Ora et Labora – über den Teufel im Detail

Macianer sind eine religiöse Vereinigung. Sie haben zwar keine Gotteshäuser oder Feiertage und auch keine heiligen Schriften, die das Leben bestimmen und interpretieren, treffen sich aber schon ab und an auf einer heiligen Messe namens MacWorld, huldigen ihrem Messias Steve Jobs und verehren den angebissenen Apfel als das allein selig machende, ja richtungsweisende Emblem. Dabei frönt der religiöse Ansatz aber wissenschaftlichen Göttern, denn der vom Baum gefallene Apfel steht sinnbildlich für Newtons Entdeckung der Schwerkraft, die Bezeichnung Darwin für den Unterbau von Mac OS X wiederum ist Beleg für ein evolutionäres UNIX. Es scheint sie zu geben, die Welt geprägt vom Macintosh, die eine, die nonkonformistische Sichtweise, die in der Aussage „Anders Denken“ gipfelt. Aber genau welcher Richtung ist die Gemeinde der Macianer nun zuzuordnen? Den Adventisten, Agnostikern, Anglikanern, Atheisten, Bahaii, Baptisten, Calvinisten, Juden, Katholiken, Muslimen, Nihilisten, Presbyterianern, Zeugen Jehovas oder gar den Rastafari? Alles falsch, denn Macianer sind nichts anderes als Satanisten!
Wer es nicht glaubt, der kann sich stehenden Fußes auf der WWW-Seite des „Theobiologen“ Dr. Richard Paley überzeugen. Dort wird auf – selbstverständlich – wissenschaftlich hieb- und stichfeste Weise untermauert, wieso die Anwender eines Macintosh des Teufels sein müssen. Mac OS X basiert wie bereits erwähnt auf Darwin und damit dem antichristlichen Darwinismus des Charles Darwin. Darwin ist außerdem ein Open-Source-Projekt, wobei Open Source für nichts anderes als Kommunismus steht. Der in seiner hübschen Verpackung angetretene Macintosh repräsentiert demzufolge gottlosen Darwinismus und Kommunismus.

Weiter heißt es, Apple sei in den Siebzigern von langhaarigen Hippies gegründet worden und wäre eine Art Sekte. Der erste Apple kostete folgerichtig 666 US-Dollar, und nur mittels „Geheimcode chmod 666“ lassen sich unter Mac OS X bestimmte gesperrte Dateien verwenden. Sogar das BSD-Maskottchen namens Hexley wird als Beweis des Agierens finsterer Mächte zur Verführung von Kindern herangezogen. Selbst der „Atheist und anti-christliche Evolutionst“ Richard Dawkins verfasst seine „infame Anti-Schöpfungs Polemik“ auf einem Macintosh – wie sollte es anders sein.

Die ehemals über TruePath, einem kostenlosen Webhosting Service für Christen, angebotene Seite des Dr. Richard Paley ist mittlerweile ebenso sang- und klanglos wie spur- und kommentarlos verschwunden, der Textteil ist aber noch über das Google-Archiv durch Eingabe des Suchbegriffes "education evolutionism propaganda" (inklusive Anführungszeichen) zu finden – zum Glück für die Nachwelt. Ob die Rechtsabteilung des in Cupertino ansässigen teuflischen Computerherstellers diesem Extrem der freien Meinungsäußerung nicht mit ökumenischer Toleranz begegnen wollte? Durchaus verständlich, dachte man doch bisher ausschließlich an Microsoft, war von Teufelswerk die Rede.

Während Dr. Richard Paley einerseits Nutzer eines Apple Computers als Anhänger Satans outet, kommt uns der Medienkonzern AOL Time Warner andererseits mit weiteren hilfreichen Erkenntnissen entgegen. In einem Interview mit Inside.com (mittlerweile kostenpflichtig – wer hätte anderes erwartet) bezeichnet CEO Jamie Kellner von Turner Broadcasting Fernsehzuschauer als Diebe, wenn diese während der Werbung das Programm wechseln. Immerhin, für den Weg ins Badezimmer während der Werbepausen hat Kellner noch „ein gewisses Maß an Toleranz“ übrig.

Vielleicht ist es nur Einbildung, doch erscheint die Zahl der Schuldzuweisungen und Vorverurteilungen allerorten in letzter Zeit inflationär. Religiöse Verwirrungen wie die des Dr. Richard Paley gibt es seit jeher, nur haben sie zwischenzeitlich eher an Bedeutung verloren. Wenn jetzt aber auch Unternehmen auf die Idee kommen, über unsere privaten Verhaltensweisen entscheiden zu wollen, ist das allerdings bedenklich. Seitens der Musikindustrie sind pauschale Beschimpfungen der Kundschaft schon an der Tagesordnung, sobald die Einnahmen nicht mehr wie gewohnt steigen. Wer nicht konsumiert, der stiehlt, ist als religiöse Botschaft nun auch im Medienbereich angekommen. Vielleicht heißt demzufolge unser aller Bestimmung seit der Jahrtausendwende statt „Beten und Arbeiten“ (Ora et Labora) zeitgemäßer einfach „Kaufen und Arbeiten“ (Emere et Labora).

David Andel