Und dafür habe ich Star Wars aufgegeben?

Alex Lindsay, ehemaliger Gestalter visueller Effekte bei ILM (Industrial Light and Magic: „Der Großteil meiner Arbeit für Star Wars entstand auf einem Mac“ ) startete unlängst ein bemerkenswertes Projekt in Afrika. Wer an den Erlebnissen des Pioniers in Sachen Apple für Afrika teilhaben will, kann dies unter anderem per Podcast tun (seine .Mac-Website fiel zwischenzeitlich den Apple-Umbauarbeiten zum Opfer, Anm. d. Red.) – selten war ein Projekt aus der Macintosh-Szene so erfrischend anders.


Bild: Alex Lindsay
Lindsay, der sich selbst als „Computer Geek“ (Computer-Versessener) bezeichnet, ist beileibe kein Unbekannter unter den digital arbeitenden Künstlern. Wer sich an die Kampfszenen der massenhaften Klon-Krieger aus Star Wars, Episode I erinnert, der hat damit auch einen Teil seiner Arbeit kennen gelernt. Auf der einen Seite gibt es also einen hochspezialisierten Videotrick-Experten, auf der anderen Seite gibt es den seit Jahrhunderten nicht ruhenden und nicht zuletzt dank drastischer Eingriffe von außen stets ums Überleben kämpfenden Kontinent Afrika. Schwer zu glauben, beide Welten fänden jemals zusammen, doch passiert genau das. Lindsay, Gründer der Mediengestalter-Gilde Pixel Corps, bringt Hochtechnologie in Form von Macintosh-Computern und tricktechnisches Know-how auf maximalem Niveau genau dorthin, wo es kaum jemand erwartet hätte – ins Herz des schwarzen Kontinents. Kann das überhaupt funktionieren und wird das einen nachhaltigen Effekt haben? Offenkundig sind neben Lindsay auch Unternehmen wie Auto Des Sys, Adobe, Maxon, Apple, Kaidan, Real Viz, Samso, DPI und ZIVA der Auffassung, es müsste klappen. Das Ganze scheint sich zu einem spannenden Experiment zu entwickeln und ist beeindruckender Kontrast zur leider wieder populär gewordenen Diplomatie der Waffen.

David Andel: Macintoshs nach Simbabwe zu talentierten jungen Leuten zu bringen klingt wie eine vom Idealismus getriebene Illusion. Fühlen Sie sich manchmal wie ein Pionier, vielleicht wie die Geek-Ausgabe von David Livingston?

Alex Lindsay: Ich vermute irgendwie schon … Aber ich bin nicht hier, um Afrika auf die gleiche Weise wie Livingston oder Rhodes zu ergründen. Stattdessen nutze ich die frühen Forschungsreisen aus dem Westen nach Afrika als gute Lektion dafür, was nicht getan werden sollte. Die kulturellen und menschlichen Kosten jener Expeditionen der letzten hundert Jahre stehen in keinem Vergleich zum Erfolg, den sie manchen Teilen der Region brachten. Ich bin mir sehr darüber im Klaren, dass das, was ich tue, ebenso schaden wie gut sein könnte. Meine Absicht ist es nicht, den Westen nach Afrika zu bringen. Es geht darum, Afrika in das globale Geschehen mit einzubeziehen und die Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, damit die Menschen dort ihre eigenen Geschichten auf einer weltweiten Bühne erzählen können. Dieser Prozess ist erst seit wenigen Jahren möglich, einhergehend mit den technologischen Entwicklungen im Bereich der Kommunikation, der Videotechnik und der Rechenleistung.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: In Ihrem Weblog erwähnen Sie den großen kulturellen Reichtum Afrikas und dass Sie diese Kooperation nicht als karitative Arbeit sehen, sondern Zeit und Ressourcen in „eine der größten Wachstumschancen dieses Jahrhunderts“ investieren wollen. Halten Sie das für das bessere Modell für eine Begegnung zwischen der so genannten „Dritten“ und der „Ersten“ Welt?

Alex Lindsay: Ich denke, es ist überall das bessere Modell. Verteilen ist wie wirtschaftliche „Chirurgie“ und karitative Arbeit wie „medizinische Pflege“. Man braucht das manchmal, sollte aber nicht täglich ins Krankenhaus gehen, sondern einen gesunden und produktiven Lebensstil entwickeln. Die Antwort lautet also, reale und tragfähige Modelle zu entwickeln, die den Wert jener Individuen hervorheben, mit denen man arbeitet. Die Völker Afrikas haben der Welt so viel zu bieten und haben der Welt schon so vieles gegeben, zu oft ohne Einwilligung. Der Schlüssel zum Aufbau von etwas wachstumsfähigen ist ein genauer Blick auf die Möglichkeit, hier vorhandene Werte, Talente und Weisheit zum Nutzen aller einzusetzen.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Was erzählen Ihnen junge Leute über ihr Leben in Robert Mugabes Simbabwe heute? Was sind ihre Visionen für die Zukunft und ihre Meinungen über die Vergangenheit? Sie sagen, in ein paar Jahren wäre der Standort eines Künstlers weniger von Bedeutung als seine Fähigkeiten oder seine Verbindungen. Haben Sie diesbezüglich irgendwelche Reaktionen von Seiten der Regierung erhalten, da es anscheinend überhaupt keine Infrastruktur gibt?

Alex Lindsay: Klar, wird die Lage als frustrierend empfunden. Leider gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Die MDC („Movement for Democratic Change“ = Bewegung für Demokratischen Wandel) wird gegenüber der ZANU-PF („Zimbabwe African National Union – Patriotic Front“, die seit 1980 regierende sozialistische Einheitspartei) zwar als die bessere Lösung angesehen, ist jedoch stark von den weißen Landwirten beeinflusst, die sie finanzieren. Das Land muss umverteilt werden, die im Vordergrund stehende Frage dabei ist wie. In Namibia ist das schon ein Problem und in Südafrika brodelt es. Das erklärt auch, weshalb niemand das Thema energisch anfassen will. Gleichzeitig sind sich viele dessen bewusst, dass Simbabwe nach Überwindung der aktuellen Schieflage regelrecht boomen wird. Es gibt so viel Potential im Land und auch vom Erfolg vergangener Zeiten ist noch viel übrig. Die Erholung des Landes wird nicht lange auf sich warten lassen, hat ein Wechsel der Führung erst einmal stattgefunden. Also ziehen alle die Köpfe ein und warten. Einer der Studenten, jetzt ein Kursleiter, hat letztes Jahr unsere US-Niederlassung besucht. Er wollte nicht dort wohnen. Simbabwe hat Probleme, die USA aber auch. Und viele zögen es vor, zu bleiben, fänden sie nur Arbeit. Was die Infrastruktur angeht, so ist das zwar eine Herausforderung – allerdings ist dieses Stadium vorübergehend. Es braucht Zeit, die Anforderungen da und dort zu erfüllen, FedEx ist schon unten an der Straße. Wir sind hier wegen des zukünftigen Potentials. Es ist schwer, alles zusammenzubekommen, wäre es aber leicht, würde es wohl jeder tun.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Ich erinnere mich an eine eindrucksvolle polnische Dokumentation, die von einem indischen Wanderkino handelte, das von der indischen Regierung die Gelegenheit erhielt, den ersten Film in einer Gegend zu zeigen, in der man Kino als Erfindung überhaupt noch nicht kannte. Der vorgeführte Film war kruder Action-Müll aus „Bollywood“ (= indisches Pendant zu Hollywood) und die Reaktion der Menschen dort war: „Wir haben unsere eigenen Probleme und Leben und sehen keinen Grund, uns so etwas anzuschauen. Bitte geht und kommt niemals zurück!“ Sie führten „The Matrix Reloaded“ in Simbabwe vor. Könnten so genannte westliche Werte Teile der afrikanischen Identität zerstören?

Alex Lindsay: Ja, das tue ich. Das genau ist einer der Gründe, weshalb ich hier bin. Aber ich zerrütte diese Studenten nicht. In Harare sind sie tagtäglich westlicher Kultur ausgesetzt. Dort gibt es L.A. Law, Seifenopern und MTV überall. Sie (die Studenten) sollen sehen, wie hoch die Schwelle ist und wohin sie gehen müssen – sie müssen die Handlungsabläufe nicht nacherzählen, sondern nur erkennen, wogegen sie antreten. Mit Verbesserung der Anbindung – und das wird aufgrund drahtloser Technologien nicht lange auf sich warten lassen –, müssen sie die Fähigkeiten haben, ihre eigenen Geschichten auf US-Produktionsniveau zu erzählen. Ein Versagen, sie mit diesen Fähigkeiten auszustatten, würde ihre Inhalte an den Rand drängen und zu einem kulturellen Kahlschlag führen, da wir ihre Kultur mit der unseren ersetzen würden.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Haben Sie eine Art Kulturschock erlitten – was war beispielsweise Ihr größter Fehler in Simbabwe? Und wie nähern sich die Menschen in Simbabwe Mac OS X im Vergleich zu den USA?

Alex Lindsay: Ich würde nicht sagen, dass es einen Schock gab, aber ich muss mir der Vorgänge bewusst sein. Saki und die Studenten sind gut darin, uns anzuleiten. Den größten Fehler, den ich begangen habe, ist der fehlende Aufbau ausreichender Unterstützung für die Studenten, wenn wir weg sind. Wenn ich da bin, kommen sie schnell voran, wenn ich weg bin, nur langsam. Das ist nicht ihre Schuld, es ist die unzureichende Struktur auf meiner Seite. Das ist etwas, woran wir sehr hart arbeiten. Was die Annäherung an Mac OS X angeht, so sieht sich das ziemlich ähnlich, nur ihr Kontakt dazu ist seltener. Während die meisten Mitglieder von Pixel Corps in den USA einen Computer zuhause haben, müssen sich die Studenten in Simbabwe eine Handvoll Maschinen teilen. Das macht es ihnen schwer, sich im Umgang sicher zu fühlen, obgleich sie schon sehr gut sind.

David Andel: Welche Anwendungen haben Ihren Studenten am besten gefallen und wo lagen deren größte Talente?

Alex Lindsay: Die gestalterische Fähigkeit ist ihr größtes Talent. Angeführt von Saki Mafundikwa, der ein MFA („Master of Fine Arts“ = Magister Artium ) von Yale hat, müssen die Studenten erst wirklich ihr Auge trainieren, bevor sie ihre Fähigkeiten für Computer ausbauen. Sehen Sie, diese Fähigkeit ist alles, was sie tun. Die Studenten sind in verschiedenen Gruppen, die ihre individuellen Interessen zum Ausdruck bringen – 3D, Photogrammetrie, Compositing und Video.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Über Doris Jansen von Baobab habe ich gelesen, dass sie ihren Posten aufgab und nach Afrika ging, weil sie vom überwältigenden Versagen ihrer wirtschaftlichen Arbeit zur Verringerung der Armut frustriert war. In der Tat ist Simbabwe ein sehr armes Land, nicht nur, weil es an Zucker fehlt. Hatten Sie den Eindruck, lediglich eine Elite zu unterrichten?

Alex Lindsay: Ja, aber das ist nur der Anfang. Wir müssen einen soliden Kern von Handwerkern aufbauen, bevor wir uns den eher ländlicheren Gegenden widmen. Viele Leute lassen sich dazu verleiten, in den „Busch“ zu gehen, um mit Menschen in Hütten zu arbeiten. So bewundernswert das auch ist, hält der Effekt selten lange vor und bleibt dadurch als Projekt nicht aufrechtzuerhalten. Wir arbeiten uns von den bevölkerungsdichtesten Zentren in die ländlichen Gebiete vor. Jeder Standort stellt eine Anlaufstelle für die umliegenden kleineren Gebiete dar.

David Andel: Sie malen sich aus, wie kreative Arbeiter aus den USA vielleicht in Simbabwe arbeiten könnten, weil es dort billig ist und beschreiben gleichzeitig einen Crash-Kurs Ihrer Studenten in Simbabwe in Sachen Mac OS X und Adobe After Effects oder „learning by doing“ mit dvMattePro. Haben Sie keine Angst davor, mit einem Haufen Experten für einen schon eher kleinen Markt zu enden?

Alex Lindsay: Ihr Markt ist ein globaler. Es ist keine Konzentration von Künstlern, die nach Arbeit in Simbabwe suchen. Es ist eine Konzentration von Künstlern der ganzen Welt, die an Projekten aus der ganzen Welt arbeiten. In diesem Zusammenhang erscheint mir Sättigung nahezu unmöglich. Wir befinden uns nicht in der Mitte des Informationszeitalters, sondern stehen erst ganz am Anfang. Das Schlüsselprinzip ist die Bereitstellung einer Infrastruktur und Ausbildung, die es einem Künstler in einem Teil der Welt erlaubt, mit einem ganz woanders zu arbeiten. Das ist teilweise das, worum es bei Pixel Corps geht.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Könnten Sie sich die Art, wie Sie den Macintosh nach Afrika bringen, auch als Hilfe dazu vorstellen, den Einfluss von MS Windows auf einen sich entwickelnden Markt zu verringern?

Alex Lindsay: Nun, ich weiß nicht, wie viel es hilft, glaube aber, Apple sollte sich darauf konzentrieren. Dieser Markt wird mit starker Gewichtung auf Informationswerkzeuge extrem schnell wachsen. Das ist eine gewaltige Gelegenheit für Apple, aber momentan gehen sie das nicht wirtschaftlich an. Computer kosten annähernd doppelt so viel wie in den USA, was kaum einen Sinn ergibt. Zwischenzeitlich tun wir unseren Teil. Angesichts unserer Konzentration auf Medienentwicklung und Ausbildung in diesem Bereich ist Apple die einzig sinnvolle Antwort.


Bild: Alex Lindsay

David Andel: Werden Sie das Projekt fortsetzen und was kommt als nächstes?

Alex Lindsay: Das sind definitiv erst die anfänglichen Fragmente. Nach jeder Rückkehr von einer Reise in die USA setzen wir uns zusammen und erörtern mit Pixel Corps unseren nächsten Trip. Im November werde ich nach Simbabwe und Tansania zur Pflege der aktuellen Projekte zurückkehren und damit anfangen, Leute in Kenia zu treffen. Ich hoffe, Kenia und Ghana nächstes Jahr aufmachen zu können … Zwischenzeitlich fangen wir damit an, Mitglieder von Pixel Corps aus den USA nach Afrika zu bringen. Wir planen „Pixel Corps Flop Houses“ (Anm. d. Red.: „Flop House“ = Bude), wo Mitglieder umsonst wohnen können, solange sie dafür die lokale Zelle unterrichten. Wir unterrichten jene aus San Francisco in Swahili und Shona und bringen jene aus Simbabwe und Tansania nach San Francisco. Dieser technologische wie kulturelle Austausch ist Beginn einer globalen Gemeinschaft von Mediengestaltern. Wir suchen auch nach neuen Standorten in den USA und in Europa. Wir werden damit anfangen, das Pixel Corps Online anzubieten und lassen uns dann von der örtlichen Zahl unserer Mitglieder zu den nächsten Schritten verleiten.

Das Gespräch mit Alex Lindsay führte David Andel