Same Procedure As Every Quarter

Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land die jährlich stattfindende Mac World Expo im Januar, Mekka aller Macintosh-Gläubigen. Wesentliche Neuheiten wurden bis dahin zurück gestellt, Kaufinteressenten und Presse konnten ein Jahr spekulieren, Gerüchte kulminierten insbesondere die Monate vor dem Apple-Großereignis, das dann wie ein reinigendes Gewitter alles klärte. War die Expo vorbei, konnte sich der Macianer einerseits wieder auf sein übliches Leben besinnen und andererseits an dieser oder jener Neuerwerbung erfreuen. Das hat sich geändert. Heute gibt es zumindest vier Ereignisse jährlich, von denen die Hälfte sogar in Paris und Tokio ausgetragen wird. An sich sollte sich jeder darüber freuen, denn jetzt ist alle drei Monate Weihnachten, viermal kann mit Spannung spekuliert und viermal kann etwas gekauft werden, sofern es sich viermal lohnt und viermal Geld in der Kasse ist. Auf den zweiten Blick aber bietet sich ein weniger rosiges Bild. Da sich der Zeitraum bis zur nächsten Expo deutlich verkürzt hat, ist die Gerüchteküche kontinuierlich aktiv, wird laufend spekuliert, geklatscht, getratscht und behauptet. Inflationär ist die Zahl der WWW-Seiten, die sich der Verbreitung von Informationen „gut unterrichteter Quellen“ und damit von Prognosen mit der Treffsicherheit des Offenbacher Wetteramtes widmen. Das Munkeln wird zum Dauerstress.
Dabei sind die Neuheiten zunehmend evolutionär statt revolutionär. Nuancen bestimmen die Ankündigungen, allein die Vielfalt der Apple-Laptops mit einem Prozessor zwischen 400 und 500 Megahertz macht erfinderisch in puncto Form, Farbe und Material. Die Reihenfolge der Updates von Mac OS X hat absurde Ausmaße angenommen, Darwin sei Dank. Auf der Suche nach dem letzten Speed-Thrill des neuen Systems ist die Macintosh-„Yellow Press“ gerade einmal belustigend und kaum hilfreich. Hier findet ein ermüdender Schlagabtausch zwischen den meist jugendlichen Betreibern auf der einen sowie den Apple-Anwälten auf der anderen Seite statt. Erstere bieten eher banale Screenshots mit einer Handvoll kaum berauschender Neuerungen oder veröffentlichen Vorabversionen eher fader Aktualisierungen. Letztere schreiben höfliche Briefe, dies doch bitte einzustellen. Bei Apple Onlooker waren es sogar die eigenen Leser, die das Schandmaul stopften. Vor einigen Wochen lief die perfekte Realsatire ab. Mac OS X 10.0.5 sollte kommenden Freitag erscheinen, hieß es. Der Freitag verstrich. Man vertagte sich auf das darauffolgende Wochenende. Das Wochenende verstrich. Man vertagte sich auf Montag, auf Freitag, auf Montag usw. Der Leserschaft platzte der Kragen, nach tagelangen wüsten Beschimpfungen gaben die Gerüchte-Ministranten entnervt auf. Als kurz danach lediglich Version 10.0.4 erschien, herrschte Katerstimmung unter den Opfern der Gerüchte-Süchte, denn es war nur wieder eines jener eher großen Updates mit eher kleiner Wirkung für die breite Masse.

Wer ist Juan Gutierrez? Mit passenden Suchbegriffen deutet Google Groups auf einen Apple-Angestellten mit einer Leidenschaft, nicht zugelassene Motorräder der Marke Aprilia zu fahren. Allerdings ist der mexikanische Name Juan Gutierrez in den USA so häufig wie Klaus Müller hierzulande, weshalb die Sache Gutierrez fast wie ein PR-Gag wirkt. Als „Worker Bee“ (Arbeitsbiene) waren ihm vergangenes Jahr Vorabveröffentlichungen von Bildern der neuen Pro-Maus und des Cube bei AppleInsider zu verdanken. Apple war darüber verärgert, erstattete Anzeige gegen Unbekannt und wertete akribisch Logfiles aus bis der Schuldige gefunden war. Ob das Marketing des Cube durch Gutierrez Schaden erlitt, ist aber nicht minder fraglich wie sein Einfluss auf die später nur zähflüssig lieferbare Pro-Maus. Auch Grafikkartenhersteller ATI weiß ein Lied von Apples Plapper-Allergie zu singen. Verbannt hatte man den ATI-Stand in die hinterste Ecke, eine unbedachte Äußerung war Schuld – Apple favorisiert nun ATI-Konkurrenten NVIDIA. Verwunderlich ebenso die indirekte Drohung Apples gegenüber der US-Presse, man werde nur noch dort Anzeigen schalten, wo nicht mehr spekuliert würde. Die so entstehende Mischung aus PR-Texten und Stiftung Warentest auf der verzweifelten Suche nach Lesern dürfte die zusätzlichen Werbeeinnahmen kaum wett machen. Sind wir ehrlich, echte Neuheiten sind sowieso rar geworden. Logisch also einerseits die Schweigsamkeit aus Cupertino, man will das wenige schon selbst ankündigen. Je nuancierter die Innovation, desto größer das Marketing. Wenn es wieder soweit ist, die Erwartungshaltung ihren Höhepunkt erreicht hat, erscheint Erlöser Steve Jobs mit einem zweiten Prozessor, einem neuen Material, einer neuen Farbe oder 100 neuen Megahertz und alle gehen geläutert nach Hause. Gut geklappt hat das mit Sexy-Titan und iBook-Schneeweißchen, eher fehlgeschlagen ist es mit Blue Dalmation, Flower Power und zu teurem Cube.

Ein Macintosh-Magazin hat nur den einen Computer-Hersteller, über den es berichten kann, Mutmaßungen sind hierbei eine Zwangsläufigkeit und Reflexion der Erwartungshaltung bisheriger Anwender, das kann sogar teure Marktforschung ersetzen. Apple dabei durch reißerische Ankündigungen Eier legender Wollmilchsäue für geringes Geld in Zugzwang zu bringen, nützt natürlich niemandem. Jedes Mitglied des Managements und jedes kooperierende Unternehmen mit einem Maulkorbzwang bis in die hinterste Vertretung zu versehen ergibt ebenso wenig Sinn.

David Andel