Wohltäter der IT-Konzerne

Er arbeitet täglich ehrenamtlich oft stundenlang, mit größter Sorgfalt und Fachwissen, protokolliert jeden seiner Schritte, setzt eigene Arbeitsmittel ein und schreckt auch vor Überstunden Nachts und am Wochenende nicht zurück. Wer ist das? Richtig, ein Betatester!


Bild: James Montgomery Flagg
Bei der Einführung neuer Software-Versionen wird er nur selten gewürdigt, prinzipiell erhält er so gut wie nie Dank, weder seitens des Herstellers, der Presse noch der Kundschaft. So gerät dann allmählich immer mehr in Vergessenheit, dass das Endergebnis zahlreicher Produkte bei weitem nicht alleine auf der Arbeit bezahlter Fachkräfte des Herstellers beruht, sondern ausgesprochen viel auch dem unermüdlichen Einsatz jener zu verdanken ist, die ihr Fachwissen und ihren Perfektionismus aus Idealismus kostenlos zur Verfügung stellen.

Berücksichtigt man die Milliardenumsätze von Herstellern wie Apple, muss es schon als heftige Ausbeutung erscheinen, wenn das stille Heer der testenden Endanwender und Entwickler, das zur letzten Instanz der Qualitätskontrolle zählt, so gut wie völlig leer ausgeht, was die Früchte seiner Arbeit angeht. Einziger Erfolg ist bestenfalls, wenn der gefundene Fehler in der Endversion auch behoben wird, was aber keineswegs immer der Fall ist.

Die Abarbeitung mancher Fehlerlisten benötigt schon mal ein paar Jahre, das kann durch einen Wechsel der Prioritäten aber auch durch simplen Personalmangel des Herstellers begründet sein. Auch in Cupertino ist es gang und gäbe, dass manche Fehlverhalten nur deswegen nicht angegangen werden, weil plötzlich iPhone und iPad wichtiger sind als Mac OS X und der Mac. Und anstelle der Rekrutierung neuer Fachkräfte, wird lieber zu Lasten der Kunden gespart und stattdessen auf die lange Bank geschoben. Natürlich passiert es dann auch viel zu oft, dass die irgendwann fehlerbereinigte Version zum Upgrade und damit kostenpflichtig wird.

Dramatischer allerdings die Situation auf Seiten der Ausgebeuteten, die dieses unverblümt systematische Hersteller-Schmarotzertum noch nicht einmal als solches empfinden. Schließlich erhält der geneigte Betatester ja nicht selten kostenlose Vorabversionen und weiß damit weit besser über all das Bescheid, was gewöhnlich sterbliche Kunden erst am Tag des offiziellen Verkaufs erfahren. Der Preis, den er dafür zahlt, ist allerdings heftig. Stundenlanges Testen auf den eigenen Computern, immer wieder Installation auf Installation, immer wieder die Überprüfung derselben Bereiche, nicht selten verbunden mit heftigen Abstürzen und dramatischen Fehlverhalten. Aber das heutige Wissen um die Ausstattungsmerkmale und Leistungsfähigkeit von morgen ist es doch wert, oder? Nein, denn reden darf die so vorab informierte Testperson über ihren Informationsvorsprung ja nicht. Nur in internen Foren dürfen Eingeweihte untereinander kommunizieren, nicht jedoch mit der gerüchteempfänglichen Außenwelt.

Jene internen Foren haben es aber nicht selten in sich. Als der Betatester Erich Mustermann (Name auf Wunsch des Betroffenen geändert) einmal die Erfahrungswerte eines Nicht-Testers mit in eine Diskussion einbringen wollte, wurde dies keineswegs als willkommene Erweiterung der Diskussionsgrundlage gutgeheißen, sondern als Verrat interner Geheimnisse an Außenstehende scharf kritisiert. Später stellte sich zwar heraus, dass dies bei der fraglichen Vorgehensweise auch aus der Sicht des Herstellers keineswegs der Fall war, der Haussegen hing dann jedoch bereits schief, von einer am gleichen Strang ziehenden Gemeinde Eingeweihter konnte da schon keine Rede mehr sein.

Was auch immer einen Menschen dazu bewegt, einem schwerreichen und so gut wie nie wohltätig agierendem Unternehmen mit kostenloser Arbeit unter die Arme zu greifen, sei dahingestellt. Das Prinzip des unbezahlten Betatesters ist und bleibt ein fragwürdiges und wird auch nicht unbedingt dadurch sinnvoller, weil vielleicht der ein derzeit störender Fehler irgendwann einmal behoben wird. Arbeit muss bezahlt werden, ansonsten ist ein Leben in einer geldorientierten Gesellschaft nicht möglich.

David Andel