Ist Apple allmächtig?

Als der Journalist Philippe Desalle in der belgischen Tageszeitung „Le Soir“ ganz einfach Schritt für Schritt beschrieb, wie völlig unzutreffend die zeitlichen Vorhersagen von Mac OS X 10.5 Leopard bei der Installation sind und sich fast fortlaufend auch noch ändern, war das für sich genommen ein sehr berechtigter Artikel. Schon seit vielen Jahren schließlich ist es völliger Quatsch, was einem Mac OS X da für einen Bären aufbindet. Erst soll es ewig lang dauern, dann plötzlich nur noch ganz kurz, was letzten Endes aber alles doch nicht zutrifft. Man stelle sich nur einmal vor, dass unsere allgegenwärtigen Zeitmesser diese Form der willkürlichen Schätzung einsetzten. Niemand käme mehr vor Mitternacht ins Büro und die Mittagspause dauerte manchmal nur eine Sekunde lang. Warum Apple überhaupt an dieser Marotte festhält, wenn es doch nie stimmt, weiß keiner so genau. Die Zeitangaben sind so lachhaft, dass genauso gut angezeigt werden könnte, dass es jetzt gleich oder irgendwann später soweit ist.
An Reaktionen auf diesen Artikel waren überhaupt nur Zustimmungen zu erwarten, denn es handelte sich um einen minutiös belegten und protokollierten Installationsablauf auf einem drei Jahre alten PowerBook G4. Aber weit gefehlt, es gab infolge des Beitrags nicht einen einzigen Leserbrief, in dem es solidarisch geheißen hätte „Stimmt, das geht mir auch so, es nervt gewaltig!“ oder etwa „Wäre ja schön, wenn Apple das mal richtig hinbekäme.“ – noch nicht einmal ein bescheidenes „Ja, klar, aber ich gehe sowieso immer einen trinken, wenn ich ein neues Mac OS X installiere …“ Nein, stattdessen hagelte es wahre Hasstiraden, als ginge es um Leben und Tod, um die Errettung unser aller Seelenheils, die Vermeidung des abendländischen Untergangs.

Kritik am Mac? Völlig unmöglich! Leser „Etan“ schrieb, der Artikel sei einfach lächerlich, Leopard das Beste vom Besten. Der Vorgang der Aktualisierung dauere nur Minuten, Schuld an der ganzen Warterei wäre doch nur der drei Jahre alte Mac. Und wie sähe das überhaupt mit Vista aus? Objektiv wäre das alles nicht … Im weiteren Verlauf des Pamphlets wurden alle möglichen Probleme von Windows Vista aufgeführt und – last but not least – selbstredend noch die Qualifikation des „so genannten Journalisten“ infrage gestellt.

Leser „CtHu“ wiederum äußerte sich zwar zurückhaltender, erkannte gar eine humoristische Facette des Artikels, sprach dann jedoch vom schlechten Geschmack des Verfassers, dem viel zu alten Mac und der insgesamt geringen Informationstiefe des Beitrags.

Leser „Trunk“ seinerseits nannte „Time Machine“ die einzig wahre Innovation von Leopard, wohingegen der Rest doch alles aufgewärmter kalter Kaffee wäre und man deswegen auch noch von Photoshop CS2 auf Photoshop CS3 upgraden müsse.

Von „domshovel“ kam schließlich der merkwürdige Einzeiler, dass Apple schön, einfach, leistungsfähig und praktisch wäre – fragte sich aber, wieso man dennoch bei Windows bleibe.

All diesen Leserreaktionen ist zu entnehmen, dass auf den Inhalt des Ausgangsbeitrags mit Hohn und Spott und allerlei Feststellungen, nicht jedoch mit inhaltlichem Bezug reagiert wird. Philippe Desalle hätte wohl genauso gut über jeden anderen Bereich von Leopard schreiben können. Wäre keine bedingungslose Begeisterung dabei herausgekommen, wäre mit genau den gleichen Reaktionen zu rechnen gewesen.

Es ist seltsam, warum so viele von uns Mac-Anwendern nicht locker-lässig über den Dingen stehen können. Natürlich ist es immer besser, einen schnelleren oder den allerschnellsten Mac überhaupt zu haben. Natürlich ist auch Vista nicht das Gelbe vom Ei oder gar ein faules. Natürlich ist kein Standpunkt objektiv, gibt es keine ganze Wahrheit. Aber warum überall permanente Lobhudelei und penetranter Missionarismus? Nichts würde sich mehr entwickeln, Cupertino zum Wolkenkuckucksheim. Apple ist aber weder allmächtig noch eine Sekte noch ein gemeinnütziger Verein.

David Andel