Sind sie außer Gefahr?

„Sind sie außer Gefahr?“ wollte in John Schlesingers (er starb am 25. Juli) „Der Marathon Mann“ die von Laurence Olivier verkörperte Figur des KZ-Arztes Christian Szell unbedingt wissen und unterzog Dustin Hoffman einer grausamen Zahnbehandlung. Szell wurde gegen Ende des Films Opfer seines Verfolgungswahns wie seiner Gier. „Sind sie außer Gefahr?“ wollen nicht minder paranoid auch die Rechteverwerter dieser Welt unbedingt wissen. Sie müssen absolut sicher sein, ihr Schäfchen jetzt und für alle Zeiten im Trockenen zu haben. Egal wie, egal womit und egal wodurch wollen sie partout außer Gefahr sein. Wie in der Politik wird Sicherheit damit zur Worthülse, zur Rechtfertigung für alle Arten von Fehlverhalten.
War die Kooperation von Apple mit der Musikindustrie ein Fehler? Beobachter der gegenwärtigen Lage der Musikverlage können schwerlich übersehen, wie selten falsch eine in Panik geratene Branche alles macht, die sich manisch konsequent ihr eigenes Grab schaufelt, ihre ehemaligen wie künftigen Kunden systematisch kriminalisiert und neue Geschäftsfelder wie der Teufel das Weihwasser meidet. Während P2P die Motivation eines neuzeitlichen Robin Hood sein könnte, verfolgt Apple am ehesten den Ansatz des weißen Ritters, handelt gemäß edler Motive und schafft damit scheinbar die Quadratur des Kreises, es nämlich allen recht zu machen.

Wie ein Fluch belastet die Musikbranche die Unverträglichkeit zwischen der Verwaltung virtuellen Besitzes und der Lebensart des Menschen – gerechtfertigt werden soll die grobe Einschränkung der Nutzung musikalischen Kulturgutes mit einer sich nicht mehr erfüllenden finanziellen Anspruchshaltung. Der inflationäre Umgang mit der Bezeichnung „Diebstahl“ für etwas, was gar nicht gestohlen werden kann, ist dabei nur der Gipfel eines ganzen Unfug-Berges. Schon das Sinnbild des industriellen Produkts ist unzutreffend, denn es geht um keine Serienfertigung physischen Guts, sondern die simple Vervielfältigung einer Idee oder einer Sammlung davon. Es werden keine 100.000 Lieder aufgenommen, es wird ein Lied hunderttausendmal kopiert. Gäbe es realen Diebstahl in diesem Zusammenhang, müsste dies ab dem hunderttausendsten Diebstahl zum totalen Verschwinden des Titels führen und nicht nur zum Ausbleiben der Einahmen einer allenfalls theoretisch hunderttausendfach verkauften Kopie.

Das finanzielle Schlaraffenland, das durch die Erfindung des Tonträgers entstand, wurde durch den Wegfall der Notwendigkeit desselben zur von Missgunst geprägten düsteren Nekropole, in der zwischen all den Gräbern nur noch Juristen eine Goldgrube zu finden scheinen. Eine Branche, die sich um die so genannte Produktion, die Vermarktung und den Vertrieb nunmehr gespenstischer Tonträger kümmert, muss sich entweder den Gegebenheiten anpassen oder umdisponieren. Stattdessen entwickelt sich die zuvor nützliche Infrastruktur zum größten Gegner des Fortschritts, wohingegen ein nonkonformistischer Hersteller wie Apple genau das Gegenteil sucht. Fälle wie jener des Shawn Yeager, der nach Toronto zog, seine zunächst legal gekaufte Musik aber nicht mitnehmen durfte oder jener des George Hotelling, der bei eBay einen legal erworbenen Titel des iTunes Music Store erneut feilbot, zeigen, wie schwierig dieses Unterfangen ist.

Wer 1981 auf der Berliner Funkausstellung die Vielfalt internationalen Satellitenfernsehens entdeckte – waren es nun afrikanische, indische oder japanische TV-Programme –, der sah sich durch Medienpaten wie Rupert Murdoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurückversetzt. Gleiches galt sehr viel später für viel reisende PowerBook-Besitzer, die auf der Suche nach Zerstreuung den Segen von DVDs mit Regionalcode kennen lernten. Der Geist der Maschine heißt „Content“ und entwickelt sich zum alles zerfressenden Hardwarevirus. Die Videokassette hätte dieser Virus fast zerstört, das digitale Audiomedium DAT hat er zerstört und die Einfachheit des MP3-Formates will er gerade zerstören. Die Verbindung von Technologie mit künstlerischen Inhalten wäre ansonsten ideal. Sei es das Finden von Ohrwürmern durch „Query by Humming“ (Suche durch Summen), das Ergattern jahrzehntelang verschollener Musiktitel wie der Originalfassung des „Miss Marple“-Titels von Ron Goodwin oder der Empfang exotischer Radiosender per Streaming. Leider ist diese schöne neue Welt in Gefahr, denn das Gesetz der Zuwachsrate will verhindern, dass wir zu billig davonkommen.

David Andel