Black Is Beautiful

Obgleich der Codename von Mac OS X 10.3 „Panther“ lautet und insbesondere schwarze Panther gefährlich schöne Leoparden sind, verweigert sich Cupertino bei der Gestaltung seiner Hardware dieser farblichen Variante. Nach fünf Jahren Apple-Design unter der Federführung Jonathan Ives ist eines sicher – er mag absolut kein Schwarz oder aber er verbirgt seine Zuneigung meisterhaft. Als im Frühjahr 2000 das letzte PowerBook in annähernd schwarzem Gehäuse das Licht der Welt erblickte, sollte es das letzte seiner Art werden, regelrecht als Gattung aussterben. G3-Power-Macs waren damals blau, deren G4-Nachfolger wurden anthrazit und bei gleich bleibendem Formfaktor von Generation zu Generation nur mehr heller und glänzender. Und wer erinnert sich nicht an „Bondi“ (Blau), „Blueberry“ (Aquamarin), „Strawberry“ (Rosarot), „Tangerine“ (Orange-Rot), „Lime“ (Hellgrün), „Grape“ (Purpur), „Graphite“ (Grau) oder „Snow“ (Weiß), was in psychedelischen Explosionen namens „Blue Dalmation“ und „Flower Power“ gipfelte und endete, woraufhin so mancher schon am Verstand Steve Jobs zweifelte. Schwarz jedoch fehlt in meisterhafter Konsequenz und folgt selbst nach fünf Jahren nicht nach. Die Farbenvielfalt insgesamt ist längst Geschichte, heute ist jedes PowerBook metallisch-hell, jeder Power Mac transparent-hell und iBooks, iMacs sowie iPods weiß – allmählich wird das klinisch langweilig.


Bild: Apple
Die farbliche Stagnation im Design-Bereich unterstreicht auf unglückliche Weise die Stagnation bei den Prozessoren. Tragbare und stationäre Macs sind beileibe nicht hässlich, nur kommt einfach nichts Neues, nichts Überraschendes mehr. Da und dort ein paar veränderte Nuancen, seien es leicht variierte Materialien, andersfarbige Frontblenden, neue Kabel oder neue Netzteile. Selbst der letzte Exot, die verboten aus der Reihe tanzende dunkle Pro-Maus, ist konformistisch erbleicht und seit geraumer Zeit in krankenhausweiß erhältlich. Bevor Jobs zu Apple zurückkehrte, waren seine Computer noch rabenschwarz, inklusive NeXT-Laserdrucker, -Tintenstrahldrucker und -Maus. Das animierte so manchen Jünger zu Nachahmung. Die Büroräume des US-amerikanischen Software-Herstellers id software, in denen John Carmack ehemals Doom entstehen ließ, waren ebenso schwarz wie die darin befindliche Hardware von NeXT.

Ive hingegen scheint ein sonniges Gemüt zu sein, die geheimnisvolle Aura schwarzer Hardware, wie schon in Form eines schwarzen Monolithen in Stanley Kubricks Epos 2001 zusehen, beeindruckt ihn nicht. Dabei nehmen sich selbst nach intensiverer Recherche die beiden Zustände weiß und schwarz nichts. Weiß steht gemeinhin für Leere, ein unbeschriebenes Blatt, Reinheit, Unbeflecktheit, selbst Himmlisches. In der Liturgie der Kirche repräsentiert Weiß Licht, Auferstehung und Leben. In der Politik ist Weiß als Zeichen der Neutralität bekannt, im Krieg steht Weiß für Aufgabe oder die Ankündigung eines Parlamentärs, in der Werbung für ein hohes Maß an Sympathie. In Asien allerdings ist Weiß Symbol der Trauer, aus chinesischer Sicht gar Krankheiten förderlich und hierzulande auch Symbol von Totenblässe, Kälte – bei Autos als Statement maximaler Einfallslosigkeit unbeliebt. Schwarz wiederum hat eine lange technische Tradition, gilt als Inbegriff des Geheimnisvollen oder der Magie. Obgleich weiß die Heiligkeit gepachtet zu haben scheint, tragen Priester und Rabbiner bevorzugt schwarz, sind im Gegensatz zu Asien schwarze Gewänder Ausdruck von Trauer und Ernsthaftigkeit.

In einem SPIEGEL-Interview vom Februar 2000 meinte der Apple-Chefdesigner noch „Das größte Risiko wäre gewesen, nichts Neues mehr zu schaffen“, hat das mit der Formgebung des iMac abermals bewiesen. In vielen Bereichen dreht sich Apple aber neuerlich im Kreis, so auch bei der Wahl der Farben. Ives bisherige Abneigung ist kaum mehr als gestalterische Laune und damit nicht unumstößlich. Es wird Zeit für einen neuen Aufbruch in Sachen Design, noch weißer als weiß langweilt schon in der Werbung grenzenlos. Also, wann kommen die ultimative „Black Box“ fürs Digital Hub, das schwarze PowerBook oder der schwarze PowerMac G5? Wann werden wir ein neues, ergonomisch verbessertes Monitor-Design im schwarzen Gehäuse sehen? Es ist an der Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden – denn „Bright’s alright but black is beautiful“!

David Andel

[Nachtrag vom 27. Juni 2013] Neun Jahre nach der Erstveröffentlichung dieses Beitrags wurde das seit dem 24. Juni 2003 äußerlich nur minimal veränderte Design der Profi-Produktlinie des Herstellers radikal umgekrempelt. Dabei war es weit weniger überraschend, dass Apple nicht nur sämtliche optischen Laufwerke und auch Festplatten wegrationalisieren würde, denn statische Computerskulpturen sind schon seit Jahren Cupertinos unumstößliche Vorgabe, sondern dass die gestalterische Form derart radikal neue Wege einschlüge. Weißer Softline-Kunststoff oder gelochtes Aluminium machten einem fast schon unheimlich wirkenden rabenschwarzen Zylindergehäuse Platz, das nichts anderem mehr ähnlich sah außer sich selbst.