Prozessor Unrath

Ach, ungerechte Welt! Apple kündigt nichts im Voraus an, IBM kündigt zwar an, enttäuscht aber und Motorola kündigt an, hält jedoch (außer Gewinnwarnungen) nie etwas ein. Währenddessen werden AMD- und Intel-Prozessoren immer höher getaktet, Intel spricht von 15 GHz im Jahr 2010. Die Lage für Apple scheint ausweglos, keine Lösung will so recht zur gebotenen Eile passen. Wieder rufen die Unken, wieder erscheinen die vorzeitigen Totengräber, die falschen Propheten, die übliche Analystenmeute, seien sie nun alle ungebeten, ungefragt, ungeladen oder alles zusammen. Der hoffentlich noch anzutreffende Zeitgenosse mit klugem Kopf wird dem gegenüber rätseln, was um alles in der Welt fehlt einem Macintosh wirklich?
Tatsächlich ist das wenig bis nichts, und nur ein kranker Menschenverstand wird immer Hunger auf das Sinnlose haben. In der realen Welt gibt es kein Optimum – obwohl Utopisten danach streben, keinen Garten Eden – obwohl Schrebergärtner sich darin glauben, kein Himmelreich – obwohl Fromme dafür beten, keine absolute Perfektion – obwohl Japaner das behaupten, kein Perpetuum Mobile – obwohl der Käfer läuft und läuft und läuft, keine eierlegende Wollmilchsau – obwohl die Gentechniker davon träumen, kein zu Wein werdendes Wasser – obwohl die Chemiker daran arbeiten und auch keine Gold produzierenden Alchimisten – obwohl das Phantastische im Kino unserer Tage blüht (ja, in der Politik auch). Und es gibt selbstredend nicht den einen Computer, der am schnellsten rechnet, am wenigsten kostet, am leichtesten zu bedienen ist, am schönsten aussieht, kaum Strom verbraucht und nie repariert werden muss.

Wer sich natürlich einen Humunkulus (künstlichen Menschen) als rechte Hand erhofft, Bill Gates trotz allem für ein universelles Genie und die Silikon-Töle von Sony für gefühlsecht hält, der ist irgendwann reif für die rote MHz-Meile und wird zum Opfer unerfüllter Sehnsüchte. Es handelt sich um die klassische Verführung, der schon Immanuel Rath in „Der blaue Engel“ erlag. Nicht Lola Lola, sondern Lidl verdreht diesem bemitleidenswerten Wurm heute professionell den Kopf. Und zwar für 1099 Euro mit einem AMD Athlon XP 2400+, der „bei 2,0 GHz arbeitet und vergleichbare 2,4 GHz Prozessoren übertrifft“. Der sonst als Unrath verspottete Rath kann damit im vermeintlichen siebten Himmel verweilen, denn er hat nur fünfzig Eurocent je MHz bezahlt und glaubt das Glück mit bloßen Händen gepackt zu haben. Natürlich ist das vorübergehend, aber es kommen weitere Angebote von Aldi, Media Markt und Vobis. Nur wer AMD, Intel und Microsoft glücklich macht, nur wer kon- und uniform, wer kompatibel bleibt, wird selbst glücklich werden – so das ungeschriebene Gesetz der MHz-Luden vom Ladentisch der Kistenschieber.

Führen wir uns vor Augen: Apple tritt als einziges größeres Unternehmen gegen Windows von Microsoft an, konkurriert auf Seiten der Hardware mit Fujitsu Siemens, IBM und Hewlett Packard, im akademischen Sektor und spätestens seit dem Apple Store mit Dell, seit Mac OS X mit Linux und seit dem Xserve mit SUN. Die Digital-Hub-Hardware brockt Sony Konkurrenz ein, während .Mac noch gar keine Gegenspieler hat. Gleichzeitig verkauft Mitbewerber Dell aberwitzig den iPod von Apple, denn gerade dieser ist keine Bedrohung. Dabei hat Apple es auf beispiellose Art verstanden, alles unter einen Hut zu bringen, nicht den Faden zu verlieren oder Opfer eines Vielfrontenkrieges zu werden. Wer kreativ ist, der findet denn auch mit einem Macintosh noch ein passendes Pendant. Eine Muse jedoch, keine Kurtisane.

Leider leider wird alles einmal langweilig, auch die Muse. Nur so erklärt sich der Reiz des Megahertz, die Erotik des Billigschnäppchens, der Charme der knallbunten Angebote auf billigem Papier. Für Pubertierende aller Altersklassen wie jenen Immanuel Rath mag das von Bedeutung sein. Für uns, die wir der angenehm leisen Philosophie des Epikur folgen, jedoch nicht. Lassen wir uns also nicht erschöpfen von den Verführungen der immer schneller werdenden Takte, bleiben wir beharrlich beim einzig Wahren, Schönen.

David Andel