Die große Inhaltlosigkeit

Wenn ein Hersteller wie Apple zum Pressegespräch mit der Chefetage lädt, dann ist das nicht unbedingt etwas, worum man sich reißen müsste. Ob nun regionale, auf Geschäftsfelder beschränkte Geschäftsführer oder Steve Jobs selbst, es wäre ein absolutes Novum, gäbe es einmal etwas zu erfahren, was nicht längst jeder gewusst hätte. Im Prinzip könnte man sich solche Veranstaltungen ganz sparen, mehr als Gemeinplätze werden nie verkündet, eine Erleuchtung steht auch nicht zu erwarten.
Was fragt man sowieso noch, wenn alles schon auf den WWW-Seiten und in den PR-Verlautbarungen zu finden ist und Auskünfte darüber hinaus nicht erteilt werden? Mr. Jobs, sind Sie im manchmal wetterfühlig? Mr. Jobs, bevorzugen Sie immer noch Küchengeräte von Miele? Mr. Jobs, wieso tragen Sie keine gelben Rollkragenpullover? Mr. Jobs, welchen Mac verwenden Sie zur Zeit? Aber halt, das könnte schon zum Rüffel „We don’t speak about future products“ führen – und wer will es sich mit Steve Jobs verscherzen, ein reales Interview mit dem Apple-Gründer zu vergeuden, wäre ein ganz schlimmer Fehler, das weiß doch jeder.

Man erinnere sich an Günter Gaus, einen der größten Fragensteller unserer Sprache, dem vor zwei Jahren verstorbenen ehemaligen Ständigen Vertreter des westlichen im östlichen Deutschland und späteren Mitherausgeber der Wochenzeitung Freitag. Dieser Mann schaffte es, auch jenen Zeitgenossen Neues und Überraschendes zu entlocken, von denen man es sonst nie erwartet hätte. Und er bereute es Zeit seines Lebens, als junger Mann nicht auf Marlene Dietrichs Wunsch eingegangen zu sein, die Fragen des Interviews schon vor dem eigentlichen Gespräch zur Genehmigung vorzulegen. Das kannte man sonst nur von Diktatoren und Militärs, für einen um Spontaneität bemühten Dialog war dies aber unvorstellbar. Die Dietrich verhalf also nur dem devoten Maximilian Schell zu einem Dokumentarfilm und ließ den störrischen Gaus leer ausgehen. Dabei hatte Gaus völlig richtig gehandelt, denn all die Beckmanns, Bioleks, Christiansens und Kerners sind in ihrer mäßig als Anerkennung getarnten Unterwürfigkeit bestenfalls Fleisch gewordene Schlaftabletten.

Ganz wie die Dietrich auch Steve Jobs. Er will im Prinzip überhaupt nichts von dem sagen, was das Publikum letztlich am meisten interessieren könnte. Diese von ihm ausgehende Philosophie der Unberechenbarkeit eines ganzen Konzerns hat schon das eine oder andere Desaster verursacht, da die Erwartungshaltung des Konsumenten nicht selten weit größer war als das, wozu Apple noch in der Lage gewesen wäre. Wenn man also ein Interview mit Steve Jobs liest, dann besteht dies zu 75 Prozent aus den Inhalten seiner Keynotes, zu zwanzig Prozent aus Fragmenten der PR-Meldungen des von ihm geführten Unternehmens und vielleicht gerade mal zu fünf Prozent aus Anekdoten seines höchstpersönlichen Mikrokosmos’. Was dabei herauskommt, landet in den Archiven der Apple-Fans und verleiht Steve Jobs nach und nach einen Ruf ähnlich dem des spinnerten Howard Hughes.

Aber auch wenn es nicht Steve Jobs, sondern „nur“ Philip W. Schiller oder Bertrand Serlet ist, ab einem gewissen Punkt gibt es unweigerlich den virtuellen Maulkorb. Und jener Punkt wird just die Stelle sein, ab der sich das Gespräch erst gelohnt hätte, ab der die Berufsbezeichnung Journalist noch hätte zur Erzeugung eines Mehrwerts dienlich sein können. Der Befragte wird sich dann dafür entschuldigen, nicht so sehr ins Detail gehen zu können, mitteilen, dass er solche Fragen erst von einer anderen Abteilung klären lassen müsse oder ganz einfach eine Antwort verweigern, wofür man doch sicher Verständnis habe. Und so vermitteln all diese Gespräche nie wirklich Informationen, sondern eher das Gegenteil: „Wir sagen, was alle wissen und verschweigen, was jeder wissen will“ – so erscheint Informationsfreiheit in einem ganz neuen Licht, sie endet nämlich dort, wo die Interessen der Konzerne beginnen. Wer nichts zu sagen hat, der sollte aber keine Interviews geben.

David Andel