Blauzahn beißt Apfel

AirPort ist eine feine Sache. Wie kaum eine andere Hardware bringt Apples Plastik-UFO fast nur Vorteile. Der Wegfall des vor allem bei tragbaren Rechnern hinderlichen Netzwerkkabels ist von großer Bedeutung, da alle modernen Informationsdienste auf dem TCP/IP-Protokoll basieren. Wer einmal mit iBook oder PowerBook in der heimischen Umgebung von der Qual der immer zu kurzen und nicht selten auch gefährlichen (als Fallstrick bewährten) Strippe befreit wurde, möchte diesen Komfort nicht mehr missen. Der Mensch muss nicht mehr zum Computer gehen, sondern der Computer kommt jetzt zum Menschen.
Leider gibt es eine viel zu große Zahl von Zeitgenossen, die immer noch ein Faxgerät für den Stand der Technik hält. Dann begegnet der mit AirPort ausgestattete Datenreisende stets aufs Neue dem Ärgernis, zwar fast alles drahtlos erledigen zu können, auf den Versand und den Empfang von Telefaxen bezieht sich diese Freiheit aber nicht. Ebenso werden über das Telefonnetz eingegangene Sprachnachrichten selbst im Jahr 2002 in Abwesenheit des Empfängers selten moderner aufgenommen, als das schon James Garner vor 25 Jahren in „Detektiv Rockford – Anruf genügt“ zu Beginn jeder Folge tat. An den Telefonanschluss kommen wir mit unserem Macintosh gänzlich altmodisch nur per Kabel. Es gibt zwar Faxsoftware für Netzwerke, ob 4-Sight Fax, FaxElite oder FaxExpress, doch reißen die zum einen ein ordentliches Loch ins Budget und machen zum anderen noch einen zweiten Macintosh erforderlich, der außerdem unter Classic laufen muss. Und dieser ganze Aufwand nur wegen der paar Faxe im Jahr?

Wer sich schließlich verzweifelt auf Outsourcing verlässt, ist verlassen. Die T-NetBox Universal Messaging von Mama Telekom beispielsweise kennt außerhalb des Windows-Universums überhaupt nichts. Zwar funktioniert der Faxempfang schön komfortabel und eingehende Faxe werden in E-Mails umgewandelt, um per POP abgeholt werden zu können. Eingehende Anrufe hingegen setzen zum Abspielen mit Mail über QuickTime einen Codec von 1996 voraus, für den unter Mac OS X gerade einmal Stillschweigen angesagt ist.

Egal welche Lösung für den Bereich der Telefonie in Augenschein genommen wird, sie ist entweder nicht drahtlos, zu teuer, viel zu umständlich oder alles gleichzeitig. Manch einer wird argumentieren, bald käme ohnehin die IP-Telefonie auf uns zu, doch wäre das bloßes Wunschdenken. Seit vielen Jahren warten wir schon auf derart elegante Lösungen, ob IPv6 für die Anbindung aller unserer elektrischen Geräte ans Internet oder aber ein reibungslos ins Internet integriertes Telefonnetz. Pustekuchen, nichts kommt, zumindest nicht so bald. Und wenn schon IP-Telefonie, dann laufen die hierzulande bislang greifbaren Ansätze zwar übers Internet, setzen aber seit anno dazumal auf ISDN-Endgeräte. IP-Telefone und -Faxgeräte sind für einen Massenmarkt unverändert zu teuer und rar.

Was für Mac OS X wirklich fehlt, ist eine Kombination aus drahtlos ansprechbarer Hardware und Software fürs Telefonnetz, ähnlich AirPort. Der Anfang scheint gemacht, ein weißer Ritter namens Blauzahn ist zumindest am Horizont auszumachen. Eine ISDN-CAPI fürs Netzwerk existiert zwar nicht für Mac OS X, wohl aber ist schon eine für Bluetooth standardisiert. Die Berliner Firma AVM dachte bei der Konzeption vorwiegend an Linux, die Implementierung wird jedoch im Quellcode und auch noch frei verfügbar sein. Gute Karten also für drahtloses ISDN über Bluetooth auch für den Macintosh unter Mac OS X. Klingelt dann mal das Telefon in Abwesenheit, wird das iBook oder PowerBook aufwachen und sich der Sache annehmen, die Nachricht sogar ins Internet weitergeben können. Wir dürfen uns freuen.

Ob das Endprodukt nun iPhone oder sonst wie heißt und von Apple oder sonst wem kommt, ist egal. Nur sollte es endlich einmal kommen. Jeder popelige Windows-PC zeigt uns die Nase, geht es ums Telefonieren oder Faxen, das ist alles andere als schön. Opa ISDN gibt es jetzt seit Mitte der Siebziger (Bigfon), das Telefax erfand der am 11. März im Alter von hundert Jahren verstorbene Rudolf Hell im Jahre 1929 (Bild). Höchste Zeit für den Apfel, sich vom Blauzahn mal beißen zu lassen.

David Andel