Marken vernichten

Wer die Begriffe „song lyrics inside“ eingoogelt, stößt auf eine ganze Reihe musikalischer Ergüsse mit dem Wörtchen „Inside“ im Titel, beispielsweise „Devil Inside“ der Japanerin Utada, „Underwear Goes Inside The Pants“ der Dänen von „Lazyboy“, „Leave It Inside“ der US-Amerikanerin Toby Lightman oder „Inside Out“ von Trisha Yearwood (ebenfalls USA). Geht es aber nach dem Verständnis des US-amerikanischen Chip- Produzenten Intel, gehört das Wörtchen „Inside“ mittlerweile ihm allein.
So hat das Unternehmen es zwar noch nicht gewagt, all diese „Insider“ zu rechtlichen Outsidern zu machen, ist aber bereits drauf und dran, das Stadium der Vernunft zu verlassen. Intel zuliebe soll nun etwa der Betreiber von dvd-inside.de auf seine Domain verzichten, weil aufgrund des auffällig einfältigen Slogans „Intel Inside“ eben nur Intel Inside sein darf und nichts sonst.

Solcherlei verstörende Verhaltensweisen sind uns bereits u. a. vom Buchstaben „T“ und der Farbe Magenta im Zusammenhang mit der Deutschen Telekom vertraut. Der Bonner Platzhirsch lebt derart in der steten Angst, seine ebenfalls wenig originellen Ideen könnten nachgeahmt werden, dass er gegen Nutzer seines Anfangsbuchstaben und der von ihm im Rahmen seiner CI verwendeten Farbe immer wieder ebenso gnadenlos wie lachhaft vorgeht. Der Fuldaer Lebensmittel-Filialist Tegut wiederum fand es ganz in Ordnung, dass die rosigen Rheinländer eine dermaßen ähnlich klingende Marke als schützenswert erachten und schwieg vornehm. Nicht jeder macht sich halt zur Witzfi gur. Bestünde denn nicht auch bei einem Power Mac Verwechslungsgefahr mit einem Vitamin-Burger oder könnte umgekehrt der Big Mac nicht Nachfolger des Dualprozessor-G5 sein? Oder was sticht einem beim Besuch von www.cn.ca ins Auge? Die kanadischen Eisenbahner waren wohl kaum amüsiert, dass ihnen CNN ihr Logo geklaut hat, nur standen sie einfach über den Dingen.

Natürlich gibt es den feinen Unterschied zwischen der Nachahmung einer Marke o. ä. innerhalb des gleichen Marktsegments und einer Kopie in einem ganz anderen Terrain. Im Falle von Intel jedoch wird die Firmenkompetenz eindeutig überschritten, denn Intel gibt de facto u. a. keine DVD-Kauftipps, so wie dvd-inside.de es nunmal tut. Im Falle Apple hingegen könnte der Auftritt des Konzerns im musikalischen Bereich durchaus in Konkurrenz zum Musikverlag der Beatles gesehen werden, obgleich auch dort kaum Ähnlichkeit besteht.

Aber selbst wenn die rechtliche Keule im Einzelfall noch begründet sein mag, wird die Sache absurd, wenn es um Buchstaben, Wörter oder Farben geht. Denn was wird einmal sein, hat die Telekom selbst die Nase voll von Magenta und wechselt auf Grün? Oder was passiert, wechselt der Konzern gar seine komplette Ausrichtung? Klassisches Beispiel dafür wäre ITT, von dem kein Normalsterblicher mehr wissen wird, ob er nun in der Elektronik, der Hotelbranche oder gar als Hersteller von Anlagen zur Behandlung fl üssiger Abfälle tätig ist, denn das 1920 von Sosthenes und Hernand Behn gegründete und in vielerlei Schweinereien (von Hitler-Deutschland bis Pinochet-Chile) involvierte Konglomerat wickelte sich 1996 selbst ab und beschäftigt sich heute nicht mehr mit Fernsehern, sondern mit Abwasserpumpen …

„Ich boykottiere Intel, weil hier das Kulturgut Sprache beraubt wird …“ schreibt der Teilnehmer des Online- Forums eines großen IT-Verlages und zeigt auf, welchen Effekt ein juristischer Tobsuchtsanfall wie jener von Intel haben kann. Die einfachste Methode wäre also, Intel schlichtweg zu ignorieren, der Umkehrschluss zu „Inside“ – derart viel Borniertheit gehört bestraft. Racheakte sind allerdings ein zweifelhaftes Unterfangen, den Umständen angemessener wäre eine Reaktion des Gesetzgebers, der solchen unternehmerischen Bemühungen ein für allemal einen Riegel vorschiebt. Leider jedoch hat die Legislative es scheinbar verlernt, den einzelnen Menschen im Auge zu behalten und konzentriert sich stattdessen lieber auf die Schaffung rechts- und steuerfreier Unternehmensarenen.

David Andel