Das Ende der Mandarine

In den frühen Siebzigern gab es nichts anderes als Mandarinen – keine Clementinen, Minneolas, Satsumas, Kumquats und anderen Obstunfug in in kleiner gelber Form. Diese seit Jahrhunderten existierende klassische Frucht vermutlich chinesischer Herkunft hat einen feinherben, leicht säuerlichen Geschmack, der in hohem Maße erfrischend wirkt. Für viele Kinderherzen standen damit die Wintermonate nicht nur für Schneeballschlachten und Weihnachtsgeschenke, sondern auch für den alljährlich wiederkehrenden Triumphzug der gelben Frucht, die selbst die Orange in ihre Schranken wies. Sobald die ersten Mandarinen in die Läden kamen, waren Kälte, grauer Himmel und trockene Luft vergessen, konnte man sich in ein bequemes Sofa hinein kuscheln und zu einem guten Film die eine oder andere Frucht zu Gemüte führen.


Bild: David Andel
Natürlich kam es dann und wann einmal vor, dass Mandarinen entweder Kerne enthielten oder aber nicht besonders gut schmeckten, das war aber selten, sehr selten. Irgendwann dann in den späten Siebzigern folgte ein beispielsloser Verdrängungsprozess in unseren Obstgeschäften. Die Mandarine erhielt Konkurrenz von einer ähnlich aussehenden Frucht namens Clementine. Während man sich anfangs noch das eine oder andere Mal dazu herabließ, auch dann und wann einmal die eher belanglos zuckrig-süß schmeckenden Neulinge zu kaufen, nur um schnell wieder zum unvergleichlichen Original zurückzukehren, wurde es über die Jahre immer schwerer, überhaupt noch Mandarinen zu finden.

Was heute oft das ganze Jahr über verkauft wird, ist meistens alles andere als eine Mandarine. Selbst wenn Mandarine drauf steht, ist unter den teils zähen Schalen eine unsäglich überzuckerte Clementine verborgen, immer wieder mit Kernen, immer wieder insgesamt unappetitlich und alles andere als erfrischend. Die heute unerträglich oft gefälschte Frucht wirkt nur noch wie das Ergebnis eines jahrelangen Anpassungsprozesses an den Massengeschmack, zuckersüß, banal, ohne jeden nachhaltigen Charakter, als sollte die Mandarine mit aller Gewalt auch jene zum Kauf verführen, die sonst nur Cola und Chips konsumieren.

Nur wo ist sie hin, die Originalfrucht? Was hat man ihr angetan, in welches Exil getrieben? Gibt es sie überhaupt noch? Ja, aber sie ist oft verdammt teuer geworden und versteckt sich in kleinen Obstläden abseits großer Kundenströme von Super- und Wochenmärkten. Richtig, auch dort, wo man sie vermuten könnte, wird man regelmäßig aufs Kreuz gelegt, denn selbst auf Wochenmärkten werden Kunden immer wieder die Zuckerfälschungen aus der Retorte angedreht, wer weiß schon, ob Mandarine überhaupt ein geschützter Begriff ist. Und siehe da, so manches Mal schaffen es auch Satsumas geschmacklich interessant zu werden, wozu Clementinen oder Kumquats gewiss niemals fähig sein werden. Insgesamt aber ein trauriges Schicksal, das die Mandarine erleiden musste, aber vielleicht erlebt sie ja eines Tages eine Renaissance, feiert ein Comeback und zeigt all jenen Geschmacksverirrten, was es heißt, ein Original zu sein …

David Andel