Mind The Gap!

Was sagen einem die Zahlen 1999 und 3088? Wahrscheinlich nichts eindeutiges, doch beschreiben diese beiden Euro-„Widerstände“ die Lücke zwischen dem größten iMac G5 und dem kleinsten Power Mac G5 (jeweils mit 1,8 GHz, 20-Zoll-Display und Grundausstattung). An sich sind die stolzen 1089 Euro Differenz nicht sonderlich überraschend, schließlich ist das eine Gerät ein Einzelprozessor-„Alles-In- Einem“-System, wohingegen das andere Gerät über eine ungleich höhere Erweiterbarkeit verfügt. Gewiss ist auch der Materialaufwand allein beim eloxierten Aluminium-Gehäuse des Power Mac G5 ein höherer.
Besonders auffällig wird die lückenhafte Produktlinie allerdings, führt man sich mal die Preise aller G5-Modelle vor Augen. So startet der deutsche Apple Store beim iMac mit 1369 Euro, hüpft dann zum Modell für 1579 Euro (plus 15 Prozent) und zum Modell für 1999 Euro (plus 27 Prozent) – um dann den Olympia-reifen Sprung von sage und schreibe 55 Prozent auf den kleinsten Power Mac für 3088 Euro zu tun. Das Gesamtbild änderte sich übrigens kaum, würde man außerdem die Baureihen eMac und Xserve mit einbeziehen – in der Mitte ist einfach ein ordentliches Loch.

Apple verweigert sich damit längst nicht nur dem Marktsegment zwischen 2000 und 3000 Euro, sondern lässt bestimmten Kunden auch konzeptuell keine Wahl, bietet entweder zu wuchtige, überdimensionierte oder zu geschlossene, nicht ausbaufähige Systeme an. Die Wiedereinführung des 1,8- GHz-Power-Mac-Modells muss hier wie eine Kurzschlusshandlung aufgefasst werden, ebenso gut hätte man wieder G4-Prozessoren verbauen können. Eine recht kaufkräftige Anwenderschaft, die ehemals von japanischen Unterhaltungselektronik- Herstellern wie Matsushita (Panasonic, Technics) oder Sony oft auch als „Prosumer“ (Professional Consumer) bezeichnet wurde, sieht sich so einer Friss-oder-stirb-Situation ausgesetzt. Während klar sein dürfte, weshalb Cupertino nicht das Niedrigpreissegment der Kistenschieber in seiner Strategie berücksichtigt, bleibt vergleichsweise rätselhaft, weshalb es keinen „Midi Mac“, mit Midi-Abmessungen und Midi- Erweiterbarkeit gibt.

Schon vor Jahren war bei MacInTouch.com vom „iCheap“ die Rede, erst unlängst kam Stephen H. Wildstrom von BusinessWeek in seinem Beitrag „The iMac G5: Elegant – But A Lost Opportunity“ (Der iMac G5: Elegant – aber eine verpasste Gelegenheit) wieder auf das Thema zu sprechen. Doch ist es nicht allein der Reiz des Billigen, was an jenem Konzept anziehend ist. Auch die Möglichkeit der Ansteuerung des 30“-Displays ohne Aluminium- Kraftwerk mit seinem monströsen Kühlsystem sollte künftig eine Option sein. Eine Kombination aus kleinem Würfel und riesigem Bildschirm wäre als branchenweit einmaliges HDTV-Unterhaltungssystem geradezu prädestiniert. Offenbar sind kompakte Abmessungen nun auch im Zusammenhang mit dem G5-Prozessor möglich, was insbesondere leise Wohnraum-Systeme mit großen Bildschirmen (Elgatos eyeTV lässt grüßen) attraktiv machte. Unmöglich ist das keinswegs, denn die neue Radeon-X800- Grafikkarte von ATI wurde gerade erst Mind The Gap! Eine recht kaufkräftige Anwenderschaft an einem 30“-Cinema-Display vorgeführt und beansprucht im Gegensatz zum Nvidia-Schlachtschiff nur einen Slot im Power Mac.

Den Fehler, den Apple vor vier Jahren beim Cube gemacht hat, war der deutlich zu hohe Preis – eine Philosophie aber, die zum Glück beim aktuellen iMac G5 ihr Ende fand. Die weiße Flunder (oder Marmorplatte) ist in der realen Welt nicht nur ausgesprochen hübsch, sondern auch überaus preiswert. Und genau die Fortsetzung dieser Grundeinstellung wäre das Patentrezept ebenso für einen großen Bruder des iMac oder einen kleinen Bruder des Power Mac, der mit 1000 Euro Startpreis (ohne Monitor) überall einen Platz finden sollte. Modular aufgebaut und wartungsfähig durch seinen Besitzer. Bis zu einer passenden Lösung aus dem Hause Apple wird man leider unverändert zwei Flachbildschirme kaufen müssen – einen für die Arbeit und einen fürs Vergnügen.

David Andel