Letzte Worte

Betriebssysteme spielten bei Apple längst keine Rolle mehr. Die letzten Fehler in Snow Leopard waren erst im Herbst 2015 behoben worden – gute sechs Jahre nach der Markteinführung. Die TouchMe-Reihe verkaufte sich nach einem schleppenden Start noch besser als die 2017 eingeführten kleinen FeelMe-Modelle, und der MobileMe-Classic-Reihe folgte eine unglaublich verkaufsstarke HearMe-Linie, obgleich das HearMe Air monatelang kaum in den Läden zu finden war. Als Microsoft mit „The NeXT Windows“ 2021, also ein Jahr nach Steve Jobs’ Abschied aus dem Unternehmen auf den Markt kam, konnte kaum jemand glauben, was da passierte. Mithilfe ehemaliger Verbündeter im Konzern – und überraschenderweise auch Steve Wozniak, seinem Weggefährten früher Jahre – hatte der Firmengründer noch nach Kräften und zunehmend panisch versucht, den Einfluss von Microsoft auf Apple zu verhindern. Jobs’ Sohn Reed jedoch hatte vom Vater sämtliche Vollmachten erhalten und ließ seinem unübersehbaren Eifer Taten folgen. Reed Pauls erste Keynote auf der Macworld Expo 2020 sorgte für tosenden Applaus, er war weit besser als der Vater – oder erschreckender. Sein Satz „Once Apple was David and Microsoft Goliath. Now Microsoft is forgotten and just cries for help, so we’re ready to takeover.“ („Einst war Apple David und Microsoft Goliath. Jetzt ist Microsoft vergessen und schreit um Hilfe, also sind wir zur Übernahme bereit.“), wurde in allen Medien zitiert – der zum Nischenspezialisten degenerierte ehemalige Branchenriese war nach dem Freitod seines Vorstandssprechers zunächst zum weltweiten Objekt von Hohn und Spott und dann Übernahmekandidaten von Apple geworden.


Bild: David Andel
Unvergessen blieb der Wired-Beitrag „Inside Jobs“, in welchem die Zeitschrift frappierend detailliert aus dem Nähkästchen zu plaudern schien. Steve Jobs konnte Wired zufolge seinen Sohn seit Jahren nicht mehr ausstehen, war jedoch gesundheitlich zu angeschlagen, um sich noch während des Scheidungskrieges mit seiner Frau gegen die Verschwörungen innerhalb Apples gegen seine Person zu wehren. Reed Paul Jobs habe monatelang Schauspielunterricht beim 2019 verstorbenen Patrick „Jean-Luc“ Stewart genommen und so mit sanfter Stimme die rhetorischen Talente des Vaters um Dimensionen übertroffen. Geschwätz folgte auf Strategien, der finanziell verfettete Vorstand fiel der Reihe nach aus Angst und Gier um, Reed stieß auf kaum ein Hindernis. Schon in der Schule habe er diktatorische Züge angenommen und seine Klassenkameraden regelmäßig mit iPods bestochen, um deren Vertreter zu werden. Damals hatte man angenommen, er strebe eine politische Karriere bei den US-Nationalisten an.

Am vergangenen Montag, fast genau am 50. Geburtstag des Konzerns, hat Apple in Redmond schließlich Konkurs angemeldet, außer den beim Publikum beliebten Keynotes gab es keine sichtbaren Erfolgsrezepte mehr. Das russische Phänomen greift damit weiter um sich, als mögliche Retter in letzter Sekunde gelten AFK Sistema und Beeline.

In einem Interview im San Francisco Chronicle vom 17. April 2024 meinte Reed Paul Jobs noch gewohnt überheblich: „Ich habe die Arbeit meines Vaters nie verstanden, er hat sich immer geweigert, Apple nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen, das wird sich nun ändern.“

Einst war Apple David und Microsoft Goliath. Sollte kein russischer weißer Ritter mehr am Horizont erscheinen, wird Microsoft gemeinsam mit Apple schon am kommenden Wochenende Chapter Eleven (Kapitel Elf des US-amerikanischen Insolvenzrechts von 1978) aufschlagen, den letzten Weg antreten und mutmaßlich den Gang alles Irdischen gehen.

David Andel