Kritikpunkte sind der digitale Output des G5, von dem sich die Musikszene eine ADAT-Schnittstelle mit acht Kanälen erhofft hatte. Ein hochwertiges Stereo-Snap-On-Mikrophon für einen aufnahmefähigen iPod wäre auch Klasse.

Beim „Digital Lifestyle“ bahnt sich meiner Meinung nach etwas wirklich revolutionäres an. Wenn es den WLAN-fähigen iPod („Apples worst kept secret“) einmal geben sollte, so spricht nichts dagegen, auch UMTS zu integrieren. Damit hätten wir dann einen mobilen Internet-Zugang, welcher über den iTunes Musikstore z. B. ein riesiges Musikrepertoire als Stream anbieten könnte. Spezielle News-Channels würden maßgeschneiderte Inhalte bieten. Endlich könnte ich vorspulen, wenn die Lottozahlen, die Golfergebnisse oder ein langweiliger Song kommen. Bezahlt mit einer Art Mitgliedsbeitrag/Rundfunkgebühr, da die Werbefinanzierung obsolet würde. Wer sich daran gewöhnt hat, wird dann wohl nicht mehr Radio hören.

Das wäre die von allen so gesuchte UMTS-Killerapplikation, und Apple ist da hervorragend positioniert.

David Andel: Verwenden Sie schon Mac OS X?

Jochen Schmidt-Hambrock: Seit Jahresanfang starte ich immer mal wieder eine OS X-Versuchswoche und scheitere an liebgewonnenen Plugins, die es noch nicht für OS X gibt. Der G5 ist jetzt mein erster nicht-OS9 bootfähiger Mac. Dadurch will ich mich ein wenig unter Druck setzen. Außerdem behalte ich ja den 733er.

David Andel: Welche Anwendungen setzen Sie ein? Haben Sie einen besonderen Favoriten?

Jochen Schmidt-Hambrock: Seit den Atari-Tagen benutze ich EMAGIC Software (Logic, Waveburner, Sounddiver, etc.). Ich bin vielleicht nicht ganz objektiv, da ich seit 13 Jahren in ihrem Betatester-Team bin. Anregungen aus diesem Team sind manchmal binnen Stunden in der Software eingebaut, was großen Spaß macht. Weitere Favoriten sind ProTools, Live und Native Instruments.

David Andel: Kann der Computer auch schon als Ideengeber fungieren oder bleibt er bloßes Instrument?

Jochen Schmidt-Hambrock: Es ist nicht ganz ungefährlich, den Computer als Ideengeber zu benutzen. Wenn ich mir einen Film zum erstenmal anschaue, bin ich meist auf der Suche nach einer Melodie, einem Thema. Jeder Input, der dabei nicht aus dem Material selbst kommt, ist unerwünscht. So eine Melodie erfindet man am Besten im Kopf, weil es sich dort besser radiert als auf Papier oder im Sequenzer. Man sollte nicht mit dem Produzieren anfangen, ohne eine Idee zu haben. Hinterher, beim Ausarbeiten kann man im Computer immer noch verschiedenes ausprobieren und sich inspirieren lassen.

Es gibt aber auch Filmmusiken, die eher auf Sounddesign als auf Melodien basieren. So etwas improvisiert man dann meist gleich am Mac.

David Andel: Wie muss sich der Laie die Einbindung des Macintosh in den Arbeitsablauf eines Musikers vorstellen?

Jochen Schmidt-Hambrock: Ich erhalte einen Film, den ich erstmal als Quicktime Movie digitalisiere und im Logic anlege. Dadurch fallen zeitraubende Umspulzeiten und Synchronisations-Probleme weg. Anschließend komponiere ich die Musik für Schlüsselszenen und stelle in Logic die Demos für Regisseur und Produzent her. Durch die Möglichkeiten des „Totall Recall“ (alle Einstellungen sind abspeicherbar) kann ich zwischen Szenen springen, falls ich mich mal festgefahren habe. Früher musste ich dafür noch Polaroid-Photos des Mischpults machen. Ist das Demo akzeptiert, emaile ich die Songfiles nach München zum „Music Preparation Service“ von Ralf Eging. Er stellt – ebenfalls mit einem Mac und Logic – für die einzelnen Musiker die Noten her. Anschließend reise ich meist nach Berlin zum „Filmorchester Babelsberg“ oder nach Budapest, um die Musik mit Studiomusikern einzuspielen.

Diese Sessions habe ich um ein Pismo-PowerBook an meinem Dirigentenpult organisiert. Bei den aktuellen PowerBooks springt leider zu oft der Lüfter an, was dann die Aufnahme ruiniert. Das Pismo ist locker in der Lage, das Video plus vorproduzierte „Guide Tracks“ zu spielen, sowie über Midi die Bandmaschienen und einen Clickgenerator zu steuern. Außerdem blendet es die aktuelle Taktposition für die Musiker und den Toningeneur ins Video ein. Ich kann beim Dirigieren die Aufnahme starten und stoppen was eine enorme Zeiteinsparung bedeutet und die Session schön in Fluss hält.

David Andel: Spielen Noten auf Papier überhaupt noch eine Rolle?

Jochen Schmidt-Hambrock: Noten sind ein Kommunikationsmedium zwischen Komponist und Musiker. Wenn der Komponist aber die Produktion komplett selbst herstellt, wie z. B. bei Techno und oft auch in der Filmmusik, sind Noten beinahe unnötig.

Davon abgesehen allerdings basiert das gesamte abendländische Musiksystem auf Prinzipien, die sich mittels Notenschrift am besten darstellen lassen. So wie das Alphabet das Lernen von Wissen erleichtert, so erleichtert die Notenschrift das Begreifen von Harmonielehre, Kontrapunkt, Arrangement etc. Für das passive Genießen von Texten oder Musiken braucht man aber theoretisch weder Alphabet noch Notenschrift.

David Andel: Sie waren Bassist in Klaus Doldingers Gruppe Passport, spielten mit internationalen Musikern wie Charlie Mariano, Brian Auger, James „Blood“ Ulmer oder Billy Cobham. Gibt es noch große Namen, mit denen Sie gerne einmal das Studio oder die Bühne teilen würden?

Jochen Schmidt-Hambrock: Ich würde gerne wieder mehr auftreten, nur lässt mir das Komponieren recht wenig Gelegenheit zum Üben. Auf Tour zu sein kostet ebenfalls sehr viel Zeit. Letzlich hat es mir nicht mehr gefallen, den ganzen Tag unterwegs zu sein, um dann abends zweieinhalb Stunden Musik zu machen.

David Andel: In der „International Movie Database“ (www.imdb.com) werden Sie mit über vierzig Soundtracks geführt. Was ist der besondere Reiz beim Komponieren innerhalb dieses Genres? Gibt es hier für einen Musiker womöglich auch besondere Risiken?

Jochen Schmidt-Hambrock: Das Schreiben von Filmmusik bietet den enormen Luxus, dass man alle paar Wochen etwas neues ausprobieren darf. Als „Performing Artist“ dagegen muss man seine CD produzieren (an der man oft monatelang arbeitet), um sie dann womöglich noch jahrelang auf der Bühne zu reproduzieren. Das hat mich in meiner Musikerzeit leider oft gelangweilt.

Auch bietet Filmmusik – obwohl es eine funktionale Musik ist – stilistisch die allergrößten Freiheiten: Weltmusik plus Elektronik mit Orchester, Polka mit Freejazz, Zwölftonavantgarde mit Tango, all dies ist in der Filmmusik kein Problem. Falls es der Film hergibt natürlich.

Das Risiko besteht darin, dass man den Film als Einschränkung empfindet, nicht als Inspiration. So etwas ist für Nicht-Filmkomponisten sehr schwer. Ich sehe das deshalb als Spezialbegabung. Alle erfolgreichen Kollegen sind sofort in der Lage, zu Bildern die passende Musik zu assoziieren.

David Andel: Haben Sie sich im Bereich Filmmusik an bestimmten Vorbildern orientiert? Gibt es in der Zeit von Fernsehspielen und Serien sowie – last but not least – dem Synthesizer überhaupt noch einen Platz für Komponisten wie Bernard Herrmann oder Maurice Jarre?

Jochen Schmidt-Hambrock: Man darf das nicht alles in einen Topf werfen. Manche TV-Musiken wie „Six Feet Under“, „West Wing“ oder „24“ haben durchaus Kinoformat. Der Synthesizer wiederum ist eher für Studiomusiker eine Bedrohung als für die Komponisten. Diese benutzen ihn als willkommene neue Klangfarbe. „Der letzte Zeuge“ z. B. von Jarre ist eine fast reine Synth-Produktion.

David Andel: In Ihren über zehn „Jingle-Jahren“ von 1984 bis Mitte der Neunziger haben Sie quasi den Einzug der Computergrafik ins Fernsehen musikalisch begleitet. War dies eher eine besondere Herausforderung oder eine besondere Last?

Jochen Schmidt-Hambrock: Weder noch. Es ging wie auch sonst immer bei der Musik darum, eine passende Klangästhetik zu finden. Allerdings erinnere ich mich an eine gewisse Spannung, weil uns allen klar war, dass hier etwas völlig Neues beginnt.

David Andel: Was planen Sie als nächstes, wie sehen Ihre neuen Projekte aus?

Jochen Schmidt-Hambrock: Im Moment beende ich meine neue CD und ein Projekt mit Klaus Hirschburger. Außerdem sind ein bis zwei Fernsehfilme in der Vorbereitung.

Das Gespräch mit Jochen Schmidt-Hambrock führte David Andel

Zur Person Jochen Schmidt-Hambrock

Jochen Schmidt-Hambrock ist Jahrgang 1955. Nach seinem Studium von Komposition und Kontrabass an der Musikhochschule Köln befasste er sich schon früh mit der Musik für Film und Fernsehen. So begann er ab Anfang der Achtziger Jahre Musik für Dokumentarfilme, Fernsehkennungen, Spielfilme und Werbespots zu komponieren.

Der Komponist, der seine Werke selbst orchstriert und dirigiert, war von 1989 bis 1994 Bassist in Klaus Doldingers Band Passport und spielte an der Seite zahlreicher namhafter Musiker und Formationen, von der WDR Big Band bis zu Wolfgang Niedeken. Mitte bis Ende der Neunziger trat er als Solist mit dem SWF-Sinfonieorchester (unter Michael Giehlen) auf den Salzburger Festspielen, der Berlinale, dem Edinburgh Festival sowie in Paris, Köln und New York (Carnegie Hall) auf.