Brüsseler Terrorspitzen

Es ist Montag früh in Brüssel, die Stadt ist voller Militär und Polizei. Eine Beamtin tritt aus einem Regierungsgebäude im Stadtzentrum und wird gefilmt. Da die beiden Kameramänner alles andere als professionell oder auch nur glaubwürdig wirken, stellt sie die Frage, für wen sie arbeiten. Die mutmaßlich nicht echten Journalisten flämischer Herkunft verweigern die Antwort und reagieren aggressiv. Daraufhin wendet sich die Frau an einen Polizisten, der die Papiere der beiden überprüfen will. Doch die falschen Kameramänner sind bereits verschwunden …


Bild: David Andel
Es wäre wenig überraschend, gehörten die beiden mageren und ausgesprochen mürrischen Flamen zum Staatsschutz und wäre das gedrehte Material dazu gedacht, festzuhalten, wer alles das Regierungsgebäude verlässt und betritt – eine missratene Vorspiegelung ziviler Präsenz. Glaubwürdigen inoffiziellen Quellen zufolge gibt es nicht nur die deutlich sichtbare Anwesenheit des Militärs an Orten mit erhöhtem Sicherheitsbedürfnis, sondern auch noch einen nicht unbeträchtlichen Anteil bewaffneter Mitarbeiter des Staatsschutzes in Zivil.

Die militärische Präsenz in Brüssel ist keineswegs neu, sondern gehört schon seit den Attentaten auf ein Pariser Satiremagazin im Januar zum Alltag. Damals beschränkte sie sich jedoch lediglich auf einige Botschaften (die zum Teil dafür bezahlen) sowie den Regierungssitz (16, rue de la Loi), mittlerweile hat sie sich aber regelrecht infektionsartig über die ganze Stadt verbreitet, wobei davon auszugehen – und zu hoffen – ist, dass es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme handelt.

Erklärt werden sollte in diesem Zusammenhang, dass der Regierungssitz 16, rue de la Loi vor allem dekorativer Natur ist, denn die wahren Amtsgeschäfte finden andernorts statt. Kurierdienste können ein Lied davon singen, denn wer jemals ein Paket dort abgeben wollte, der wird sofort zur 4, rue Ducale geschickt, ein weit weniger repräsentativer Zugang zur Macht.

Solange aber die höchste Sicherheitsstufe 4 aufrecht erhalten wird, werden die Bürger Brüssels Zeugen eines nicht ganz so friedlichen Alltags und die üblichen Diskussionsthemen wie der unerträgliche Fluglärm, das ewige Müllproblem, die Ende Juni eröffnete Fußgängerzone riesenhaften Ausmaßes, die Zerstörung des Reyers-Viadukts oder der jüngste Kauf des enormen Citroën-Gebäudes aus den Dreißigern durch die Stadt zum Zwecke der Ansiedlung des Museums für moderne Kunst geraten aus dem Fokus.

Apropos Fluglärm. Die NATO befindet sich in unmittelbarer Nähe des Nationalflughafens in Zaventem vor Brüssel und wird fast andauernd überflogen. Das ist überraschend, stellt dies in Zeiten erhöhter Terrorgefahr doch ein beträchtliches Risiko dar. Suizidgefährdete Piloten sind schließlich nichts Neues mehr, doch scheint dies in den Köpfen der politisch verantwortlichen Kräfte nur eine Nebenrolle zu spielen, lässt sich so doch der gesammelte Fluglärm sehr viel leichter über die in Flandern unbeliebte Stadt verlagern, weshalb eine vor Jahren noch vorhandene alternative Startbahn Südost still und heimlich abgebaut wurde.

Nun ist in Brüssel alles anders, denn der kleine im Westen Brüssels gelegene Stadtteil Molenbeek-Saint-Jean ist heute nicht mehr nur durch den Film Jeanne Dielman, 23 quai du Commerce, 1080 Bruxelles der unlängst verstorbenen belgischen Regisseurin Chantal Akerman, die zu kulturellen Zwecken genutzten alten Gebäude der Brasserie Bellevue oder das ebenfalls kulturell sehr aktive Château du Karreveld bekannt, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass dort heute zahlreiche Einwohner marokkanischen Ursprungs leben. Ein Stadtteil, aus dem der Kern der Verantwortlichen für die jüngsten Attentate in Frankreich stammen soll.

An dieser Stelle muss erklärt werden, dass der Ruf Brüssels im Norden des Landes maßlos übertrieben schlecht ist, da das unter einem ewigen Minderwertigkeitskomplex leidende Flandern die auf seinem Territorium am untersten Rand befindliche Stadt Brüssel an vorwiegend frankophone Bewohner verloren hat, die jüngsten demografischen Schätzungen der Association pour le Développement de la Recherche Appliquée en Sciences Sociales (ADRASS) zufolge 66,5% der Bevölkerung darstellen, wohingegen sich der Rest in 28,1% Ausländer (inklusive EU-, Lobby- und Botschaftsmitarbeiter) und 5,3% Flamen aufteilt. Und was vor allem die nationalistisch-separatistischen Kräfte Flanderns, bestehend aus (unter anderem) N-VA/Volksunie, Vlaams Belang/Vlaams Blok und LDD/Lijst Dedecker nicht in ihr Macht- und Sprachterritorium einbeziehen können, wird mit einer geradezu abenteuerlich herabwürdigenden Propagandaschlacht permanent schlecht geredet. Jene seit vielen Jahren währende Schmutzkampagne führt denn auch dazu, dass viele Flamen vor Brüssel regelrecht Angst haben, so als handele es sich bei dieser Stadt um einen einzigen großen Gefahrenherd, in den man allenfalls aus beruflichen Gründen hinein- und dann schnell ins heimelige Flandern wieder herausfährt. Die Zahl flämischer Pendler ist beträchtlich – profitiert wird gern von der städtischen Infrastruktur Brüssels, aus flämischen Steuermitteln finanziert soll davon aber möglichst wenig bis nichts werden. So landeten unter anderem die Schätze des botanischen Gartens (heute in Meise) zur Überraschung und zum Entsetzen vieler Bewohner Brüssels durch allerlei Geschacher auf politischer Ebene in Flandern, was hier nur als ein Beispiel für die kulturelle Austrocknung der Stadt dienlich sein soll.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Herkunft der Attentäter des 13. November in Paris von der aktuellen N-VA-dominierten Regierung maßlos ausgeschlachtet wird. Bis zum heutigen Zeitpunkt ist dabei kaum glaubwürdig, dass die bisherigen Überwachungsmaßnahmen die so offenkundig radikalisierten Kräfte nicht zutage gefördert haben sollten. Offenkundig aber ist auch dieser Vorgang nur ein weiteres Beispiel für das universelle Versagen der stets ausgeweiteten staatlichen Überwachungsmaßnahmen. Je mehr Daten der Staat hat, desto weniger kann er damit anfangen und allenfalls erst nach vollendeter Tat entsprechend reagieren. Und dabei sei dahingestellt, ob dies nun tatsächlich anhand der über Monate hinweg immer intensiver erhobenen Daten erfolgte oder ob nicht abermals die übergroße Dummheit der Täter die bedeutendste Ermittlungsrolle spielte.

David Andel