Macht der Versuchung

Viele Menschen legen sich beruflich im Leben schon leichtsinnig früh fest, etwa um eine so genannte „Ausbildung“ und damit ein vermeintliches Existenzrecht in einer jedoch an fachlich fi xierter Arbeitskraft zunehmend desinteressierten Gesellschaft zu erwerben. Sie heiraten oft ebenso früh, um aus den Zwängen des Elternhauses in die Zwänge der institutionalisierten Partnerschaft zu wechseln, verschulden sich früh, um die vier Wände eines meist viel zu kleinen, viel zu kompromissbehafteten Eigenheims bewohnen zu können, das tatsächlich aber noch lange zu den wirksam eingesetzten Druckmitteln eines Kreditinstitutes gehört und resignieren dann bei weitem zu früh, um nicht anzuecken, aufzufallen oder sich anzustrengen. Natürlich gehen alle diese Schnellschüsse nach hinten los und treffen exakt denjenigen, der sich dadurch sicher und zugehörig wähnte. Natürlich hätte sich das alles längst erahnen lassen, bestünde generell die Bereitschaft zur (Selbst-)Refl exion, zum Zweifel.
Ähnlich steht es um die oft konventionellen wie voreiligen Entscheidungen der Unternehmensdirigenten. Vor kurzem erst waren wir Zeuge des spontanen Endes einer bis dato nach außen vorbildlich erscheinenden Laufbahn der Carleton (Carly) Fiorina, eine der wenigen Frauen in einer plump-traditionellen Männerdomäne. In der Retrospektive erkennen wir nach ihrem jähen Absturz, dass viele ihrer Entscheidungen vorschnell und leichtfertig waren, so wie das eben in den wilden Jahren ihrer Amtszeit usus war – in der Branche wurde geklotzt und nicht gekleckert, war der Schein wichtiger als das Sein.

Man mag über Apple denken was man will, doch blieben uns zum Glück viele falsche Weichenstellungen, viele Kurzschlusshandlungen erspart. Weder gab es mehr einen PDA in der Post- Newton-Ära, denn der Markt ist wenig einladend, noch ein Apple-eigenes Telefon oder Mobiltelefon, denn Apple steht mit seinem SIP-basierten iChat AV ohnehin an einer technologischen und dabei geschickt risikoscheuen Spitze, noch ließ sich Cupertino dazu verleiten, sein Betriebssystem plattformübergreifend anzulegen, denn die Beispiele NeXT und Be sind heilsame Erfahrungen aus unmittelbarer Nähe und Vergangenheit.

So gibt es bei Apple kein vorzeitiges Verlassen des Elternhauses, Mac OS X bleibt auf Gedeih und Verderb in den virtuellen Räumlichkeiten Cupertino-ersonnener Hardware. Dadurch stellt sich ein interessanter Neideffekt ein, denn zahlreiche Anwender würden ja gerne, wenn sie denn nur könnten. Und siehe da, schon erscheint der vorgeblich billige Mac mini. Ohne die zuvor strategischkluge Entscheidung der Bindung des Betriebssystems an seine Hardware wäre dies nicht möglich gewesen. Auch fi nden bei Apple keine Kinderhochzeiten statt, in Cupertino sucht man sich seine Partner mit großem Bedacht aus, nutzt das Macht der Versuchung Obgleich sich Cupertino in einem von George W. Bush höchst erfolgreich verschuldeten Land befi ndet, ist Apple selbst seit letztem Jahr schuldenfrei und fl exibel. vorhandene Know How und stärkt damit Kernkompetenzen. Ein unbewegliches Riesenunternehmen wie das missratene HP-Konstrukt steuert wie eine unübersichtliche Großfamilie nur besonders schwerfällig seinen roten Zahlen entgegen – und lizenziert dann den iPod von Apple.

Auch in Sachen Finanzhaushalt weiß man bei den Mac-Erfindern vorbildliche Verhaltensmuster zu demonstrieren. Obgleich sich Cupertino in einem von George W. Bush höchst erfolgreich verschuldeten Land befi ndet, ist Apple selbst seit letztem Jahr schuldenfrei und flexibel.

Die Vorgehensweise des Konzerns um Steve Jobs ist also erfreulicherweise weit mehr vom gesunden Menschenverstand als von Erwartungshaltungen Anderer gesteuert, seien diese nun gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Natur. Während viele Menschen wie auch jene von ihnen geleitete Unternehmen mit kaum nachvollziehbarer Plumpheit in immer neue offene Messer rennen, konzentriert sich Apple auf das ganz Wesentliche. Am Beispiel Pages erkennen wir die Strategie ein weiteres Mal überdeutlich: ein unscheinbar erscheinendes Produkt mit gewaltigem Potenzial. Natürlich kann es Pages ebenso wie vielen anderen Ergüssen des Herstellers ergehen, dass der Markt sich nämlich lieber bekanntmuffi gen Konventionen hingibt – der mentale Kacheltisch lässt grüßen. Wer sich jedoch von dummen Vorurteilen der Generation Untertan nicht beeinfl ussen lässt, wird immer wieder wohl oder übel bei Apple landen – und sich so manches Mal wünschen, die ganze Welt zöge hinterher.

David Andel