Dial M for Murder

Welche Chimäre es auch gewesen sein mag, die Anfang März tagelang durch Macintosh-Newsdienste und darüber hinaus geisterte – ein gemeinhin gemeingefährlicher Dialer war das nicht. Dialer sind nicht unbedingt vom Wortsinn her, doch aber üblicherweise sich einschleichende Progrämmchen, die heimtückisch kostenintensive Telefonate führen. Mag sein, es gibt irgendwo auf dieser Welt auch offen agierende Dialer, die vom zurechnungsfähigen Besitzer beabsichtigt hochpreisige Leitungen aufbauen, um dann zweifelhaft mehrwertige Dienste abzurufen. Und wer der Auffassung ist, mittels einer 0190er-Nummer irgendwelche Freuden, Informationen oder Ratschläge erhalten zu können, die es auf andere Weise nicht zumindest besser und sorgenfreier gibt, glaubt zwar mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genauso an Schlümpfe und Trolle, soll aber tun und lassen können, was ihm beliebt.
Was derzeit nach und nach in den Vorwahlbereich 0900 übertragen werden soll, ist nichts anderes als das Vorausbezahlen einer Rechnung, ohne allerdings über die zu erbringende Leistung gewahr zu sein. So haben längst zahlreiche Berufsgruppen diese Einnahmequelle als Ei des Kolumbus entdeckt. Denn nirgends sonst gibt es Knete in fast jedem Fall. Seit es Dialer gibt, lässt sich der Vorgang außerdem automatisieren. Das ist noch wesentlich praktischer, übernimmt den hinderlichen Wählvorgang doch eine Maschine. Der Hemmschuh Mensch – und damit die einzunehmende Hürde vor der einzunehmenden Summe – fällt komfortabel weg. Die kassierenden Unternehmen sind nicht selten auf Unerreichbarkeit ausgelegt, eine Geld-Zurück-Garantie existiert nicht.

Wir Nutzer eines Macintosh können darüber lachen, denn uns betrifft das nicht. Wäre da nicht kürzlich diese Meldung gewesen, die uns alle bis ins Mark erschütterte und glauben machen wollte, es wäre soweit – der erste Dialer fürs Mac OS. Trotz aller Bemühungen aber erreichte die Software im Fall des hinsichtlich seiner Privatsphäre durchaus paranoiden Verfassers dieser Kolumne ihr Ziel in keinem Fall. Weder klappte die Übertragung der Daten per Camino, Internet Explorer, Netscape, OmniWeb oder Safari, noch stürzte einer der genannten Browser ab. Weder geschah etwas per Modem, per ISDN oder per DSL. Nach Wahl der Option „Falls Sie sich lieber per Modem zu unserem Service verbinden möchten, klicken Sie bitte hier“ erschien in allen Fällen eine leere Seite, deren Quelltext keinen Sinn ergab. Irgendwann ist der Download offenkundig einigen wenigen Anwendern gelungen und eine Datei im XML-Format tauchte auf. Zwar brachte auch deren Nutzung keinerlei Möglichkeit, den „Dialer“ einmal in Aktion erleben zu können, doch ließ sich immerhin der Eindruck gewinnen, wie wenig heimtückisch die Macintosh-Variante gewesen wäre, funktionierte sie überhaupt.

Zahlreiche Formulierungen der Art „Ich versichere, dass ich über 18 Jahre alt bin.“, „Ich bin mir bewusst, dass diese Software eine Verbindung zu einer Mehrwert-Nummer aufbaut und dass die Kosten für diesen Service der e-group einen Euro und sechsundachtzig Cent pro Minute (1.86 EUR/min) und Kanal betragen.“ und „Zum Aufbauen der Verbindung, wird Ihr Computer die Modem-Verbindung zu Ihrem lokalen Internet-Anbieter beenden.“ klingen nicht unbedingt so, als geschähe hier etwas mit besonderer Heimlichkeit. Also, völlig falscher Alarm, um nicht zu sagen, kompletter Unfug. Klar, Alarmismus aller Art sorgt für Quote, ein afghanisch-irakischer Milzbrand-Dialer mit Massenvernichtungsschleife im Verzeichnis /bin/ladin würde niemanden überraschen. Wie hieß es zu Zeiten Friedrich Haarmanns, der mit seinem Komplizen Hans Grans zwischen 1918 und 1924 zwei Dutzend junge Männer ermordete, zerteilte (und gemäß irrigem Volksglauben zu Dosenfleisch verarbeitete) doch so schön: „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu Dir – mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus Dir.“

David Andel