Zu Besuch bei Joumana Medlej

„Klar, ich bin mit meinem Mac ja verheiratet“, reagierte sie selbstironisch auf unsere Bitte um ein Interview. Sie ist Sympathieträgerin sowohl für ihr Land wie für den Mac, nutzt schon seit Jahren intensiv die Kommunikationsmittel des Internet zur Werbung für ihre vielfältige Arbeit und Schilderung ihrer Weltanschauung. Im Juni, inmitten eines weltweit mit großer Aufmerksamkeit beobachteten politischen Wahlprozesses, haben wir die libanesische Künstlerin Joumana Medlej in Beirut besucht.


Bild: David Andel
„Der Libanon ist ein kleines Land, das nichts produziert – außer Libanesen“, hieß es einmal in einer französischen Dokumentation über die ehemalige Schweiz des Nahen Ostens, in der sich bis in die Siebziger Spione, Bohémiens, Geldadel, Geschäftemacher und Touristen aus aller Herren Länder die Klinke gaben. Eine ungewöhnlich gast- wie diskussionsfreudige Bevölkerung sowie das Land der Zedern als Finanzmetropole der arabischen Welt wird mit jenem Eingangszitat in wenigen Worten auf treffende Weise beschrieben. Vom Libanon ist in unseren Gefilden selten mehr zu vernehmen als Bombenattentate, Entführungen und kriegerische Auseinandersetzungen. Dabei ist es eine Nation im Aufbruch – moderner, progressiver, risikofreudiger und kreativer nicht nur als andere Länder der Region, sondern auch die meisten europäischen Staaten.

Touristen verirren sich spätestens seit dem Frühjahr kaum noch nach Beirut. Die traditionell unzähligen Luxushotels verwaisen samt ihrem Überangebot an Personal in stiller Verzweiflung, Taxifahrer und Straßencafés konkurrieren aggressiver denn je, die zahlreichen kulturellen Stätten sind so menschenleer wie Anfang der Neunziger, als vom zivilisierten Leben kaum mehr ein Stein auf dem anderen übrig geblieben war. Im Februar starb in Folge eines Attentats gewaltigen Ausmaßes der Bauunternehmer und ehemalige Staatspräsident Rafik Hariri unmittelbar vor einem Hotel, dessen Instandsetzung er jahrelang erfolgreich verhindert hatte. Seither überschlagen sich die Ereignisse, zuvor in Fatalismus verfallene Bürger entdecken ihre Solidarität wieder, gehen demonstrierend auf die Straße, die als Befriedungsmacht gekommene Besatzungsmacht Syrien zieht ihre Truppen nicht wie geplant weitgehend, sondern vollständig ab, Neuwahlen werden überstürzt durchgeführt, weitere Anschläge folgen, sowohl Kritiker als auch Freunde Syriens sind dabei die Zielscheibe. Beirut ist längst nicht mehr die verlorene Stadt aus Fairuz’ unendlich trauriger Ballade „Li Beirut“, sondern steht inmitten eines hochkomplexen und von allen Seiten beeinflussten Selbstfindungsprozesses, der akustisch kaum besser untermalt sein könnte als von der Kakophonie christlicher Kirchenglocken, singender Muazzins in den Türmen der Moscheen sowie dem Lärm zahlreicher Großbaustellen und unendlich vieler luftverpestender Autos – die Straßenbahn gibt es seit 1965 nicht mehr.

Wie Phönix aus der Asche steigt Beirut in beispiellosem Tempo wieder auf und gesellt sich damit in Windeseile in die vorderste Reihe der gewichtigen Spieler des levantinischen Nahen Ostens – möglicherweise erweckt gerade dies gefährlichen Neid. Eine Chronistin des Kampfes wie der Wiederauferstehung des Libanon ist sie und hat das Chaos seines annähernden Unterganges selbst überlebt. Sie repräsentiert die Generation der jungen Kreativen in ihrer Heimat und nimmt damit wie so viele ihrer Landsleute am Prozess einer stetigen Rekonvaleszenz teil, vermittelt uns Apple-Enthusiasten mit einer Fülle von landestypischen Symbolen und Bildschirmhintergründen den Charme des Zedernstaates. Joumana Medlej ist die perfekte Botschafterin ihres Landes und damit jener Generation, die hoffentlich auch für einen regionalen Frieden stehen wird. Wir treffen Joumana Medlej in ihrer Wohnung im Herzen der Stadt, um die Ecke ein leicht zu findender McDonalds-Schnellimbiss, der pensionsreife und annähernd gehörlose Taxifahrer wäre ohne diesen unübersehbaren Fastfood-Tempel wohl nie angekommen, sein lautes Radio war uns eine große Qual. Es ist wie so oft in Beirut heiß und und feucht, die in einer schönen Allee gelegene, schattige und multikulturell eingerichtete Wohnung mit riesigem Balkon und herunterhängenden Markisen wirkt ebenso gastfreundlich wie gemütlich, wir kommen schnell ins Gespräch.


Bild: Sabine Schumann

David Andel: Du interessierst dich offenkundig sehr für die kulturelle Vielfalt dieser Welt, sogar die Martial Arts (= Kampfkünste) haben es Dir sichtlich angetan. Fließt das alles auch in Deine Arbeit ein?

Joumana Medlej: Aber unbedingt! Ich mache mittlerweile kaum mehr etwas, das nicht irgendwelche kulturellen Einflüsse einschließt, sogar die Martial Arts schaffen es so öfters in meine Illustrationen. Beides hat indirekt auch Auswirkungen auf meinen Lebensstil sowie meine Art zu denken, was wiederum in meine Arbeit einfließt. Ich bin immer daran interessiert, Menschen auf weniger bekannte Kulturen aufmerksam zu machen, gleichgültig, ob nun auf künstlerischem Wege oder mittels direkter Informationen.


Bild: David Andel

David Andel: Sollten Künstler also um die Welt reisen, um so viele Einflüsse und Inspirationen wie möglich zu erhalten oder würdest du das eher als Gefahr für lokale Traditionen einstufen?

Joumana Medlej: Zur Gefährdung jener Traditionen trägt eher der Mangel an sorgfältiger Pflege oder nationaler Wertschätzung bei, nicht aber sich der Welt zu öffnen. Im Gegenteil sogar, erst wenn man den anderen kennen lernt und die Unterschiede erlebt, kann man viel eher einschätzen, wer man selbst ist und was einen selbst so einmalig macht, dass es erhalten werden sollte. Man hält seine Kultur immer für etwas selbstverständliches, bis man eben merkt, dass andere Kulturen ein ganz anderes Weltbild haben. Hier im Libanon fanden die Verantwortlichen zur Wahrung unserer gefährdeten Kulturgüter erst durch ihre Erfahrung im Ausland zu ihrer Berufung. Für diejenigen, die nie reisen, ist es ganz typisch, dass sie ihr Land aufgeben, schnell fremde Wege übernehmen und sich dann doch immer nach dem „grüneren Gras auf der anderen Seite“ sehnen.


Bild: Joumana Medlej

David Andel: Der Libanon ist ein Land verschiedener Gemeinschaften, Kulturen und Religionen, die jedoch vom nationalen Standpunkt her allesamt nicht wirklich integriert sind. Ist das ganze „One World“-Konzept womöglich eine Illusion der westlichen Hemisphäre?

Joumana Medlej: Ich sehe mich da nicht wirklich in der Lage, dies zu bewerten, doch das „One World“-Konzept klingt für mich wie die Bemühung, kulturelle Identitäten zu leugnen, was sich auf künstliche und gewaltsame Weise auferlegt nur in Spannung und sogar Konflikten entladen kann. Ich weiß nicht, wie erfolgreich es im Westen ist, kann es mir aber an einem Ort wie dem Libanon kaum als wünschenswert vorstellen. Hier wachsen die Wurzeln tief, Glauben und Werte spielen da eine große Rolle – unsere Identität ist alles, was wir haben. Die Tatsache, dass die verschiedenen Gemeinschaften überhaupt überlebt haben – und zwar zusammen, nach Jahrhunderten der Invasionen, ist doch ein Beweis für den Erfolg dieser lokalen Formel. Ich denke, eine Gesellschaft in einen Schmelztiegel zu zwingen ist eine sehr unverantwortliche Idee, die auch eine „Friss oder stirb“-Botschaft enthält.


Bild: David Andel

David Andel: Was ist dein künstlerisches Leitmotiv, gibt es Vorbilder?

Joumana Medlej: Ich bin immer darum bemüht, etwas zu schaffen, was „das Auge verzaubert, das Herz berührt und den Verstand anregt“. Es gibt viele Künstler und Handwerker, die mich inspirieren, darunter der Bildhauer Brancusi, der Art-Nouveau-Illustrator Alphonse Mucha, der chinesische Maler Hua San Ch’uan, der Kalligraf Hassan Massoudy – aber durchaus auch Joseph Cornell, Nick Bantock, Goudji, AM Cassandre …


Bild: David Andel

David Andel: Mit welcher Ausrüstung arbeitest Du und welche Software setzt Du bevorzugt ein?

Joumana Medlej: Ich bin mit einem 1,33-GHz-Power-Mac-G4 ausgestattet, der an einem LCD-Bildschirm hängt, hinzu kommen ein Wacom Intuos 3 Tablet, Scanner, Drucker, alles Drum und Dran eben! Ich setze eine Reihe sehr unterschiedlicher Software ein, mit Adobe Photoshop und Illustrator ganz oben auf der Liste, aber auch Indesign, GoLive, Macromedia Director, Final Cut … Photoshop aber ist ganz sicher mein bester Freund!


Bild: David Andel

David Andel: Beirut hat sich seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 sehr verändert. Heute scheint die libanesische Hauptstadt ein Cocktail aus schöner und trauriger Melancholie, aggressivem Unternehmertum, einer unvergleichlichen touristischen Infrastruktur, starken westlichen Einflüssen und einem gerüttelt Maß an Polit- und Verwaltungschaos zu sein. All das ergibt eine der faszinierendsten Städte, die ich kenne. Geht die Entwicklung in die richtige Richtung?

Joumana Medlej: Es gibt da nicht nur eine Entwicklung, sondern gleich mehrere unterschiedliche Entwicklungsebenen, die diese Frage aktuell ziemlich kompliziert machen. Da ist zum einen das von Solidere geplante Programm, dann die die zahlreichen Bemühungen kleinerer Gemeinden, etliche private Initiativen und sogar x-beliebige Leute, die ihr Umfeld damit voranbringen, indem sie bewusst in dieser Gegend ihre Wurzeln aufgeschlagen haben. All jene und wahrscheinlich noch andere tragen zum Wachstum Beiruts und dem bei, was es zu einem solch faszinierenden Ort macht. Gibt es Schieflagen und Ärgernisse, von denen ich glaube, dass man sie strikt unter Kontrolle bringen müsste? Ja, unter allen Umständen, obgleich ich anderseits auch nicht meine, ein Urteil über die Gesamtentwicklung sprechen zu können. Ich nehme das Ganze einfach als Naturphänomen hin.


Bild: Joumana Medlej

David Andel: Falls jemand, der noch nie im Libanon war, Dich über Dein Land und dessen Zukunft, seine Bevölkerung und deren Charakter fragen würde, was würdest Du da sagen?

Joumana Medlej: Dass es ein gerissenes, undiszipliniertes und sehr gastfreundliches Land ist, dessen Bewohner über eine eindrucksvolle wie ansteckende Lebensfreude verfügen. Obwohl gerade diese Eigenschaft so schrecklich lange vernachlässigt wurde, ist sie den Umweg immer noch wert, und auch wenn ein Blick in die Zukunft schwer fällt, werden wir uns keine großen Sorgen machen müssen, da wir schon die vergangenen 5000 Jahre eine Besatzung nach der andern überwunden haben.


Bild: Joumana Medlej

David Andel: Du bist schon vor über fünfzehn Jahren mit deinen Eltern nach Beirut zurückgekehrt. Könntest Du einige Deiner Eindrücke aus dieser Zeit beschreiben?

Joumana Medlej: Wir kamen sogar schon 1982 nach nur drei Jahren im Ausland zurück. Da war ich erst drei, also kann ich mich nicht mehr an viel erinnern. Aber wenn Du meine Eindrücke von 1983 bis 1991 meinst, also … Es ist ziemlich schwer, so etwas in Kürze zu diskutieren. Wir lebten und leben immer noch an der so genannten „Grünen Linie“ (der im Verlauf der Auseinandersetzungen stark verwüsteten Grenzlinie zwischen den im Bürgerkrieg verfeindeten Parteien), das waren damals harte Zeiten, in denen wir viele fürchterliche Nächte und Tage im Hausflur verbrachten, kein heißes Wasser oder Strom hatten und doch versuchten, ein normales Leben zu führen, mit Schule, Wochenendausflügen zum Strand, Reisen und Einkaufen … Da ergaben sich immer wieder vergnügliche, edelmütige oder bewegende Situationen. Einerseits war die Solidarität zwischen den Menschen eine wunderbare Sache, die ich bis zur Revolution diesen Februar nicht mehr erlebt habe. Anderseits hasse ich immer noch Feuerwerke – sie machen mich nervös. Noch immer überrascht es mich nach 17 Jahren Auseinandersetzungen und 15 Jahren syrischer Besatzung, dass wir alle noch bei klarem Verstand sind.


Bild: Joumana Medlej

David Andel: Gibt es eine wachsende Macintosh-Gemeinde im Libanon, respektive gibt es überhaupt eine? Hilft auch hierzulande der iPod dabei, die Macintosh-Philosophie zu verbreiten?

Joumana Medlej: Mit der Eröffnung eines offiziellen Apple Stores vor ein paar Jahren bei Virgin haben sich Macs definitiv über ihre kleine Gemeinde hinaus verbreitet – bei uns zu Hause gibt es Macs schon seit 1987. Der iPod ist natürlich ein gewaltiger Hit, doch auch die boomende Anzahl hauptberuflicher Designer sorgt für eine ordentliche Nachfrage. Dann gibt es da noch die große Fraktion der Amateure, die einfach begeistert von der Erkundung eines Computers sind, mit dem man vor allem Spaß und kein Kopfweh hat.

David Andel: Wenn du die Welt ändern könntest, was würdest Du zuerst tun? Und davon abgesehen, worum würdest Du Apple bitten?

Joumana Medlej: Ich glaube, dass Bildung der Schlüssel für eine bessere Welt ist. Ignoranz ist Ursprung all unserer Leiden, die in jedem Fall hätten vermieden werden können, wären die jeweiligen Vorkämpfer einfach mit entsprechendem Wissen ausgestattet gewesen, wobei ich keineswegs nur an Länder der dritten Welt denke.

Was Apple angeht, fällt mir die Antwort leicht: Bitte macht etwas mit dem Font Management! Es ist einfach inakzeptabel armselig seit der Einführung von OS X. Ich habe gerade Tiger installiert und zu meiner Enttäuschung festgestellt, dass es Panther sogar noch darin übertrifft, es für Designer unmöglich zu machen, mit ihren Zeichensätzen zu arbeiten. Ich werde das nie gegenüber einem PC-Anwender sagen, aber es nervt einfach.

Das Gespräch mit Joumana Medlej führte David Andel