Der lange Weg zum grünen Apfel

Zur Macworld Expo im Januar 1999 wurde zwar ein grüner iMac („Lime“) vorgestellt, grün im Sinne von umweltfreundlich war der Computer im transparenten PVC-Gehäuse jedoch überhaupt nicht. Heutige Macs tragen meist teure Aluminium-Mäntel, sollte Apple also aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben?


Bild: Greenpeace
Die „Think Different“-Kampagne muss auf Apple manchmal wie ein Fluch lasten, taucht der Slogan doch wie ein schlechtes Gewissen immer genau dann auf, wenn irgendwelche negativen Schlagzeilen über das Unternehmen zu vernehmen sind – von der wenig anheimelnden iPod-Fertigung in China bis hin zur geldgierigen Rückdatierung von Aktienoptionen in der Apple-Chefetage. So ganz anders als andere Unternehmen ist eben auch der Mac- und iPod-Hersteller nicht, deutlich wird dies nicht zuletzt bei der Umweltverträglichkeit der hergestellten Produkte.

Laut Greenpeace belegt Apple nur einen bescheidenen elften Platz mit seiner Produktlinie hinsichtlich deren Umweltverträglichkeit und kann damit gerade einmal Acer überrunden. Daran ändern auch werbewirksam vermarktete rote iPod-Modelle zugunsten des Kampfes gegen AIDS in Afrika leider nichts. Um wirklich anders zu denken, bedarf es eben doch eines umfassenderen Gesamtkonzeptes, das sich so leicht nicht alleine durch PR-Maßnahmen ersetzen lässt.

Über die Kampagne „A Greener Apple“ (ein grünerer Apple) sprachen wir mit Iza Kruszewska, Toxics Campaigner on Electronics (Mitstreiterin in Sachen Giftstoffe in Elektronik) bei Greenpeace International.


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David Andel: Sind Aktiengesellschaften und Umweltverträglichkeit nicht ein Widerspruch in sich selbst, ist Umweltverträglichkeit als Kaufanreiz überhaupt noch zu vermitteln?

Iza Kruszewska: Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Umweltverträglichkeit und Börsennotierung. Ein Negativimage in Umweltfragen kann dem Ansehen der Marke schaden und damit auch dem Unternehmenswert an der Börse. Darüber hinaus gibt es zumindest in der Europäischen Union neue Gesetze wie beispielsweise die Direktiven WEEE (Waste from Electrical and Electronic Equipment = Abfall elektronischer und elektrischer Ausrüstung) und RoHS (Restriction of Hazardous Substances in electronics = Einschränkung der Verwendung schädlicher Substanzen in Elektronik), die eine erweiterte Herstellerverantwortlichkeit (Extended Producer Responsibility, EPR) fördern und damit einen gesetzlichen Rahmen für eine ökologische Umgestaltung von Produkten bieten. Die WEEE-Direktive ist eines der ersten Gesetze, das den Herstellern individuelle Verantwortlichkeit zuweist (Individual Producer Responsibility), sie also direkt für die Beseitigungskosten ihrer Produkte verantwortlich macht. Das schafft ein System, das innovativen Herstellern wirtschaftliche Vorteile ermöglicht, wenn sie ihre Produkte so gestalten, dass diese bei der Entsorgung geringere Kosten verursachen.

Was den Kaufanreiz angeht, so stimmt es, dass seitens der Endverbraucher derzeit keine Nachfrage nach „grüneren“ Produkten besteht. Ein Bewusstsein in Umweltfragen zu erzeugen und diese Nachfrage aufzubauen, ist eine der Aufgaben der Greenpeace-Kampagne. Gleichzeitig drängen wir Hersteller dazu, grünere Elektronik zu fertigen und Umweltverträglichkeit in ihr Marketing aufzunehmen. Wir tun dies mit unserem Guide to Greener Electronics (Leitfaden für grünere Elektronik) und im Dialog mit führenden Mobilfunkgeräte- und PC-Herstellern.


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David Andel: Wie sähe der ideale Computerhersteller aus?

Iza Kruszewska: Der ideale Computerhersteller würde keine toxischen Materialien in seinen Produkten verwenden, seine Produkte zur Entsorgung wieder zurücknehmen, die Materialien auf verantwortungsvolle Weise recyclen und weiterverwenden – also qualitativ hochwertiges Recycling und kein Export in Nicht-OECD-Länder – oder sicher und rückstandsfrei beseitigen. Der ideale Hersteller würde auch nach Wegen zur Verlängerung der Lebensdauer suchen, beispielsweise Upgrades ermöglichen und defekte Geräte reparieren oder nach innovativen Vermarktungsstrategien suchen, etwa dem Geräte-Leasing.


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David Andel: Ist das große E-Müllproblem nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass Unternehmen einfach nicht lernfähig sind?

Iza Kruszewska: Solange das E-Müllproblem die Unternehmensprofitabilität nicht beeinflusst, werden Unternehmen auch nicht „lernen“. Deswegen setzt Greenpeace sich für die individuelle Herstellerverantwortlichkeit ein, was die Entsorgung von Produkten angeht. Auf diese Weise soll eine Interaktion mit Herstellern und Produktentwicklern entstehen und ebenso ein wirtschaftliches Signal gesendet werden, Umweltgifte zu vermeiden und die Lebensdauer zu erhöhen.


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David Andel: Gab es in den letzten dreißig Jahren Computergeschichte Fortschritte in Sachen Umweltverträglichkeit? Was waren die positivsten, was die negativsten Beispiele?

Iza Kruszewska: Die Gesetzgebung, beispielsweise die EU-Direktiven WEEE und RoHS, das japanische Household Appliance Recycling Law (Haushaltsgeräte-Recyclinggesetz) und andere nationale Richtlinien zur Herstellerverantwortung, beispielsweise in Südkorea, Taiwan und manchen US-Bundesstaaten, haben die Unternehmen zur Verbesserung beim Management ihrer Zulieferkette gezwungen – etwa in Sachen Einhaltung von Verboten hinsichtlich der Verwendung toxischer Stoffe auch bei den Zulieferern. Falls korrekt umgesetzt, wird die WEEE-Direktive zudem Kostensignale in Sachen Entsorgungsmanagement zurück zu den Herstellern senden, damit diese dann die Gestaltung ihrer Produkte verbessern oder deren Lebensdauer erhöhen, um besagte Kosten zu verringern.

Die negativsten Beispiele sind erstens die Bilder von primitiv recyceltem E-Müll in indischen oder chinesischen Gemeinden und die dadurch verursachte Vergiftung deren Umwelt.

Zweitens die Verunreinigung des Grundwassers mit Chlorlösungen aus der Halbleiterfertigung, beispielsweise TCE (Trichlorethylen) in der Fairchild-Fertigungsanlage von IBM in Silicon Valley sowie beruflich bedingte Gesundheitsprobleme unter den „Reinraum“-Mitarbeitern in Halbleiterfabriken, Stichwort: Corporate Mortality File (Akte über die Sterblichkeit von Mitarbeitern).


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David Andel: Apple stellt traditionell hochwertig verarbeitete Gehäuse her, bietet bislang jedoch kaum Upgrade-Optionen an, so dass immer das gesamte Gerät entsorgt werden muss. Ist Apple also nicht gerade in besonderem Maße rückständig?

Iza Kruszewska: Apple hat seine Computergehäuse aus Kunststoff mit enthaltenen bromierten Flammschutzmitteln gegen solche aus höherwertigen Aluminiumlegierungen ersetzt. Man sollte also annehmen, dass Apple diese Materialien nach der Entsorgung zurückerhalten will, um neue Geräte zu fertigen. Nichtsdestotrotz unterstützt Apple nicht ausdrücklich die individuelle Herstellerverantwortlichkeit. Diesbezüglich ist Apple sogar schlimmer als seine Konkurrenten Dell oder HP.

David Andel: Apple-Vorstandsmitglied Al Gore zitierte unlängst Upton Sinclair: „It is difficult to get a man to understand something when his salary depends on his not understanding it“ (Es ist schwierig, einem Menschen etwas zu erklären, dessen Gehalt davon abhängt, es nicht zu verstehen). Ist das nicht genau das Problem?

Iza Kruszewska: Deswegen ja die Notwendigkeit einer individuellen Herstellerverantwortlichkeit für die Entsorgungskosten, damit wirtschaftliche Anreize entstehen, Umweltprobleme zu vermeiden und die Lebensdauer der Geräte zu erhöhen.

David Andel: Was sollte Steve Jobs Ihrer Ansicht nach sofort tun?

Iza Kruszewska: Steve Jobs muss seinen Führungsanspruch durch die Vermarktung „grünerer“ Apple-Produkte zeigen. Am Anfang hieße das die Vermeidung von PVC und bromierten Flammschutzmitteln. Er muss ebenso die weltweite kostenlose Rücknahme und das verantwortungsvolle Recycling aller zu entsorgender Apple-Produkte ankündigen, wo immer man auch Apple-Produkte kaufen kann.

David Andel: Apple hat seine „Think Different“-Kampagne wohl nicht grundlos längst beendet. Ist das allgemeine Bild von Apple als „besserem“ Unternehmen nicht vielleicht ein verzerrtes und Ergebnis geschickten Marketings?

Iza Kruszewska: Das positive Apple-Image wird durch cleveres Marketing und ein Sexy-Design geschaffen, was jedoch lediglich ein Tarnmanöver zum Verbergen bescheidener Umweltverträglichkeit ist.

David Andel: Gab es Reaktionen seitens Apple oder sieht man sich in Cupertino wie üblich gerne über den Dingen stehend? Und wie sieht bis jetzt insgesamt das Feedback auf die Aktion „A greener Apple“ aus?

Iza Kruszewska: Vor der Veröffentlichung unseres Greenpeace Guide to Greener Electronics Ende August 2006, haben wir jedes im Leitfaden beurteilte Unternehmen über seine Einstufung unterrichtet, damit rund ein Monat Zeit für eine Reaktion blieb. Apple bat sofort um eine Telekonferenz, die wir Anfang Juni abhielten, und in der wir erklärten, warum Apple bei welchem Kriterium wie abschnitt. Apple änderte daraufhin Textpassagen seiner Website und erbat dann Ende Juni eine erneute Telekonferenz, um herauszufinden, wie dies die Einstufung ändern würde.

Seit 2003 stehen wir in Verbindung mit Apple, damals vorwiegend in Sachen verwendeter Chemikalien und noch nicht, was die Entsorgungspolitik angeht. Seit 2004 gab es vier Treffen mit Apple, um die Themenbereiche Chemikalien und Entsorgung zu besprechen. Seit dem Start von www.greenmyapple.com haben wir nichts mehr von Apple gehört.

David Andel: Denkt man an Greenpeace, kommen einem Dinge wie die „Rainbow Warrior“ oder die „Vega“ in den Sinn. Ist Greenpeace mittlerweile zu nett geworden, während sich gleichzeitig die Globalisierung geradezu radikalisiert hat?

Iza Kruszewska: Ich denke nicht, dass HP als Ziel der „Greenpeace Electronics Campaign“ im letzten Jahr damit übereinstimmen würde, wir wären „zu nett“ geworden.

Das Gespräch mit Iza Kruszewska führte David Andel