Steves Angebot der Woche

Apple ist endgültig der Berechenbarkeit entronnen und hat es nach Jahren der Pflege eines Paralleluniversums zudem geschafft, die reale Welt zu erobern. Es scheint nun keine Rolle mehr zu spielen, was wann wo veröffentlicht wird, denn der Rubel rollt einfach. Das Prinzip Harry Potter, Robbie Williams, Paris Hilton, Tamagotchi oder was auch sonst immer automatisch zu Geld wird, hat sich seit dem iPod auch Apple zu Eigen gemacht und veröffentlicht querbeet Produkte, die kein Mensch mehr erwartet und doch jeder gutheißen wird. Und gäbe es denn eine Erwartungshaltung irgendwo, Steve Jobs würde womöglich jede noch so plausible Idee erst weit von sich weisen und dann wenige Monate später doch umsetzen, so geschehen beim iPod mit Videofunktion.
Ganz klar fährt Cupertino seinen Kurs des Desinteresses gegenüber der Öffentlichkeit mit voller Konsequenz. Divenhaft werden im kleinen Kreis auf „Special Events“ Mini-Expos am laufenden Band ausgetragen, die Kundschaft darf zeitverzögert davon Ruckelbildchen genießen und sich gierig auf die ersten Serienexemplare stürzen. Nicht wirklich fi ndet da mehr eine Marktsondierung statt, der Konsument kauft, genießt und schweigt. Der Großteil der Presse gerät dabei zum PR-Faktotum, Testgeräte folgen dem kleinen großen Ereignis erst mit gebührendem zeitlichen Abstand.

„Wer unerwartet auftaucht, sollte auf alles gefasst sein“, sagt uns die Weisheit eines Unbekannten. Apple scheint de facto auf alles gefasst zu sein und taucht auch laufend unerwartet auf, womit die Absicht jener Aussage wohl ad absurdum geführt worden wäre. Es ergibt kaum mehr einen Sinn, Kritik ob dieser oder jener Taktik zu üben, denn auch der neue iPod wird noch erfolgreicher als der alte iPod, die permanente Selbstkopie zum Selbstläufer, selbst der iPod mit Newton-Funktion scheint da nicht mehr fern.

Die reale Neuheit der Saison zwischen Apple Expo und Macworld Expo heißt allerdings nicht iPod, sondern iMac. Ebenso plötzlich wie unerwartet optimiert der iPod-Hersteller mit Computer- Herz zum ersten Mal seit Jahren seine Strategie des „Digital Hub“, lanciert einen Flachmann mit integrierter Kamera und Fernbedienung und führt damit all jene an der Nase herum, die vor der Ära Macintel nur noch iPods erwartet hatten.

Nicht ganz in die schöne neue Welt hinein passt da der Abschied von Jon Rubinstein, der wohl ahnt, was Apple plant. Neben Avadis Tevanian war Hardware-Mann Rubinstein treuer Wegbegleiter Steve Jobs schon während der Ära NeXT, zeichnete damals verantwortlich für die legendäre schwarze Hardware, verließ das Unternehmen vor Jobs’ Intel-Switch Nummer Eins, damals noch unter Aufgabe der eigenen Hardware. Know-How wird heutzutage ausgelagert, Outsourcing lautet die Devise, und Intel ist vielseitig. Ein Entertainer komponiert nicht selbst, er trägt nur vor. Ist es das, was uns 2006 erwartet?

Apples Schauspiel des übermütigen Draufgängers dürfte noch so einige Vorhänge erleben. Klappt es nicht zur Expo, wird die Event-Schiene gefahren – eins kommt selten allein. Was schert mich mein Geschwätz von gestern? „Because I can!”, wie es Charme-Prolet Robbie Williams einmal zum Ausdruck brachte. „What goes up, must come down“, brachte es hingegen Robbies Landsmann Alan Parsons auf den Punkt. Wir sind Zeugen der Entstehung eines Entertainment- Monopolisten namens Apple, den mancher von uns sich lieber als Informatik- Monopolisten vom Schlage Microsoft oder Hardware-Platzhirschen à la Dell gewünscht hätte. Ob die neue Karriere aber dauerhaft ist, wird sich zeigen.

David Andel