Musik in der Luft?

Seit Monaten hört man von Apple kaum mehr etwas anderes als Musik. Musik in Form von CDs oder MP3s in iTunes, Musik als Ware aus dem iTunes Music Store, musikalische Missklänge als Klage von Apple Records gegen den iTunes Music Store, Musik auf der Festplatte des iPod oder iPod mini sowie mit Hilfe von Soundtrack selbst komponierte oder GarageBand selbst musizierte Musik. Zwar finden noch diese und jene Produkte neben Apples überdimensional erscheinendem Schwerpunkt statt, doch Musik dominiert nicht nur die WWW-Seiten Cupertinos, sondern auch die Pressemeldungen um Apple herum und sogar jene konkurrierender Unternehmen. Anfangs waren es „nur“ iTunes und der iPod, die von der Apple-Gemeinde auch hochwillkommen geheißen wurden, schließlich suchte diese schon länger nach einer Option zur stationären wie mobilen Unterbringung des zuvor wie auch immer erworbenen Musikarsenals. Jetzt jedoch nimmt das Thema allmählich etwas überhand.
Insbesondere der iTunes Music Store ist lästig. Es gibt ihn nicht in Frankreich, Österreich und der Schweiz, es gibt ihn nicht in den Benelux-Ländern oder Großbritannien, er existiert weder in Japan, Russland, China, Indien oder Australien, und es gibt ihn auch nicht in Deutschland, Skandinavien oder Kanada. Apples virtuelle Musikbox ist bis dato eine rein US-amerikanische Veranstaltung, inklusive allen Pepsi- oder Superbowl-Brimboriums. Klar, das kann sich von heute auf morgen ändern, nur ist die endlos lange und tagtägliche Spekulation darüber nervtötend.

Damit nicht genug. Auf der letzten Macworld Expo im Januar war die einzige neue Hardware für einen breiteren Markt ein kleines unscheinbares Ding, das wie eine Klette an den Oberarmen vieler Apple-Mitarbeiter hing. Wieder ein Musikgerät, nämlich der iPod mini. Den allerdings wird es erst Wochen nach der US-Vermarktung auch hierzulande zu kaufen geben. Das gerade einmal zweite Mitglied in der bislang überschaubaren Hardware-Familie des Digital-Hub-Konzepts überzeugt nicht unbedingt durch Innovation, sondern verfeinert nur ein schon vorhandenes Konzept – es sei denn, die Farben gefallen nicht.

Wenn John Boy, Jim Bob, Ben, Ike und Erin Walton musizieren …

Vorwiegend als Bestandteil des aktualisierten iLife-Paketes war die wesentliche Software-Neuheit des ersten Quartals 2004 für einen breiteren Markt GarageBand. Was aber fangen jene, die nicht musizieren wollen oder können damit an? Schön und gut, dass es in der Hälfte aller US-Haushalte zumindest eine Person geben soll, die ein Instrument spielt. Kann das jedoch eine tragfähige Strategie für einen ansonsten in Sachen Informationstechnologie und Industriedesign wegweisenden Konzern sein? Oder beobachten wir gerade, wie sowohl Steve Jobs als auch Jonathan Ive einfach nichts mehr einfallen will? Wird es nach dem iPod mini bestenfalls noch einen iPod midi geben und nach GarageBand vielleicht noch BigBand? Werden wir so oft weitere Marketing-Strategien des iTunes Music Store sehen, bis wir sie irgendwann nicht mehr sehen können und wir uns dann freiwillig wieder den guten alten CDs zuwenden?

Gewiss, schon bald wird aus Cupertino auch mit neuer Hardware zu rechnen sein. Nur was soll das ewige Theater der Geheimniskrämerei, wenn die dann lancierten Produkte längst nicht mehr so innovativ sind, wie erwartet? Computer mit neun Lüftern reizen Besitzer eines lüfterlosen Cube nicht unbedingt, wie auch Besitzer eines billig-bunten iMac nicht auf Anhieb auf den kaum mehr als Einsteigersystem zu bezeichnenden LCD-iMac abfahren werden.

Bleibt folglich zu hoffen, dass Apples penetrante Musikstrategie, einhergehend mit der absoluten Verschwiegenheit in Sachen Produktinnovation nicht in einem völligen Reagieren am Markt vorbei gipfeln wird. Es fällt unverändert in den Bereich der Fabeln und Mythen, P2P als Verursacher der Musikindustrie-Krise anzuprangern. Fraglich daher, ob die Umsätze im iTunes Music Store auf Dauer so hoch bleiben und vor allem mal Gewinn abwerfen werden. Fraglich auch, ob die Unberechenbarkeit von Apple nicht zu weiteren Schäden führen wird, so wie schon beim erfolgten oder erwarteten Ausstieg der Schweizer Verlage Basler Zeitung Medien (BZM), Espace Media Group, Jean Frey, NZZ, Ringier und Tamedia aus der Macintosh-Plattform.

David Andel