Die schleichende Ermordung der Kreativen

Ein Satz kann ein recht komplexes Gebilde sein. Damit ist nicht verbal Erbrochenes vom Schlage „Hier werden Sie geholfen“ oder „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“ gemeint, sondern eher hintergründige und nachhaltige Aussagen in Wortform. Schöne Sätze, gute Artikel überhaupt sind oft Ergebnis einer Verkettung von Zufällen, entstanden aus einer kreativen Atmosphäre heraus. Man findet sie nicht selten in Kolumnen à la „Marc Maus“, sogar in technischen Beiträgen kommen sie zuweilen vor, insbesondere dann, wenn der Autor schon tausendmal über dieselben Themen geschrieben hat und sich allmählich der Schalk im Nacken hervortut. Aber in Ruhe Artikel zu schreiben, ist nicht immer ganz einfach. Während der Entstehung dieser Zeilen passiert es öfters, dass sich in nachbarschaftlicher Nähe eine wildgewordene Horde von Männern in Overalls mit Kettensägen und Laubsaugern derart austobt, dass jeglicher gedanklicher Faden verloren geht. Auch reichen ein paar zaghafte Sonnenstrahlen schon, damit eine bemerkenswert gut ausgestattete Rasenmäher-Armee zum Kampf bläst. Erst der Rasen, dann die Hecken, dann die Reparatur des Zaunes, dann die Reinigung der Fugen zwischen den Steinplatten. Die Frage kommt auf, in welcher Weise dies noch andere Menschen allmählich zermürben mag, die Entwickler von Software, die Reinzeichner von Druckvorlagen, die Grafiker oder auch die Studenten kurz vor einer wesentlichen Klausur.
Fakt ist, die Welt ist laut geworden. Da sind einerseits jene Individualisten, die in der Ausübung von Lärm ihre Lebensgrundlage entdeckt haben (TV-Serien wie „Hör mal, wer da hämmert“ haben das jahrelang vorexerziert), was vom stundenlangen Auf- und Abfahren mit einem Pocket Bike an den Wochenenden über das Fernsehvergnügen im Freien und dem Zersägen von Bastelgut auf der Veranda bis hin zur Trommeltanz aufführenden 1800-Touren-Waschmaschine oder dem über unzählige Stunden besessenen Gamer reicht, von dem in bemerkenswerter Ausdauer die ganze Nacht über akustische Terrorakte zu hören sind. Und andererseits gibt es da die leidgeprüften Wesen, die sich in einer solchen Umgebung mit einem größeren Objective-C-Projekt herumschlagen und den an sich schon ganz brauchbaren Code noch eleganter machen und optimieren wollen. Die werden dann später von uns Endanwendern auch noch kritisiert, weil Version 1.1 doch wiederum neue Fehler enthält.

Leider aber ist es oft nur dort besonders still, wo es auch keine Infrastruktur gibt, am so genannten A(ntlitz) der Welt. Wer also völlig ausgebrannt in einen Leuchtturm irgendwo auf der Welt zieht, der kann seinen Mac bestenfalls noch mit der Buschtrommelvariante des Internet verbinden, einem satellitengestützten Zugang ins Netz der Netze, bei dem verzögerungsbedingt weder die IP-Telefonie oder Videokonferenzen mit iChat AV noch einige andere Dienste mehr Spaß machen oder überhaupt sinnvoll möglich sind. Und sollte die ländliche Idylle erst von anderen Ruhebedürftigen entdeckt worden sein, so folgen mit ihnen nach und nach wiederum die Segen der Zivilisation, die allradgetriebenen Fahrzeuge, die lauten TV-Sportübertragungen im Sommer, die Heimwerker und die Sportschützen.

Es gibt immer mehr Selbstständige, die immer öfter von zuhause aus arbeiten müssen oder wollen. Gleichzeitig gibt es eine wirklich vielfältige Infrastruktur für den Heimarbeiter nur noch in den Städten. Schon in den Vororten verschwinden die Postagenturen gleich reihenweise, so dass es manchmal eines Autos bedarf, nur um ein Paket aufzugeben. Wer jedoch in einer Stadt wohnt, der muss mit Nachbarn rechnen – und mit deren Hunden, Mopeds, Raucherhusten sowie anderen Zeitvertreiben. Da ist es immerhin schön, dass wenigstens ein Macintosh einigermaßen ruhig ist. Und fast so, als wollte es dem Verfasser recht geben, schnurren kurz die beiden Lüfter seines MacBook Pro auf …

David Andel