Es piepst wohl!

Was ist ein Signalton und wozu gibt es ihn? Er dient wohl dazu, dass sich ein Gerät ohne Sprachfähigkeiten bemerkbar machen kann. Aber können unsere kleinen und großen elektronischen Begleiter mittlerweile nicht längst sprechen und ist gleichzeitig der fürs Vokabular nötige Speicherplatz nicht längst spottbillig geworden? Hatten wir uns nicht sogar schon mit Peter Schiffs Stimme in Kubricks Weltraumodyssee angefreundet und hielten das für die Zukunft?
Aber wieso piepst, klingelt, trillert, pfeift, surrt, gongt, quäkt und hupt dann immer noch alles um uns herum? Wohl kaum aus Melancholie, Schüchtern- oder gar Bescheidenheit. Im Gegenteil, denn wir haben uns nicht nur ans Klingeln gewöhnt, sondern lassen das Klingeln auch noch immer mehr ausufern.

Bei manch einem Wecker, der im Sommer bei offenem Fenster vom Nachbarn zu vernehmen ist, stellt sich zwangsläufig die Frage, welcher gemeingefährliche Sadist sich den wohl ausgedacht haben mag? Wieso weckt einen nicht die Aufzeichnung Susi Müllers erotischer Stimme? Auch Vogelgezwitscher wäre eine Option, denn nicht zuletzt Cat Stevens alias Jussuf Islam wusste schon von dessen Schönheit zu schwärmen: „Morning has broken, like the first morning, Blackbird has spoken …“ Während Herr Turdus Merula seine Konzerte nur von März bis Juli gibt, könnte eine Tonkonserve sogar im tiefsten Winter gleich zu guter Morgenlaune verhelfen.

Der Verfasser dieses Beitrages wird von einer panischen Angst geplagt, irgendwann nicht mehr in der Lage zu sein, den jeweiligen Signalton seiner unzähligen elektronischen Helferlein einem passenden Gerät zuzuordnen. Gerade in Stresssituationen können gleichzeitig klingelnde Telefone und Paketboten für ein gerüttelt Maß an Verwirrung sorgen, zumal dann, wenn die neue Türklingel wie das alte Telefon schellt. Da kommt einem dann Archibald Haddock und der Anruf im Badezimmer in den Sinn. Der gute Kapitän der Handelsmarine saß im üppigen Schaumbad und duschte sich die Zehen bei sichtlich entspannter Mine – die Castafiore war fern. Ein Anruf zerstörte die Idylle jäh, Haddock hob ab, vergaß aber, dass er die Handbrause und nicht den Telefonhörer in der Hand hatte: „Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!“

Tonsignale haben die fatale Eigenschaft, schnell zu nerven, spätestens nach ein paar Monaten langweilig zu werden, verlieren oft sogar gerade dadurch ihren Nutzen. Selten ist es einem akustischen Signal vergönnt, 25 Jahre lang seinen Dienst zu tun, so wie dies beim „Indicatif de l’aéroport de Roissy“ vom französischen Elektronikmusikpionier Bernard Parmegiani der Fall war, welches sogar auf einer bei Kennern heißbegehrten CD-Sammlung zu finden ist.

Als Anfang der Neunziger die ersten GSM-Endgeräte aufkamen und wenige Jahre später (noch nicht finanziell) tragbar wurden, ergaben sich ulkige Situationen. So dominierte 1995/1996 ein bestimmtes Modell von Motorola den Markt, bei dem nur ein Klingelton auszuhalten war. Das führte dann in Metropolen wie London dazu, dass bei einem eingehenden Anruf mindestens vier Personen gleichzeitig zum Telefon griffen. Schon aber kam von Nokia Abhilfe, denn fortan gab es firmenspezifische Klingeleien. Leider wurden seit ein paar Jahren zunehmend viele Telefone zunehmend lernfähig, weshalb heute auch ein Sony Ericsson gern mal so tut, als wäre es ein Nokia – und umgekehrt natürlich, „Old Telephone“ lässt grüßen.

Zwar piepst es in Science-Fiction-Filmen immer noch durch die Bank, sei es vor dem Eintritt in einen Raum oder beim Empfang einer Videonachricht, angenehm ist das aber nach wie vor nicht, glaubwürdig auch nicht gerade. So ist den Bemühungen von AT&T herzlich dafür zu danken, dass wir endlich jeden individuellen Absender einer E-Mail mit einer eigenen Ansage versehen können. „Post von Steve“ klingt doch um so vieles schöner als irgendein schnöder Signalton.

David Andel