Es kann nur einen geben

Steve Jobs wird ein übergroßes Ego nachgesagt. Gerade jetzt, wo es mehrheitlich Kritik gegen .Mac hagelt (180.000 Abonnenten) und stillschweigend häppchenweise entlassen wird, stößt es etlichen Macintosh-Anwendern übel auf, wenn sich herausstellt, wie hoch die finanziellen Vergütungen des Apple-Mitbegründers neben dem ebenso albernen wie symbolischen Gehalt von einem Dollar tatsächlich sind. Laut dem Economic Research Institute konnte Jobs einen Bonus von 43.511.534 US-Dollar für sich verbuchen und war damit nicht nur führend im Vergleichszeitraum, sondern übertraf ebenso die Einnahmeseite von .Mac bei weitem. Aber im Apple-Vorstand befand sich bis vor kurzem noch ein zweiter Egozentriker und Großverdiener – Larry Ellison.
„Ich werde auch weiterhin Steve und dem Executive Management Team von Apple mit meinem Rat zur Verfügung stehen. Aber durch meine enge Terminplanung kann ich nicht mehr an allen Aufsichtsratssitzungen teilnehmen, um meiner Rolle als Aufsichtsrat gerecht zu werden“, heißt es in einer Pressemitteilung von Apple, die einer Titelstory der US-Zeitschrift BusinessWeek nur wenige Tage zuvor kam, in der Apple als eines der acht Unternehmen mit dem schlechtesten Vorstand gelistet wird. Das Blatt ist (sinngemäß übersetzt) der Auffassung, jene Unternehmen überkompensierten ihre oft theatralisch agierenden Vorstände, die beim Aufdecken oder Beenden von Fehlverhalten in ihrer unmittelbaren Nähe jedoch versagten. Zu den aufgezählten Unternehmen gehört auch die Bekleidungskette Gap, zu deren Vorstand bis vor kurzem (die Meldung vom 3. Oktober liest sich ähnlich wie jene von Ellison) der uns bekannte Steve Jobs gehörte und deren Vorstandsvorsitzender Millard Drexler unverändert im Apple-Vorstand verweilt.

Larry Ellison und Steve Jobs gehen wieder getrennte Wege, zumindest größtenteils. Der Titel einer in den USA erschienen Biografie lautet „The Difference Between God and Larry Ellison“ (Der Unterschied zwischen Gott und Larry Ellison) und lässt beim geneigten Leser keinen Zweifel an der Überlebensgröße des Oracle-Gründers aufkommen. Genau wie Jobs verfügt Ellison zwar über Jünger, führt jedoch im Gegensatz zu Papa Apple den Lebensstil eines Popstars (Sportskanone mit Segelyacht, Kampfjet-Pilot, Partylöwe und legendär charmanter Frauenheld), vergleichbar allenfalls mit jenem des britischen Abenteurers und Virgin-Gründers Richard Branson. Dem „Dschingis Khan“ des Silicon Valley (so ein früherer Mitarbeiter Oracles) wäre es recht, „auf das Hauptquartier von Microsoft eine Rakete zu schmeißen“, womit er den Trend zum Erstschlag dem – diplomatisch weit geringer talentierten – Trio Infernal im Weißen Haus um Jahre vorweg nahm.

Vor Apples NeXT-Übernahme wollte Ellison zusammen mit Jobs sogar mal Apple kaufen. Der immer in Maßanzügen vom eigenen Schneider auftretende Oracle-Chef hielt seinen bodenständigeren Kumpel Steve immer für den eigentlichen Anführer des letzten Herstellers von Personalcomputern, der dem Reich des „PC-Papstes“ (Ellison über Bill Gates) widerstand. Und kaum war Jobs wieder iCEO von Apple, erschien denn auch der iMac, ein in sich geschlossenes System, das der Netzcomputervision von Ellison schon sehr nahe kam, nur noch ein bisschen zu klug und eigenständig war. Und wie sollte es anders sein, Apple holt das heute nach und verdummt seine i-Software systematisch durch den Einbau von .Mac-„Features“ zum Vorteil der Abonnenten und Nachteil der Mehrheit der Apple-Anwender.

Aber warum der plötzliche Abschied, jetzt, wo alles dermaßen im Sinn von Ellison zu laufen schien? Braucht Oracle wirklich mehr charismatische Zuwendung in diesen als so düster beschriebenen Zeiten wirtschaftlicher Offenbarungseide? Ist .Mac tatsächlich auf Ellisons Mist gewachsen und stellt sich das Ganze womöglich doch nicht als so einträglich heraus, wie geplant? Vielleicht waren die Gründe des Abschieds von Lawrence Joseph Ellison ja ganz andere und in den tendenziell eher diktatorisch als demokratisch regierten US-Unternehmen ist kein Platz für zwei Despoten. Es kann bekanntlich immer nur Einen geben.

David Andel