Halbe Portion

Jahrelang haben sich alte und neue Fans der legendären Understatement- Maschine einen Nachfolger des Power Mac G4 Cube gewünscht. Ein Gerät für Ästheten wie Puristen, das mit elegantem Äußeren und kaum wahrnehmbaren akustischen Lebenszeichen auch im privaten Umfeld seine unzähligen Talente entfaltet. Im Zusammenhang mit Computern noch exklusiv von Arbeitsplatzgeräten zu reden, ist sowieso längst unrealistisch geworden. Wir fertigen und kopieren privat Ton- und Bildträger, organisieren unsere private Audio- und Videosammlung, informieren uns in einem weltumfassenden Datennetz, spielen alle möglichen albernen wie herausfordernden Spielchen durch und lassen unsere binären Sklaven auch private Faxe und Anrufe entgegennehmen. Ganz klar ist da ein Markt außerhalb vom Schreibtisch im Großraumbüro.
Der 450-MHz-Cube war vor viereinhalb Jahren mit ebenso vielen Tausend Mark aber bei weitem zu früh und zu teuer. Den Rest trug Classic mit seinem DDR-Technologie-Image bei, die Hardware war der Software meilenweit voraus. Umso erfreulicher, wenn mit dem Mac mini – einprägsamer hätte natürlich „Mini Mac“ geklungen –, ein Computer in den Markt zurückkehrt, dessen Geldwiderstand und Abmessungen dem Anschein nach nicht nur ein Fünftel des ehemaligen Cube veranschlagen, sondern dessen Leistungsfähigkeit auch noch dreimal so hoch ist.

Allerdings ist das eine Milchmädchenrechnung, denn der Mac mini hat nicht nur die Größe, sondern auch die kahle Ausstattung eines Nackthundes. Und wer ihn bis zum Maximum hochpäppelt, stößt mit den Laptop- Komponenten schnell an eine Grenze – der günstige Preis erweist sich als Fliegenfänger. Die mini-Variante mit 1,42 GHz Taktfrequenz, lediglich um ein 20“-Cinema-Display (+999 Euro), ein SuperDrive (+99,99 Euro) und kabelgebundene Eingabegeräte (+58 Euro) erweitert, ergibt insgesamt 1745,99 Euro und kostet damit gerade 100 Euro weniger als der aktuelle iMac, der jedoch über wesentlich leistungsfähigere Komponenten verfügt, von der größeren und schnelleren Festplatte über die Grafikkarte bis hin vor allem zum mit 1,8 GHz getakteten G5-Prozessor. Und während die Grafikkarte unter Classic noch die Rolle eines Komparsen einnahm, wird diese unter Tiger zum Festival-Star avancieren.

Der Mac mini wird erstmal für jene zur enttäuschten Liebe, die sich wahnsinnig auf einen Rechner ähnlich dem jetzigen gefreut haben, aber eben keine ganz so mickrige Erscheinung. Und das im Jahr des HDTV! Weder begeistert der Nackthund den Tiger und die Folgekatzen, noch hauen Kapazität, Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von 2,5“-Festplatten außerhalb Laptops vom Hocker oder die maximal 1 GB RAM und 32 MB VRAM. Last, but not least verfolgt Apple der G4 seit fünf Jahren als Rechenpower- Bremsklotz. Ein neuer Mac mini dürfte somit schneller als erwartet fällig werden, vielleicht ist das ja sogar Sinn und Zweck des ganzen Unternehmens.

Klar, bei den winzigen Abmessungen wäre höheren Ansprüchen kaum zu genügen, eben das macht die Sache so vertrackt. Wieso musste der Mac mini dermaßen klein sein? Das verbaut sowohl die Option zum Einbau eines G5 für geraume Zeit, als auch sinnvolle Möglichkeiten zur Nachrüstung, etwa bei der Grafi kkarte (also nix mit 30“- Display).

Die iPod-Zubehörindustrie wird natürlich frohlocken, der gleiche Krempel für den mini nochmals, nur alles etwas größer. Als Podest für den iPod ist er auch geeignet, Lagerfeld ordert wohl 78 Stück. Klar hat der Mac mini seine favorisierte Zielgruppe: Impulsive, affektgesteuerte Switcher mit iPod- Karriere. Doch dürfte der Rechenzwerg auch zu zahlreichen Zweckentfremdungen dienlich sein, ob als kleiner Datenknecht-Dauerläufer am Internet, Bestandteil eines „Arme-Leute“-Clusters (www.apple.com/acg/xgrid kommt einem da in den Sinn) oder Multimedia- Server in „aufgetunten“ fahrenden Wohnzimmern. Der Mac mini kann ohne Probleme als iServe „kopfl os“ betrieben werden und läuft – das externe Netzteil lässt darauf schließen – mit niedriger Versorgungsspannung, ist also automobilen und anderen beweglichen Einsatzzwecken nicht abgeneigt. Kann also gut sein, dass der Nackthund nicht zuletzt deswegen viele bis verdammt viele Frauchen und Herrchen findet.

David Andel