Gibt es ein Apple nach Steve Jobs?

Das Apple-Ereignis des Jahres 2004 war nicht der iMac G5, der iPod photo, AirPort Express oder GarageBand. Es waren auch nicht die zahlreichen verheißungsvollen Aussichten auf Tiger. Nein, aus der Sicht eines notorischen Pessimisten war es die Erkrankung des Steve Jobs. Schmerzvoll wurde einem bewusst, dass der Apple-Mitbegründer und nach seinem NeXT-Exil in den heimatlichen Hafen Cupertino zurückgekehrte messianische Erretter unseres Lieblingsunternehmens nämlich nur ein Mensch ist. Ein Mensch zwar, der ausgerechnet eine der seltensten harmlosen Varianten einer der schlimmsten und sonst garantiert tödlichen Erkrankungen hatte, dennoch aber war es ein Besuch vom Todesboten namens Krebs, der unüberhörbar bei Jobs im Juli an die Tür klopfte.
Steve Jobs wird und wurde oft als idealer Firmenchef beschrieben. Einer der akribische, kreative und visionäre Charaktereigenschaften in seiner Person vereint und gewinnbringend einzusetzen weiß. Zeitgenossen, die Jobs kennen oder begegneten, bezeichnen ihn nicht selten zudem als gnadenlos und jähzornig, ungeduldig und unnachgiebig. Zweifellos gehört auch zu den Eigenschaften des als Findelkind in unsere Welt geworfenen Jobs sein zwar nicht absonderlicher, doch aber ausgesprochen nonkonformistischer Lebensstil, der privat modern-minimalistisch sein soll. Insgesamt entsteht so ein Bild ähnlich dem von Egozentrikern der Größenordnung eines Howard Hughes, einem Unternehmenslenker mit Marotten also, den die Nachwelt nicht so schnell vergisst.

Doch sind sie keineswegs übermenschlich, unsterblich oder auch nur unverwüstlich, selbst wenn sie alle noch so hochgejubelt werden, mehr verdienen als sie jemals ausgeben können oder mehr verdienen als sie verdienen: Die Firmenmogule, CEOs und Vorstandschefs, oder wie auch immer sie sich gerne nennen. Jene kompromisslosen Veganer, Reinlichkeitsfanatiker, Weltrekorde brechenden Ballonfahrer, Regatta- Segler oder Hobby-Rennfahrer haben einfach mehr Möglichkeiten aufzufallen, als dies bei einer Arbeiterin am Fließband oder einem Streckenarbeiter bei der Eisenbahn jemals der Fall sein könnte. Endlos leben werden sie trotz alledem nicht.

Auch wenn Steve Jobs mutmaßlich kreativer, visionärer, weitblickender oder auch nur sympathischer sein dürfte als vielleicht jene öffentlich abschreckenderen Beispiele vom Schlage eines Ackermann, Esser, Sommer oder was auch immer, sollte doch allmählich klar werden, dass die üblichen „Regierungsformen“ innerhalb von Unternehmen auch gravierende Nachteile haben können, die ihren diktatorischen Pendants in der Weltpolitik in vielerlei Hinsicht gefährlich ähnlich werden können. So steht und fällt ein nur mit einem Namen in Verbindung gebrachtes Unternehmen wie Apple genau mit dieser einen Person, denn wer wird oder wer kann überhaupt auf jemanden wie Steve Jobs folgen? Apple durchlief ja bereits Phasen wie die Sculley- oder die Amelio- Periode, doch wohin hat das schon geführt? So „ameliorisierte“ sich vor Jobs Rückkehr bei Apple rein gar nichts mehr, der Trend ging längst in Richtung Morgenthau-Plan.

Wenn ihm nicht alles egal ist, wäre der iCEO wohl gut beraten, sich die kommenden Jahre sehr sorgfältig nach jemandem umschauen, der ihm einmal folgen könnte. Schon die nicht von ihm gehaltenen Keynotes führen einem bedenklich vor Augen: Nachfolger eines autodidaktisch agierenden Charismatikers in Rollkragen-Pulli und Turnschuhen zu werden, ist außerordentlich schwer, wenn nicht sogar unmöglich. Denn diese Spezies geht ja gerade eben nicht aus so genannten „Elite-Hochschulen“ hervor, ist meist Ergebnis einer frappierenden Verkettung idealer Zufälle. Wer auch immer also eines Tages Steve Jobs folgt, er wird niemals wie Steve Jobs sein. Zum Glück sind Vorruhestandsregelungen in Vorständen system wie zweifellos vor allem gierbedingt (oft gepaart mit einer Überdosis Selbstüberschätzung) eher selten. Investoren und Sektenmitglieder können also vorerst aufatmen.

David Andel