Katzenjagd

Surfen unter Mac OS X ist endloses Testen. Cupertino setzt noch eins drauf und überrascht mit Safari, seit Cyberdog der zweite Anlauf diesbezüglich. Keine Umschreibung für die Pirsch nach Bugs, sondern Exkursion mittels wohl durchdachter Ansätze. Wer sich auf Safari begibt, wird von Servern rätselhaft als „Mozilla/5.0 (Macintosh; U; PPC Mac OS X; de-de) AppleWebKit/48 (like Gecko) Safari/48“ erkannt, verbirgt sich hinter alledem doch KHTML, eine schlanke wie schnelle HTML-Bibliothek aus der Linux-Welt. Ein bis zu dreifacher Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Microsofts Internet Explorer überzeugt, obgleich Chimera bei aktiviertem „Pipelining“ mithält. Die Darstellung von CSS-Inhalten ist schon jetzt iCab wie OmniWeb überlegen, Schriften werden ausnahmslos geglättet, Kopieren von Text aus Tabellen geht, die Rechtschreibprüfung während der Texteingabe in Formulare funktioniert, und im Gegensatz zu Chimera ergänzt Safari URLs auch aus Bookmarks. Die Integration ins System ist vorbildlich, ein Download mit automatisch folgender Installation weiß zu begeistern. Seit einem Jahr wird an der Open-Source-Basis gearbeitet, die von Apple vorgenommenen Verbesserungen fließen brav an die Gemeinde der Entwickler zurück.
Und die Konkurrenz? Ein Blick auf die Download-Zahlen von Versiontracker lohnt, denn schon nach einem Tag streift Safari die 10.000er Hürde. Platzhirsch Internet-Explorer (ausgeliefert mit Mac OS X, 143.000 Downloads) öffnet unverändert die meisten Tore im WWW. Allerdings ist er seit Jahren hübsch hässlich. Das beginnt beim Erscheinungsbild, das zwar an Aqua-Elemente angelehnt ist, dies aber nur vorzutäuschen scheint und endet bei den Einstellungen, die so gar nicht konform mit der Icon-Perspektive Apples gehen wollen. Microsoft reagiert träge auf Fortschritte bei der Carbon-Entwicklung, die Oberfläche stagniert seit Jahren.

OmniWeb (405.000 Downloads) will zwar unterschwellig immer wieder 29,95 Dollar, läuft aber gratis. Fast alles elegant und übersichtlich, könnte von Apple sein. Das Browserfenster ist Perfektion in puncto Richtlinien von Mac OS X. Wer aber mit OmniWeb im Netz umherstreift, wird Opfer einer Geduldsprobe. Mal verschwindet bei karstadt.de die Suchfunktion mit JavaScript, sind die CSS-Produktbeschreibungen unlesbar, mal wiederholt sich bei walmart.de der Seitenaufbau in einer Endlosschleife und mal geht bei artemide.com nach einer Weile rein gar nichts mehr. Weder lassen sich Inhalte von Tabellen problemlos kopieren, noch bauen sich größere Tabellen schnell auf. Ironischerweise verwendet Omni Development Frameworks von Apple, während sich Apple selbst mit Safari auf die Vorarbeit der Open-Source-Gemeinde verließ. Auch scheint Omni seit einer Dekade mit WWW-Standards Opfer des Spiels vom Hasen und dem Igel zu sein. Kaum war eine neue Version raus, gab es wiederum eine neue Technologie.

Noch ärger lahmt der Traditionalist iCab (219.000 Downloads). Wenige Vorteile gegenüber OmniWeb oder dem Internet Explorer, lediglich der Download-Manager hat seine Fans. Die Icons sind scheußlich wie selten, der Austausch wird dem Anwender überlassen. Gut, der Kioskmodus hilft jenen, die ihn brauchen, die Absturzfreudigkeit jedoch ist hoch, der Betastatus scheint kein Ende nehmen zu wollen. Nur Nostalgiker werden sich mit iCab für 29 Euro auseinandersetzen wollen. Der 39 US-Dollar teure und weniger stabile Opera (102.000 Downloads) ist wie OmniWeb eine Eigenentwicklung. Und wie die Gecko-Familie gibt es ihn für viele Betriebssysteme. Wer Opera oder Mozilla schon kennt, wird der lieben Gewohnheit wegen nicht wechseln. Damit erschöpfen sich aber die Argumente pro Opera. Ob iCab, OmniWeb oder Opera, nur gemeinsam wären sie stark.

Der freie Mozilla-Browser (247.000 Downloads) oder dessen Netscape-Bruder (64.000 Downloads) sind schwer integrationsfähig. Zwar lassen sich die Oberflächen mit einigen Anstrengungen an Mac OS X anpassen, doch wirkt alles fremd, von der Benutzerführung bis hin zu unnötigen Zusatzprogrammen für News und Mail. Aber es gibt ja Chimera (216.000 Downloads), dem einzig verbliebenen ernsthaften Konkurrenten zu Safari, der immer noch fast alles besser kann. Die Annäherung an Mac OS X wird zunehmend besser, die Bedienung mit jedem Update optimaler. Safari aber ist schlanker, bringt gerade mal ein MB-Drittel von Chimera auf die Wage.

Ja, wir ersticken förmlich in halb fertigen „Seitenbetrachtern“, im- und exportieren unsere Lesezeichen tagein, tagaus – man gönnt sich ja sonst nichts. Ärgern über so vieles mit nur dem einen Sinn sollte sich aber keiner, denn nie bot man uns ein solches Füllhorn, ein echtes Windows-Gefühl. Im World Wide Web haben wir seit Jaguar einen Wald voller Möglichkeiten, den wir der vielen Bäume wegen nicht mehr unbedingt erkennen.

David Andel