Paralleluniversum

Für viele ist dieser Ort längst zur Ersatzfamilie geworden, zum virtuellen Freundeskreis, zur kleinen Kneipe am Ende der Straße. Gleichzeitig besteht Ähnlichkeit zum Speaker’s Corner im Hyde Park, zum Bundestag oder auch zum Schwarzmarkt. Die Rede ist vom Nachfolger des Usenet, den so genannten Foren. Obgleich das Usenet dazu prädestiniert ist, hat sich der Siegeszug des WWW auch beim Labern ums Prinzip, Gott und die Welt und all die anderen Dinge fortgesetzt. So präsentiert sich heute eine Vielzahl von Treffs zu allen möglichen Oberbegriffen, die meisten davon für die Besucher kostenlos.
Foren sind zwar eine Art Nachwuchs des Usenet, ohne jedoch dessen Trägheit und Rigidität. Jedes Forum hat seine eigenen Regeln und ist zum Teil auch moderiert, die Struktur allerdings ist größtenteils willkürlich, was durchaus zu einer Art Basisdemokratie führen kann. Das Internet als Tummelplatz von Lieschen Müller enthält folglich, was die ewig unerhörten und letztlich auch ungefragten Zeitgenossen meinen von sich geben zu müssen. Durch die so entstandene Vielfalt nimmt es sich im großen Ganzen zwar besser wahr als jenes Dutzend tägliche Talkshows uns einst fürchterlich quälte, doch im Endeffekt sind Meinungsäußerungen auch im Netz der Netze nichts weiter als endloses Recycling ein und desselben dummen Gewäschs, ein Abbild der Menschheit, nicht im Besonderen eben.

Auch wir, die Printmedien, werden fortlaufend kritisiert. Regelmäßige Erkenntnis eines Foren-Egozentrikers ist die Unfähigkeit des Journalisten ganz allgemein. Ihm wird vorgehalten, dass dieses oder jenes Forum längst ein Thema abgehandelt hätten, welches erst jetzt in dieser oder jener Print-Publikation erscheint. Wir wären von diesem oder jenem werbeschaltenden Unternehmen geschmiert, würden sowieso nur aus dem Internet abschreiben und machten notorisch viele Fehler. Diese Allmachtsphantasien erinnern wiederum an bestimmte Printmedien, von denen einzelne starrsinnig behaupten, hinter ihnen stecke ein „kluger Kopf“. Dabei wäre es schon interessant, die Anspruchshaltung manischer Nörgler einmal beim Wort zu nehmen. Klar könnte die Presse Ausgaben ohne jegliche Werbung, mit ausschließlich exklusiven Inhalten sowie weitgehend fehlerfrei produzieren. Gesetzt den Fall, jemand wäre bereit, die 30 Euro dafür zu bezahlen, ließe sich über die Fortführung des Konzeptes gewiss sprechen. Alternativ empfehlen wir Vertreter der „Schwarzen Kunst“ das Fassen an die eigene Nase. Im Internet wird auch laufend von uns abgeschrieben, enorm viel geworben und sehr viel fehlerhaftes veröffentlicht – nur liest sich das alles dann total unbequem am Computerbildschirm, während eine Zeitung auch mal unbeschadet vom Tisch fallen kann. Eben, solche Vergleiche sind Quatsch.

Faszinierend im Reich der Foren ist auch die oftmalige Anspruchshaltung so genannter „Veteranen“ die Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen zu haben. So ergeben ein gerüttelt Maß an Schnoddrigkeit und komplettes Desinteresse an Indizien schon den Universaldilettanten. Nur im Forum wird Wahrheit verlautet, nur im Forum agieren die Experten, nur im Forum gibt es dieses warme, herzliche Gefühl einer Gemeinde, der einzigen aller Gemeinden. Diese Gemeinde aber zerfleischt sich stehenden Fußes, wenn Uneinigkeit herrscht. Nirgends kommt es zu schnelleren virtuellen Hinrichtungen, Sippenhaft oder Anprangerungen. Und sobald es in einem nicht politischen Forum politisch wird, tun sich Abgründe auf. Spätestens wenn es heißt, der ehemalige B-Film-Darsteller Ronald Reagan habe den Kalten Krieg beendet, dürfte sich manche Stirn runzeln. Meist steckt dahinter aber nur die Gnade der späten Geburt, denn es ist eher die Generation der ab 1980 Geborenen, die sich besagtes Paralleluniversum geschaffen hat.

Talentiertere oder ausdauerndere Verfasser von Beiträgen reizt es nach geraumer Zeit einen eigenen Nachrichtendienst zu schaffen. So entstehen neben den etablierteren Medien frische Darbietungsformen, angefangen von privaten Tagebüchern – eine Mode, die sich schon wieder abgenutzt hat – bis hin zu News- und Gerüchteportalen der eher schnoddrigen Art. Nicht selten schließt sich damit ein Kreis, werden aus notorischen Amateur-Nörglern notorische Profi-Nörgler. Und schon wird sich vom hohen Ross des Journalisten wieder gegen jede Kritik verwahrt – ganz wie in alten Zeiten.

David Andel