Begriffsstutzig

Mac OS X ist ein auf mehrere Sprachen ausgelegtes System. Werden die zahlreichen regionalen Erweiterungen nicht entfernt, können Menschen aus unterschiedlichen Ländern ein und denselben Macintosh unter Mac OS X nutzen und sich darauf heimisch fühlen. Nur wenige Anwendungen werden noch mit getrennten Sprachfassungen vertrieben, die überwiegende Mehrzahl gibt sich längst weltgewandt. Zu verdanken ist dies bei Shareware wie bei kostenlosen Anwendungen nicht selten Privatpersonen. Insbesondere bei Cocoa-Applikationen ist es – technisch gesehen – fast kinderleicht, eine Oberfläche zu lokalisieren, wie es im Fachjargon heißt.
Zwangsläufig werden Anwendungen ebenfalls von weniger sprachlich versierten Mac-Enthusiasten beispielsweise ins Deutsche übertragen, was zum Einzug von allerlei Irrungen und Wirrungen führt. „Standarten“ sind zwar eine Fahnenart meist repräsentativen Charakters, in den Oberflächen betroffener Programme aber repräsentieren sie nur Standards. Zu Zeiten, wo beim Internet-Auktionshaus eBay ohne mit der Wimper zu zucken ein „Standart-Netstail“ verkauft wird, fällt das natürlich kaum mehr auf. Noch schlimmer aber ist die Übermacht der Anglizismen, also jene aus dem angelsächsischen Sprachverkehr oft vorbehaltlos übernommenen Wortkonstrukte. So dürfen sich seit kurzem „Corega“ und „Persil“ Tabs über die Gesellschaft von Mozilla und Safari Tabs freuen. Was allerdings sind Tabs? Oder wieso werden einige Fenster „minimiert“ anstelle sie einfach zu verkleinern, respektive – wie Apple es vorgibt – sie im Dock abzulegen?

Im englischen Sprachgebrauch gibt es zwar auch Germanismen – vom „Kindergarden“, über den „Augenblick“ bis hin zur „Gesundheit“ oder dem „Zeitgeist“ – doch sind dies seltene Ausnahmen. Weit eher scheinen vor allem US-Amerikaner geneigt zu sein, die eigene Sprache einerseits mit Abkürzungen wie ACME für „A Company Manufacturing Everything“ (eine Firma, die alles herstellt), AFAIK für „As Far As I Know“ (soweit ich weiß) oder IMHO für „In My Humble Opinion“ (meiner bescheidenen Meinung nach) zu durchsetzen und andererseits die abenteuerlichsten bildhaften Umschreibungen zu erfinden, sodass nurmehr englisch anmutendes Sprachpüree für einen eingeweihten Kreis übrig bleibt.

Folglich muss es seltsam klingen, wird beispielsweise Upload oder Download direkt übersetzt. Denn erst beim Auffassen ohne sprachliche Hürde offenbart sich das falsche Sinnbild, da es im Internet keine verschieden hohe Ebenen gibt, demzufolge auch nichts hoch- respektive heruntergeladen werden kann. Durchaus zutreffend wären Senden und Empfangen, durchgesetzt jedoch haben sich Upload und Download. Ähnliches gilt für die so genannte E-Mail, was direkt übersetzt elektronische Post ist und keine einzelne Sendung, sondern das Kommunikationsmedium insgesamt umschreibt – wahrscheinlich war „E-Letter“ zu lang. Anstelle aber auf den E-Brief als Übersetzung zu vertrauen, was nicht nur zutreffend, sondern auch schön kurz wäre, wird abermals das falsche englischsprachige Sinnbild übernommen. Auf diese Weise werden Anwendungen selbst innerhalb einer Sprachfassung schon mehrsprachig.

Während Frankreich staatlicherseits gewillt ist, den eigenen Sprachschatz mit Gewalt von Fremdeinflüssen zu säubern, verursachen Kultusminister hierzulande dagegen Gruselwörter wie Schampun, Scharm, Schofför oder Sketsch, und es bleibt Einzelinitiativen wie einem Macintosh-Nachrichtendienst überlassen, auf verlorenen Posten zu kämpfen. Vom „WWW-Seitenbetrachter“ oder dem „E-Brief“ ist dort rührend die Rede, kommt die Sprache auf Apples Safari oder Mail. Immerhin, eine so ausdrucksreiche Sprache wie Deutsch ist nicht übersensibel und braucht auf Einflüsse von außen noch nicht panisch zu reagieren. Ob es lateinische, griechische, französische oder angelsächsische Einwirkungen sind, sollte dabei keine Rolle spielen. Nicht zuletzt haben sich Übersetzungen wie Brenner, Drucker, Laufwerk, Festplatte, Bildschirm, Netzteil, Grafikkarte, Maus oder Fenster problemlos durchgesetzt. Dennoch ist es an der Zeit, neben sprachlicher Sorgfalt auch mehr wortschöpferischen Ideenreichtum anzustreben und umzusetzen. Klingen direkte Übersetzungen à la Feuermauer, Bildschirmschuss oder Mutterbrett zu dumm, müssen neue Worte her. Diese Worte sollten unmittelbar aus den Kreisen der Anwenderschaft kommen, das Internet bietet Foren genug dazu. Einprägsame, originelle und leicht zuzuordnende Worte. Geschieht dies aber nicht, wird unsere Sprache eines Tages nicht minder überaltert sein als unsere Gesellschaft dies jetzt schon ist.

David Andel