Freud und Leid des Heimarbeiters

Was früher Privileg vor allem kreativ Schaffender war, hat sich schleichend zu einem Standard gemausert – die bezahlte Arbeit von zuhause aus. Freiheitsliebende Menschen, die jemals als Angestellte versklavt waren, wissen ein Klagelied von den Tücken des Lebens auf der Galeere zu singen. Es ist meist unumgänglich, in einem einigermaßen gepflegten Zustand erscheinen zu müssen, ausgeschlafen und gut gelaunt außerdem. Nicht selten sind längere Fahrtzeiten zum Erreichen des Arbeitsplatzes in Kauf zu nehmen, natürlich unbezahlt. Ganz besonders im Winter kann dies zum Terror der Stechuhr ausarten, ewige Staus oder überfüllte öffentliche Verkehrsmittel mal außen vor gelassen. Dann gibt es da den steten sozialen Krieg mit konkurrierenden wie böswilligen Kollegen. Und als ob das nicht reichte, reduziert sich die kostbare Freizeit gerade mal auf den späten Abend und die Wochenenden sowie den Bruchteil eines Jahres in Form von Urlaub, der jedoch nicht zwangsläufig erholsam sein muss.
Selbständige haben es da um Größenordnungen besser, erst recht Heimarbeiter. Wer im „Home Office“ schuftet, der kann dies so ungepflegt wie nur vorstellbar tun, ob im Kaftan, im Schlafanzug, in Unterwäsche oder wie auch immer, mit zu Berge stehenden Haaren oder grottigem Mundgeruch. Fahrten ins Büro dauern kaum länger als ein paar Minuten, denn schon das Laptop auf dem Nachtisch kann als Arbeitsplatz dienen. Nervtötende Kollegen sind eine völlig unbekannte Spezies. Weder muss gelächelt, genickt, zugehört oder auch nur laufend für Geburtstage oder Hochzeiten gespendet werden, noch besteht Anlass zur Teilnahme an irgendwelchen Ressentiments, Gerüchteküchen oder sonstigen elenden Büro-Lobbies.

Schnell jedoch folgt die Ernüchterung, will sich der Spaß an der Arbeit im Eremitentum nicht so recht einstellen. Da ist einerseits die Gefahr des totalen Verlustes von Disziplin. Denn wer etwas nicht muss, der lässt es meist auch. Schon kommt es zu ersten peinlichen Momenten bei der Begegnung mit dem Briefträger oder ungebetenem Überraschungsbesuch. Was, um diese Zeit noch im Bett? Dann wäre da der Horror einer Videokonferenz per iChat – insbesondere Auftraggebern sollte eine Konfrontation mit dem Wesen aus dem Sumpf, live und in Farbe erspart werden. Um den Kontakt mit den hochverehrten Brötchengebern aufrechterhalten zu können, bedarf es selbstredend der permanenten Erreichbarkeit. Das kann böse Auswüchse annehmen, erst recht, wenn sich deren Lebensrhythmus vom eigenen dauerhaft kultivierten fundamental unterscheidet. Unmittelbar nach dem Schlaf oder kurz davor führen die unwesentlichsten Dinge zu den unglaublichsten Verwirrungen. Anrufe kommen generell immer im falschen Moment. Sei es in einer Phase des Ausruhens, sei es in Momenten höchster Konzentration oder sei es per Mobilfunk beim Einkaufen vor dem Gemüseregal: „Nein, ich habe Ihnen keine Frage gestellt. Das ist ein Headset.“

Sogar nicht vorhandene Kollegen wirken sich negativ aus. Die Zeit im Büro war so schlecht nicht. Schließlich gab es auch allerlei hinreißende Techtelmechtel, befreiende Lachkrämpfe mit Gruppenzwang oder lauschige Überstunden mit unheimlich netten Menschen. Der Großraumbüro-befreite selbständige Mensch hingegen sitzt meist vereinsamt und zunehmend autistisch vor seinem Bildschirm, leidet entweder unter seiner Angst vor der Einfallslosigkeit, seinem Stress, seinem Mangel an privater Kommunikation oder allem zusammen. Und wann oder wie wird die Freizeit von der Arbeit getrennt? Ein komplexes Thema für denjenigen, dem die steten Ermahnungen der Arbeitgeber-Lobbyisten so total gestohlen bleiben können. Ein Treffen mit Freunden, ein guter Film im Fernsehen oder eine schöne DVD lassen sich doch jederzeit dazwischenschieben. Wenig überraschend, dass da Arbeit allmählich zu stören anfangen kann …

Infrastruktur spielt plötzlich eine tragende Rolle, denn sie darf einfach nie ausfallen. Auf den gesamten Hardware-Gerätepark, die schnelle Leitung ins Internet oder mobile Telefonie kann unmöglich verzichtet werden. Falls doch, ist zumindest ein Spaziergang zum nächsten WLAN-Access-Point angesagt, wenn er denn aktiv oder nutzbar ist. Natürlich wird immer gerade das versagen, was am meisten benötigt wird – unmittelbar vor einem Wochenende oder einer Gruppe mehrerer Feiertage. Jeder wird verreist sein, wenn alles schief geht. Keiner kann helfen, nichts will klappen – einzig sicher ist die drohend nahende Deadline. Krankheit ist auch ausgeschlossen, Karenztage sind Fremdwörter und E-Mails oder Anrufe sind selbst bei dröhnendem Kopf von gnadenloser Wichtigkeit.

Nö, Satz mit X, war wohl nix – ganz so wie die Sache mit dem Auswandern, der einsamen Insel, dem Traumpartner, dem Regierungswechsel oder all den anderen zerplatzten Seifenblasen. Im großen Ganzen keine Besserung in Sicht. Besinnlichkeit, Ruhe, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung? Pustekuchen!

David Andel